17.2.

Mal nicht schreiben, wenn ich müde bin, sondern wach. Es wäre etwas Besonderes. Es ist besonders, wie oft ich in dieser Woche früh wach wurde und dann auch aufstand. Auf wiewenig Schlaf man durch eine Woche gleiten kann. Heute war es sechs Uhr, als das kleine Kind vom Schlafzimmer zu mir ins Kinderzimmer wackelte, wo ich neben dem großen Kind im Bett lag. Ich liege immer außen, und so trank das kleine Kind im Stehen, vom Bettrand auf meine Brust gelehnt, als stünde es müde an einer Bar.

So früh wach, und so früh wie möglich raus, zum Laufen. Ich bin jedes Mal neu neugierig, wie es sich anfühlt. Wenn man vor acht Uhr auf der Straße ist, liegt die Welt zu allen ausgetreckten Fingerspitzen leer, nur Morgensonne und einzelne Leute mit ähnlichem Anliegen. Ich mag, wie ich Stadtnutzung so aus einer anderen Perspektive sehe. Wer ist wann wie unterwegs. Zum Beispiel Mittagspausenläufer_innen, meistens Männer, die von der behochhausten Innenstadt her auf den Weg einbiegen. Heute früh: Raureif, ein unfotografierbares Glitzern. Ein Mann, der aus dem Liegestütz in die Hocke in den Liegestütz und so weiter hüpft, es sieht sehr anstrengend aus. Aber Anstrengung: Das Schönste daran, mit ihr nachhause zu kommen: Hände im warmen Gesicht. Einen Körper haben und es okay finden.

Später Sahne geschlagen, für die zweite Geburtstagstorte der Woche und ein kleines Fest. Ich respektiere wenig so sehr wie Schlagsahne und Hefe; eine mutwillige Magie, die hinter ihrem Gelingen steckt. Heute ging alles gut. Heute hielt alles zusammen.

16.2.

To carry on. Obwohl alles wehtut, vom Stehen, vom Bücken. Gegen 23 Uhr von der Lohnarbeit nachhause gekommen. Eine Uhrzeit, in der Sicherheitsleute sagen, hoffentlich arbeitest du nicht mehr so lange und es ist nett gemeint, es ist aber auch was anderes: nachts oder im Dunkeln allein in der Pathologie ist nicht gruselig wegen Krankheit und Tod (dabei sind hier keine Toten, Leichen im Keller vielleicht, ansonsten allerhöchstens Zellen und Gewebe in Plastikdosen). Ich grusele mich mehr davor, dass jemand mit einem Schlüssel hereinkommt, wenn ich alleine bin, und mich erschreckt. Am Schlimmsten ist es, wenn ich weiß, da kommt vielleicht wer gucken, warum bei mir noch Licht brennt und ich bin in dem Raum mit den rauschenden Fernsehern und rauschenden Klimaanlagen und dann steht plötzlich jemand vor dem Fenster in der Tür und ich bekomme einen Herzinfarkt. Also ist es mir abends lieber, es kommt jemand gucken, ehe ich in diesen Raum gehe. Aber noch lieber, es käme niemand. Am Liebsten: genau zu wissen, dass niemand kommt, um nicht in diesem Limbo festzuhängen.

Die Frage ist nämlich auch: wie recht ist es mir, wenn fremde Männer wissen, dass ich irgendwo ohne Fluchtmöglichkeiten alleine bin? Die Abwägungen, die dahinterstehen. Ich mag es, zu vertrauen. Nur an die besten Absichten zu glauben. (This was fun when I was a girl. Until it wasn’t.) Es wäre leichter, wüsste ich nicht um die eigene Verwundbarkeit. Also drehe ich zwei Filme gleichzeitig, während ich ja eigentlich arbeite. Ich spiele die Sorgen herunter und gehe im selben Moment alle Szenarien der schlimmstmöglichen Dinge und meine Handlungsmöglichkeiten durch. Handy immer in Greifweite. Ich wünschte, es wäre nicht so. Ich wünschte, Erwachsenwerden wäre nicht eine Übung in genau diesen Dingen gewesen.

On a lighter note: Jeden Abend übe ich ein paar Lektionen Rumänisch mit App, alle zwei Tage gehe ich, wenn ich Zeit alleine habe, laufen. Mein Körper war so müde, als ich heute heimkam, die To-Do-Liste für den Tag ist immer noch viel zu lang dafür, dass er bereits seit einer Stunde rum ist. Ich habe heute mehr Rumänisch-Übungen gemacht, als vorgesehen war. Weil es so leicht ging. Viel leichter als gestern, obwohl es der gleiche Wortschatz ist. Alle Worte, von denen ich glaubte, ich könne sie nie auseinander halten, pahar, para, pruna, piersica, sie alle fallen jetzt von selbst an die richtige Stelle. Weil ich jeden Tag ein bisschen besser werde. Das ist ähnlich mit Laufengehen. Jedesmal geht es ein bisschen leichter. Als würde mein Körper mich von selbst tragen, immer ein paar Sekunden länger als das vorherige Mal. Das ist so schön. Progress.

15.2.

Jede Wimper benennt ein Augenflackern, einen Traum vielleicht. Sag wünsch dir was, wie: ich wünschte, ich wäre vor einer Stunde schon schlafen gegangen, Lider verriegelt. Aber ich halte sie offen, den Kopf in die Hand gestützt, der kleine Finger klemmt das Lid hoch. Heute habe ich mich dahingehend verscrollt, Bilder und Berichte betreff Atlantiküberquerungen mit dem Schiff zu suchen. Ich will damit gar nicht mehr aufhören. Die Idee, acht Tage lang nur Meer sehen und dann die Freiheitsstatue, ist sicher kitschig, aber oh. In den Schlaf geschaukelt werden, oder aus dem Bett rausgeschaukelt werden. Das wünsch ich mirs nächste Jahr. Das wünsch ich mir für die Nacht und den Morgen, die Wimpern endlich schlafsandverklebt.

14.2.

Das Kleine hustet aus dem Schlafzimmer. Ich hoffe, es hustet sich nicht wach. Ich hätte jetzt Zeit für Netflix & knit. Ich will das hier heute kurz halten, damit ich nicht noch weniger Zeit habe für Netflix & knit, ehe das eine oder das andere mich zu sich unter die Bettdecke ruft. Erkenntnis des Tages: vielleicht sollte ich mehr Zucker essen, für Energie und Gude Laune. Stattdessen eine Probepackung Johanniskraut. Es wird Zeit, dass Frühling wird, es wird Zeit sich auf den Hosenboden zu setzen, mit Setzlingen, mit Regenwürmern. Auf kalte Frühlingssonne einen Gemüsegarten bauen. Schneegglöckchen gucken schon raus. Es ist nur eine Frage von Amselzwitschern. Oder wie Adam JK sagt: Everything will be so good so soon just hang in there & don’t worry about it too much.

13.2.

Traurig sein immer auf den Körper schieben wollen, ein Zustand, der kommt und geht wie Wellen, auf jeden Fall von selbst weggeht, auf jeden Fall kein Grund zur Sorge ist. Bin ich satt, habe ich genug geschlafen, war ich in der Sonne, eine Checkliste mit noch mehr Punkten, von denen ich sicher einen nicht abhaken kann. Als Strategie, um nicht zum wunden Punkt zu kommen, als Strategie, ihn zu entkräften: I‘m a flawed human being. I feel disconnected & isolated. I struggle to connect. Zum Beispiel, in Freund_innenschaften, online: ich finde es oft so schwer, auf Direktnachrichten zu antworten oder mich in Messengern zu beteiligen wie handschriftlich auf Briefe zu antworten. Wenn ich mich isoliert fühle, ist das mein Fehler. A shell. A crack.

Um acht Uhr mit Kind eingeschlafen, um ein Uhr aufgewacht. Im dunklen Kinderzimmer nicht mehr einschlafen können, hilft nicht dagegen, gloomy zu sein. Wenn ich jetzt aufstehe, kann ich zum Sonnenaufgang wach sein, aber will ich bis dahin mit mir alleine sein? Also im Kinderzimmer liegen, über den Kummer nachdenken, der von Dingen kommt, die Eltern sagen, meine zu mir, ich zu meinen Kindern. Von vorne anfangen wollen mit allem, von vorne als Kind, von vorne als Eltern, aber man kann nicht immer das gleiche Level neu beginnen, nur weils am Ende nicht drei Sterne bringt, das geht vielleicht in der Schule oder in der Uni, aber auch nur so lange, bis es nicht mehr geht. Mit Kindern hat man nur einen Versuch. Jeden Tag neu, okay, aber: wenn ich, genervt, müde, ungeduldig, mich wie ein Arschloch verhalte, bleibt das so fix darin wie sich das Kind als Mensch konstituiert wie es bei mir blieb, wenn meine Mütter, genervt, müde, ungeduldig, sich wie Arschlöcher verhielten. We are all flawed human beings.

I just wish it weren‘t so.

12.2.

Ein müder Geburtstag. Das Geburtstagskind, oder, wie das große Kind sagt, der Geburtstagserwachsene, ist heute zuhause geblieben, mit bösem Bauch im Bett. Während er schlief, habe ich mit Kind aufgeräumt und Kuchen gebacken. Normalerweise ist morgens alles ready für die Geburtagsperson, Geschenke, Kuchen und Kerze. Heute haben wir ein bisschen so getan als sei mittags morgens. Als er um halb eins aus dem Bett kam, war fast alles bereit. Und ich so müde, dass ich danach nur nickern wollte.

Während ich in Weihnachtsschürze den Flur gefegt hatte, dachte ich an Fashion und Cultural Appropriation. Welche Inspiration deutschweiße Modedesigner_innen aus ihrem eigenen Kulturkreis ziehen könnten, statt nach exotisierten Sachen zu suchen – und, darauf warte ich nämlich noch, zum Beispiel Kittelschürzen reclaimen. Aber dann, Staub mit dem Kehrwisch in die Kutterschaufel, mich gefragt, ob die Leute, die sich leisten können, teure Mode zu entwerfen, wirklich einen Kittelschürzenfamilienhintergrund haben. Und nicht eher einen Perlenohrringefamilienhintergrund. Dann wäre das mit dem Reclaimen auch eher unbehaglich. Naja. Kittelschürzen, think about it.

(Statt Schlaf gab es Trockenshampoo und einen Restaurantbesuch. Viele Gedanken dazu, wie genervt und ungeduldig ich oft gegenüber dem großen Kind bin, weil es so viel kann, dass ich zu viel von ihm erwarte. Manchmal würde ich gerne von vorne anfangen. Und bin jetzt endlich wieder so müde wie heute mittag.)

 

11.2.

Morgen (heute) hat der andere Erwachsene hier Geburtstag. Das große Kind ist heute extra nicht in die Kita gegangen, damit wir gemeinsam sein Geschenk fertigbasteln können. Zwei Kuchen backen, einen für uns, zuhause, einen für seine Lohnarbeit. Vor allem, weil das Kind gerne backt. Um die Mittagszeit herum backt es aber nicht gerne, es weint und zappelt vor Schmerz, ein Verdauungsproblem, das sich nicht löst. Ich finde erst nur Schmerztabletten für Erwachsene oder Zäpchen. Ich glaube, ich kenne gar nicht so viele Arschlöcher wie ich Zäpfchen hier habe. Die scheiden also aus. Quite literally. Dann finde ich einen Kinderschmerzsaft. Er lindert ein wenig, und Paw Patrol lindert ein wenig, aber alles reicht nicht aus, das Kind wünscht sich einen Besuch in der kinderärztlichen Praxis. Dort reicht die Schlange an der Rezeption bis vor die Praxistür. Wir sitzen im Wartezimmer und das Kind schläft ein, angelehnt an meine Schülter, dann mit dem Kopf in meinem Schoß. Ich habe ein Buch dabei, Shrill von Lindy West, und genieße den Moment. Das erste Mal Pause nach einem sehr langen Vormittag, an dem ich sonst nichts geschafft habe, was ich mir sonst so vornehme für jeden Tag; Rumänisch üben, 750words schreiben, Yoga, heute wieder laufen gehen (auf dem nächsten Level!). Als wir dran sind, trage ich das schwere Kind ins Behandlungszimmer, es schläft auf der Untersuchungsliege weiter, bis der Arzt es weckt. „Oh, müder Krieger? Oder Kriegerin?“ fragt er und ich lasse die Frage nach dem Geschlecht abperlen, weil ich nicht ja sagen kann zu Krieg. Nur ja zu müde. Aber er fragt gar nicht weiter nach, macht seine Arbeit, macht sie so gut und kind- und erwachsenengerecht, ist schnell fertig und wir mit Traubenzucker und einem Rezept für eine Wundsalbe, die wir noch nicht hatten, wieder auf dem Weg nach Hause. Jetzt haben wir keinen Kuchen gebacken und ich habe um 0:49 Uhr die Wahl: nichts machen, und dann passiert nichts, oder beide Dinge machen, und dann passiert auch nichts. Beide Dinge wären aufräumen und Kuchen backen. Wenn ich das jetzt mache, bin ich so spät im Bett und morgen früh so müde, dass ich morgens nicht weder singen noch Kuchenessen kann. Nichts machen bedeutet, dass ich jetzt ins Bett gehe. Dann bin ich morgen früh wach, aber Kuchen essen ginge auch nicht. When in doubt, sleep it out. Vielleicht backen wir ihn einfach morgen, das Kind und ich, ein weiterer langer Vormittag vor und für uns.