Archivalien, Vigilien

Ich habe das alles auf CD. Ich habe das alles auf Kassette. Ich habe das alles in Kisten und in Postpaketen. Die Kassetten missbeschriftet, die CDs in ihren Kästen noch nach Farben geordnet, ich finde nichts, aber ich habe das alles. Ich verzweifele über Youtube, für das ich zu oft im falschen Land wohne. (this time: FUCK U MG.)

Ich muss das nicht besitzen, ich will nur darauf zurückgreifen können. Weiß nicht, wo ich meine Datenträger hinräumen soll, es fehlen noch Regale. Digitalisieren und verschenken wäre nett. Festplattevoll und dann? Ist so: Alles haben zu wollen doch nur, um jederzeit darauf zugreifen zu können. Wenn ich das kann, ohne etwas zu besitzen, bin ich frei. Und dann kommt ein Hai und ich nicht so „Iiih, shriek“ sondern eher „wow, woah!“: Grooveshark liberated me. I actually am free. Now I know. Now I dance –

Denkt mich euch so:  Ein Leibchen, ein Kugelkopfhörerkopf, die Musik so laut, dass man kein Pupsen hört, die Hände auf den Lautsprechern auf den Ohren, die Hände in der Luft. Hellgrünes Headbanghaar, das macht, dass man am nächsten Tag den Nacken wegen Weh nicht nach vorne kippen kann, das macht hellohluja! Praise & embrace was Nacht ist, was wach ist, was tanzt. Ich schwöre, ich schwitze nicht, weil es hier so heiß ist.

All die Musik, die ich mit mit 14 bei Napster heruntergeladen habe. Das ist ab Mittwoch zehn Jahre her. Anniversarzeit, Jahrzeit. All die Musik, die dazwischenliegt, in Kisten und im Kopf.

She likes to move / ‚Cause I’m a free bitch, baby / Zeig mir dein Gepäck, komm schüttel Bug und Heck / See me, single and free, no tears, no fears, what I want to be / Turn it up ‚Cause it turns me on / It’s tearing up my heart / Hey you, what do you see? Something beautiful, something free? / Look at me I gotta case of body language / Zuviel Kraft in der Lunge für zu wenige Trompeten / Terracotta terracotta terracotta PIE! / […]

(Etwas teilen wollen, das man nicht teilen kann, weil es nur in allein geht. Ich liebe ohne Rezipient*innen, das ist allerleichtestens.)

Blütenlese

We have need of a soothing story to banish the disturbing thoughts of the day, to set at rest our troubled minds, and put at ease our ruffled spirits.

Müll würde machen, dass dieses Zimmer kein Kitsch wäre. Müll macht das macht nichts. Taschentuchtauben auf dem Tisch. Das Tanka-Buch auf der Toilette spricht von Kissenworten. Ich kann nur raten, was das meint. Makurokotoba. Taschentuchtiere, daneben ein ein Milchkännchen mit drei dickblühenden Rosen drin; cremeweiß, cremerosa, zartrosa. Taschentuchgefeder, ich weigere mich, das Allergie zu nennen. Ich pack mir lieber eine Schere in die Tasche, um behender zu pflücken. Sie rankt sich entgegen, die Stadt mit ihrem Stolz in Blumen.  Eine Überflut. Wie die Ostsonne mit Glitzerklebefolierollen spielt, ein Kinderspielelicht. Neonflimmerlid, ich leg mich, ich bette mich in. Und unter den Spitzenborten, die mein Betthimmel sind, ist immer noch ein Platz frei. Meine Matratze trägt. Mein selbstgebauter Lattenrost hält viele meere aus. Später äße man Suppe aus Kokosmilch und roter Beete. Das gäbe gute Flecken auf der weißen Decke. Man könnte die Taschentuchvögel darauf heben.

What makes me reallyreally happy

Zucker, zum Hörenguckendenken. Mit Zucker im Ohr windwiesennah oder windwiesendrin wolangtanzen. Wolangtanzen! Luftwucht und blind durchs Gras. Ans Wasser bis Brennesseln kommen und Fliegenkolonnen. Wasser. Warmes Wasser und Wind. Oder mit Weiszklee am Frühstückstisch und Joan Baez und Kresse aufs Brot und Teelicht im Stövchen. Er topft Kakteen um, im Balkondunkel, ich stell erst eine Kerze dazu, dann kann ich ihm eine weiße Pausentasse reichen, Acapellabjörk. The nerves are sending shimmering signals/ All through my fingers

Aussicht und Gemütlichkeit. Haut, die wo hingehört. Was wollen. Das behalten wollen. Luftlifted, schwingen. Winghair. Tanzschritt, behende. Bewegung.

Mutmaßlich mitgenommen werden. Gleich klopft vielleicht ein Rothaarkind an meine Tür. Wie gut, dass ich eben Pfannkuchenstapel getürmt habe. Wie gut. She got a fast car/ I want a ticket to anywhere

Wir türmen. Wir werden Wellen schubsen. Sie sagt „freies Rauschen, Lachplan, Fahrtkind, Fußsohlen rein, Wasserschlacht“, ich sag „ja“. Jetzt.

 

uncool und cool

Ich bin etwas früh und schüchtern und ohne eine zum Händchenhalten da, ich setz mich auf eine Steinstufe und notiere mich zur Ruhe. Einige stehen schon auf dem Platz, so in losen Grüppchen, es geht gleich los und ich bin noch allein. Spricht mich einer an:

„Hier sind alle pervers in Frankfurt.“
„Wer ist pervers?“
„Na, die Leute hier.“
„Du findest das pervers?“
„Ja, oder nicht?“
„Wenn du das pervers findest, finde ich dich pervers.“
„Alle pervers in Frankfurt. Ich komm nicht aus Frankfurt.“

Später, zu anderen:
„Die sind alle ein bisschen anders in Frankfurt. In Mainz ist das nicht so.“

Stell mich lieber ohne Händchenhaltepartnerin zwischen die Gruppe, treffe eine Schulfreundin, die mich hochwirbelt, darf aber nicht ihre Hand halten, weil ihre Freundin ein Problem damit hat. (Ich wunder mich schon arg lang über das Monopol, das Partner*innen auf freundschaftliche Zärtlichkeiten haben. Wie doof, dass das ein vermintes Feld ist, und nicht leicht und offen und teilbar. Ich bin Gefahr wie ein Modelleisenbahngeländegestrüpp.)

Wir malen Kreideherzen, stellen uns dahinein, ich bekomme einen lieben Jungen vermittelt, wir zwei halten unsere Hände am Allerlängsten von allen in die Höhe. Danach gibt’s Buttons, Brause und wir bemalen den Platz mit klugen Kreidesprüchen. Mein Liebling geht so: I’m an equal opportunity lover, I like the boys, the girls, the others. Die Touristen, die mir zugucken und das fotografieren, lächeln, als ich fertig bin.

Auf dem Heimweg erst einer, der im Vorbeigehen versucht mich anzusprechen, so ein beliebiges Flüstern, ich denke „tsss“. Eine Straße weiter überhole ich drei coole Mädchen. Ich glaub, die baggern mich an. Erst so: „Woa-woa-woa, gewagt!“ (Gummistiefel, Blumenrock, Bench-Jacke des Bruders), dann ruft die Coolste der drei: „Ey pretty girl, SWAAAG!“

Ach hach.

Packliste

Wäre Herbst, gäbe es gute Gelegenheit, den rippengestrickten Regenbogenschal zu tragen. Ich muss dringend Wäsche waschen, seit letztem Spätsommer steht der Sack mit den bunten Sachen. Resterampe Kleiderschrank. Morgenheut gehe ich auf Abenteuerreise, ich gehöre praktisch ausgestattet. Schlafsäckenächte ahead. Ich gehöre ins Bett. Ich habe noch nicht gepackt. Ich hab fast noch nie nicht in der Nacht davor gepackt. Ich muss das jetzt mal machen.

DIN A(pfel)6 Notizbuch, das schwere Notizbuch, Bleistift, Gelstift, Glitzerstift

Netbook mit Mew-Glitzersticker, darauf einen grünen Ordner, dadrin pdfs

Hose, Pulli, Hemd, Unterwäsche, Rock, Strumpfhose, Schal, Schlafhemd

Zahnbürste, Zahnpasta, Waschzeug, Gesichtanmaldinge

Schlafsack, Kissen ohne Kaffeeflecken, Plüschpuffin?

Brille, Medikamente, Papiertaschentücher

Mitnehmtelefon, Kopfhörer, Kabel

Portemonnaie avec argent

perlige Geschenkchen

Hunger und Mut

Zugmusik

Es fehlen Süßigkeiten, es fehlt vielleicht Alkohol. Taschen im Kleid und darin Schokolade. Das gehört so. Trefft mich und ich geb euch was ab. Setzt mir eine Raupe auf die Braue und ich frag nach eurer Liebingsfarbe. Das probiern, unter anderem. Herzkaries.