2.6.

Und dann ist es Juni. Vielleicht haben wir Halbzeit. Ich weiß die Hälfte der Zeit nicht, was ich tue, aber das ist okay, solange ich mich von Seminar zu Seminar hangle. Viele Feiertage in letzter Zeit, aber so lange sie auf meinen eigentlich freien Donnerstag fallen, sind sie nur mehr Carearbeit; lange Sonnentage voll, aber keine Zeit, am Schreibtisch zu arbeiten. Ein Computerspiel heruntergeladen, aber keine Gelegenheit, es zu spielen, weil sich ein schlechtes Gewissen dazwischen schiebt, und stattdessen scrolle ich sinnlos in der Gegend herum, immer wieder von mir selbst abgelenkt.

Nächste Woche habe ich Geburtstag und ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Eine grobe Idee von einem Picknick im Grünen, aber dann muss man die Zufriedenheit von eingeladenen Leuten managen und das ist mehr Arbeit. Oder in einen Freizeitpark gehen, Kettenkarusell fahren, aber da manage ich doch auch mehr die Happiness meiner Kinder. Abends ins Kino wäre schön, aber es ist ein Programm für Monate in denen niemand Lust auf Indooraktivitäten hat, ich möchte das alles nicht so gerne sehen. Also abwarten und überstürzen. Hätte ich ein Ziel, ich würde wegfahren, alleine – eine Fantasie.

18.5.

Eine Blase Zeit haben so groß wie die Hosentasche eines Kleides. Der Platz zwischen Pocket und Bag.

Es ist die alte Rutsche in Vergeblichkeiten hinein, während ich noch überlege, was ich machen kann mit den anderthalb Stunden vor Mitternacht, ohne Deadline, ohne dringende Aufgabe, die zuerst zu tun wäre (nicht, dass nichts zu tun wäre), und dann sind die Augenlider eine halbe Stunde schwerer und das war das. Ich könnte fernsehen und stricken, mit der Nähmaschine Zentimeter machen, oder doch Textarbeit? Oder über Arbeit nachdenken:

Heute habe ich Unkraut gepflückt, ein ganzes Beet lang. Tomaten und Mais in die Erde gesetzt. Gegossen. Es ist unspektakulär, aber es war nett. Und irgendwie albern, mit diesem Garten, wie der Vater der Kinder mit den Kindern in den Kleingarten seiner Eltern geht, damit die Kinder da spielen können, während ich alleine in einem anderen Kleingarten arbeite.

Arbeit genug, dass ich meinen Körper jetzt über eine Stuhllehne legen könnte wie so labbermehlige Tagliattelle aus der Nudelmaschine. Ein bisschen unbequem, aber ich will mich nicht beschweren.

17.5.

Sich selbst Fallen bauen, wie –

nach acht Cola trinken. Hausaufgaben machen bis um drei Uhr. Den Kalender erst lesen, als der Termin, den man nachsehen will, schon rum ist. Bis in den morgen Sachen für die Uni vorbereiten, um was zeigen zu können, und am Morgen die Uni verschlafen. Es ist –

eine Sache loslassen und andere fallen hinterher, werfen sich in den Wind wie labbrige Handschläge, rollen so den Hügel runter. Wenn ich nicht alles genau festhalte. Wenn ich eine Lücke schaffe für mich, wie sie sich ausbreitet, mehr als ich mag.

Ich halte nicht alles fest, aber ich halte mich hieran fest. Wasauchimmer es wird.

16.5.

This is a thing. A thought to work.

Gestern Hausaufgaben gemacht und danach gemerkt, dass ich sie erst für morgen Vormittag haben muss. Dazwischen ein freier Donnerstag, den ich nebst trödeln dafür genutzt habe, damit zu beginnen eine Puppe für den Geburtstag des kleinen Kindes zu nähen. Aber was sag ich trödeln. Ich habe mich davon abgelenkt, konzentriert und schnell zu nähen, indem ich vorher von einem pipifeuchtes Bett die Bettwäsche abgezogen habe, hier was aufgeräumt, da was gegossen, dazwischen was nachgeschlagen, das Versprechen eingelöst, nach Spielfiguren zu sehen, den angepinkelten Arm der Puppe des großen Kindes in ein Seifenlagenbad im Waschbecken getunkt, dabei mal das angegraute Puppennäschen geschrubbt. Sowas. Dazwischen, nach Wochen, wieder Zeit für Podcasts. Oder ein Frühstück, um 14 Uhr.

Und jetzt, die Hausaufgabe für morgen doch nicht so abgeschlossen. Ich sollte mir eine weitere Forschungsfrage überlegen und überlegte nebenbei den ganzen Tag und nach dem das große Kind eingeschlafen war, dachte ich, ob ich jetzt den Puppenkopf mache, aber ich habe mich dafür entschieden, erst mit meinem eigenen Kopf zu arbeiten, und tadaa, ich habe ein Thema und ein Frage. Und Sekundärliteratur. Es fehlt mir nur noch ein Konzept für passende Primärquellen, mit denen ich meine Frage beantworten kann. Kommt alles noch. Vielleicht im Schlaf.

15.5.

Wieder Luft haben, eine Blase, unter Wasser. Ich sitze im Flur des IG-Farben-Gebäudes auf der Fensterbank und habe eine Stunde. Nicht, ohne zu denken, dass ich Hausaufgaben machen sollte, ein Schatten von Gedanke.

Nachdem ich gestern bis drei Uhr so etwas wie ein Research Proposal geschrieben habe, auch wenn ich finde, dass das etwas übertrieben klingt, research proposal, damit es rechtzeitig zu einer Sprechstunde fertig wird, ist diese Sprechstunde ausgefallen und ich kann einen Moment nachdenken. Einfach sitzen und denken und atmen.

In den letzten Wochen habe ich nichts geschafft außer Uni. Gestern hat mein Partner sich einen Tag Urlaub genommen, um die Wohnung aufzuräumen und zu putzen. Es war so schön, als ich aus dem Haus ging, freie Flächen, die große Balkontür offen, und Luft. In einer Konfliktsituation sagte er neulich: ich kümmere mich um die Kinder und du kümmerst dich um dich, um deine Sachen. Es war gemeint als Beruhigung, es erreichte mich als Vorwurf.

Die Wahrheit ist, dass ich mich nicht um mich kümmere. Um die Uni, okay. Abends etwas um die Kinder. Aber sonst? Ich habe aufgehört zu bloggen, morgens zu schreiben, Rumänisch zu üben, meinen Taschenkalender auszufüllen, Yoga zu machen, in den Wandkalender Skizzen vom Tag malen, Laufen zu gehen, Pflanzen zu gießen, Vitamine zu nehmen, zu frühstücken, regelmäßig zu trinken, Bücher zu lesen. Alles Dinge für die ich im April eine Routine hatte. Ich hatte gehofft, die Routine könnte Anker sein für Uniaufgaben, aber ich habe alles fallen gelassen, Stück für Stückchen. Ein Stress, in dem mein Körper noch nicht mal Platz freigeräumt hat für pms, auch meine Menstruation wartet mutmaßlich auf bessere Zeiten.

Es ist so: wie ich beim Versuch, Virginia Woolfs Diktum vom eigenen Zimmer zu folgen, das man braucht, um schreiben zu können (habe ich, nutze ich), vergessen habe, dass sie auch von leisure time spricht. Hallo, Virginia an Nicole, so funktioniert das nicht.

7.5.

Viel zu lesen und nichts zu sagen haben. Oder alles für die Uni verbrauchen. Ich beteilige mich in jedem Seminar mündlich. In der Schule habe ich das nicht gemacht. Oder in der Schule haben sich andere viel mehr beteiligt, ich weiß nicht genau. Jetzt melde ich mich halbherzig, wenn ich eine Idee habe, wenn ich sie vorformuliert habe sogar mit Vehemenz (aber nie schnippsend, ich habe auch Ehre). Ein Seminar hat nur mündliche Beteiligung im Fokus, wir machen Gruppenarbeiten, in denen wir reden sollen, ich rede mir das Zahnfleisch wund, eine Performance, und am Ende bin ich so ausgelaugt. Das hat heute wirklich Energie aus meinem Körper gesaugt. I‘m not an extrovert. Am liebsten hätte ich mich in der halben Stunde zwischen den zwei Seminaren unter den Tisch auf den Boden gelegt. Ansonsten sieht mein Alltag so aus, dass ich spät nachts oder früh morgens schlafen gehe, gegen acht aufwache, Hausaufgaben mache, in die Uni gehe, von da aus in den Garten gehe, nach Hause fahre, eins von zwei Kindern ins Bett bringe, Hausaufgaben mache, spät nachts oder früh morgens schlafen gehe und so weiter. Das Privileg, nicht die Kinder abholen zu müssen, der Skill Schmutz, einfach ignorieren zu können. Lass liegen, tritt sich fest. Heute haben alle verschlafen, aber ich, die ich am wenigsten von allen geschlafen habe, wurde wach,  habe andere geweckt. Es war ja auch in meinem Interesse, dass die Kinder in die Kita kommen, ich hatte anderes zu tun. Ich habe so viel, was ich nicht tue und gerne wieder täte, aber es ist kein Platz. Ich sollte jetzt nicht mehr neben dem großen schon wieder viel zu spät schlafen gegangenen Kind liegen, sondern am Schreibtisch sitzen und Texte bearbeiten. Kann ich nicht einfach schlafen?

5.5.

Heute mal nicht um vier Uhr ins Bett gehen, sondern um zwei, heute mal nicht die Texte fertig lesen mit müde verklebten Augen, sondern darauf bauen, dass sie morgen wieder aufgehen, die Seiten morgen wieder aufgehen, der Textmarkerdeckel wieder aufgeht. Nach dem Schlafsand den Abfluss runtergeperlt sein wird.

Jetzt alles liegen lassen, ein Stockwerk nach unten gehen, vom Dachbodenzimmer ins Treppenhaus, die Wohnung aufschließen, die Decke aufdecken und hoffen auf Kaffee, darauf, dass sechs Stunden Schlaf reichen. In der Nacht von Montag auf Dienstag werden es weniger sein, aber mehr geschriebene Sätze, eine Deadline. Mehr zu lesen davor. Mehr zu machen im Garten, aber wann. Jetzt alles liegen lassen, nicht zuletzt mich.

4.5.

Ich bin hier nur, um Bescheid zu sagen, dass ich gleich wieder weg muss. Es ist vier Uhr morgens und ich habe die letzten vier Stunden den Erstentwurf einer Kurzgeschichte runtergeschrieben. Wie geht das. Davor innerhalb von 45 Minuten zwei wissenschaftliche Texte gelesen (okay, na gut, überflogen) und Fragen dazu formuliert, abegeben eine Minute vor Deadline. Wie das geht. Morgen noch ein Response Paper zu einem feministischen Essay schreiben & we‘re good to go. Das geht schon alles.