zweitausendachtsehn

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Vom Bett aus ins neue Jahr. Mit linker Hand geschrieben, ein schlafendes Bündel zieht mein Kreuz ins gedachte Kissen. Vom Esstisch aus schreiben, Blick aufs Nachtfenster, kalter Tee zur Linken. Mit Gewichten auf den Armen tippen. Mus werden.

Ich mag den Klang der neuen Zahl. Was noch –

Weich wünsche ich mir das neue Jahr. Nicht weich as in bequem, das klingt zu sehr nach Sitzkissen im Status Quo. Weich wünsche ich mir das Jahr wie handwarme Knete, daraus Kram formen. Weich wünsche ich mir das Jahr wie Neugeborenenwangen, auch wenn das kitschig klingt. Heißt doch bloß: Weich wie durchschimmernd, weich nicht ohne Arbeit, nicht ohne weinen. Weich wie tender, meinetwegen auch im Dampflokomotivensinn.

Es darf weitergehen, und mehr werden. Nicht nur warten, auch ein bisschen was dafür machen. Das ist der Plan. (Schon wieder.)
God fortsättning, I guess.

 

 

 

zweitausendsiebgehn

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Es rumpelt um das Jahr herum. Böller und Bauchweh, aber beides nicht von Bestand. Vom Versuch, einen generischen Jahresverabschiedungstext zu schreiben, melancholisch, gutmütig, mit müde winkender Hand, aber das Jahr passt nicht zwischen die Finger. Der Angelpunkt die US-Wahl Ende letzten Jahres, ein Grausen weit ins neue Jahr hinein. Mit einer Erkältung von mehr als zwei Monaten das zweite Trimester verschwenden. Und dann zur Jahresmitte eine Geburt, ein Baby, beides perfekt, und ich so überrascht, wie weich und zart das alles. Produktiv wollte ich sein, und habe alle Energie in die Produktion eines kleinen Menschen gegeben. Zweite Jahreshälfte politisch nicht minder arg als alles davor, aber mit Baby an der Brust immer dieser Gedanke: Gut sein zu Kindern, sie mit Liebe vollknallen, dass es ihnen an nichts fehlt, dass sie nur Gutes haben, das sie austeilen können. Die Welt verbessern, one human at a time. Das wäre schön. Das wünsch ich mir auch für das Jahr ab morgen.

Für die Silvesternacht habe ich, anders als für Heiligabend, kein Protokoll. Keine Party, keine Pläne. Ein Kind, das von abends bis nachts Mittagsschlaf gemacht hat und sich nicht mehr fürchtet. Älter werden und sich nicht mehr fürchten, Jahr für Jahr, Mittagsschläfe nicht vergessen. Mehr Stühle als an einen Tisch passen. (Lieber auf dem Sofa sitzen.) Wunderkerze, Partyhut. Mehr Mut.

See you on the other slide.

8. + 9.12.

An einem Tag, an dem man keine Zeit hat, die eigenen Adventskalendertürchen oder Paketchen zu öffnen, kann man man keinen Adventskalender schreiben.

So nachträglich: ich habe das unmögliche geschafft und an einem Tag drei sich überschneidende Termine unterbebracht. Allein die Vorstellung davon kam mir vor wie Fiktion. Uni, Gericht, Lohnarbeit. Von pünktlich morgens bis nach dem Sandmännchen. Ins Gericht, einen Tag vor dem Gerichtstermin eine weitere Ladung für eine frühere Uhrzeit erhalten, und als ich da bin, für eine nachfolgende Verhandlung länger bleiben dürfen. Abstecher zum Partner auf die Lohnarbeit, um dort zu stillen. Zu meiner eigenen Lohnarbeit. Zur Uni.

Letzteres eine Bangepartie, mit Partyhütchen. Wie ich nicht in das Seminar kam, erst schrieb, dass ich voll gerne will, dann schrieb, dass ich voll kluk sei, dann bitte-bitte, weil ich mit Baby die Uni SO vermisse. Als ich da war, hat allein die Vorbesprechung so große Freude gemacht, ich hätte Konfetti werfen können. Ich habe einen Platz bekommen und ich werde ihn benutzen.

Am Abend Nachhausekommen dann wie ein Marathonzieleinlauf, dei dem ich mir als einzige selbst zujuble.

7.12.

Kindergartenweihnachtsfeier. Das Kind macht mit einem Percussionsinstrument Musik bei einem Theaterstück und wir warten auf den Einlass wie bei einem Boybandkonzert. Alle Handys gezückt, Feuerzeuge braucht es nicht mal mehr für Kerzen. Das Schönste ist, wie, als alle schauspielenden Kinder sich zum Applaus hinstellen, unser Kind als einziges musikmachendes Kind aufsteht, sich mit Schwung verbeugt und wieder hinsetzt. Ich mache Fotos mit der Spiegelreflexkamera und habe keine Speicherkarte drin.

Vor einem Jahr war das Kind eine Schneeflocke, die zusammen mit anderen Schneeflockenkindern zum Gesang von „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ tanzen sollte. Es blieb als einziges Kind sitzen, traute sich nicht, und ich dachte mit von Liebe schwerem Herzen: „MEIN Kind!“ Mein großes, mutiges, leichtes Kind. Was ein Jahr macht.

Andere Kinder beim Spielen beobachten. Kinder beim Streiten beobachten. Wie sie Argumente austauschen, während sie sich an der Wand reiben, während sie gleichzeitig am Daumen lutschen. An irgendetwas muss man sich ja festhalten.

Es ist in Ordnung nicht mehr drei vier fünf sechs zu sein. Niemand bestimmt mehr in meinem Beisein, ob ich mitspielen darf oder nicht. Es ist okay, irgendwann selbst nicht mehr mitspielen zu wollen, Spielstopp, und am Rand eine Pause zu machen. Zu wissen, was man mag und braucht, es super duper legitim finden.

Eine Pause brauche ich nach der Feier, viele große Menschen in kleinen Räumen, auf kleinen Stühlen, ich möchte lieber ein kleiner Mensch alleine in einem großen Raum sein und bekomme das geschenkt, als wir wieder zuhause sind. Kopf ins Kissen, Schlafzimmer nur für mich.

Da denke ich an gegen einen Kummer. Mache mir Sorgen um ein Uni-Seminar, an dem ich gerne teilnehmen würde. Es kommt alles dazwischen und ich habe noch nicht mal einen Platz sicher. Niemand bestimmt mehr in meinem Beisein, ob ich mitspielen darf? It‘s some subtle shit. Ich möchte gerne mitmachen, aber ich weiß nicht nur nicht, ob ich darf, oder was ich tun muss, um zu dürfen, sondern auch nicht, ob ich es schaffe. Oder mit Aufwand schaffen will.

Morgen wird also anstrengend mit Lohnarbeit, Gerichtstermin und Uni (read as: Platz im Blockseminar erbetteln), wird anstrengend mit Handpumpe statt Baby von 9 bis 19 Uhr. So viele Sachen auf einmal, sie auszuführen kommt mir vor wie Fiktion. Und dann flattert abends eine Ladung vom Gericht rein, weil spontan ein Termin vor den Termin gelegt wurde. Scherzkekse.

Ich liege zum Schlafen im Bett, mir klebt Schokolade im Auschnitt. Ich liege zum Schlafen im Bett und werde es wegen allem jetzt wirklich tun. Schlafen.

 

 

6.12.

Mit dem Daumen der linken Hand tippen. Das kleine Kind liegt neben mir im Bett und muss noch austrinken. Die Lider so zäh. „Lieder sind meine allerliebsten Lieblingslieder! Wirklich!“ sagte das große Kind heute mehrmals hintereinander.

Morgens so müde gewesen, dass ich fast darauf verzichtet hätte, zuzugucken wie es nach den Stiefeln schaut. Große Zufriedenheit allenthalben. Wenn die Nachbarin auf dem Weg zum Klo rechtzeitig an ihrem Türspion vorbeigekommen wäre, hätte sie ein schönes Familienportrait von uns vor der Wohnungstür gehabt, wie wir mit den Füßen in Nüssen und Nadelbaumnadeln stehen, ich mit klebenden Augen und nur mit Unterhose, das große Kind, das euphorisch versucht, all seine Erdbeermarmeladen-, Honig- und Erdbeereninhonig-Gläser auf einmal zu halten, ein Vater, der wacher hinterherjongliert und ein Baby, das noch nichts weiß von seinem Glück im Winterschühchen. Ich war zu müde, um etwas zu fühlen, aber alle meine Wünsche gingen in Erfüllung.

Den Rest des Tages wollte ich im Bett verschlafen, das kleine Kind zu wach dafür und ich in dünnen Träumen darüber, wie ich Dinge tue in Schlafanzügen, wie zum Beispiel unter Bettdecken in einem schicken schwarzen Auto eines Kommunalpolitikers herumchauffiert werden.

Das große Kindergartenkind und ich, wir versuchen uns an Bratäpfeln, so sind die gesunden Alibi-Äpfel aus den Nikolaustüten auch zu was gut. Ich hänge mir dafür das kleine Kind in der Trage auf den Rücken, es klagt, ich hole es raus und stille und dann schläft es so lang, dass wir die Bratäpfel fertig bekommen, zusammen die Spülmaschine aus- und einräumen und zum Sandmännchen bei Adventskerzenlicht die Äpfel essen können. Eine Ein-Kind-Idylle, ich habe die Hände frei und werfe sie in die Luft.

Zur Nacht im Bett The Snowman. Ich weine fast gar nicht.

5.12.

Betriebsferien, oder keine Ferien, ist ja Betrieb. Hochsaison für den Nicolelaus, sozusagen. Deswegen will ich jetzt, statt zu schreiben, lieber die Augen zumachen und schlafen, bis morgen, bis zur Kindergartenabholzeit, am liebsten noch länger. Als H. schlafen gehen wollte, wurde das große Kind wach, auf eine Weise als sei es auf zwei linken Erbsen aufgestanden. Ich derweil stillend im Wohnzimmer, Daumen halten für das Team Einschlafen. Das Baby schläft ein. Alle schlafen. Ich lege das Baby ab, das Baby wacht auf. Das spielen wir ein paar Mal durch. Alle Stiefelzutaten bereit, aber ich komm nicht ran. Irgendwann doch, das ist dann eine feine Sache von keiner Minute. Letztes Jahr habe ich meinen Stiefel selbst gefüllt, weil ich dachte, sieht komisch aus, wenn alle was kriegen außer ich. War milde deprimierend. Dieses Jahr habe ich mir dafür immerhin den besten Schokonikolaus ausgesucht – und ihn auf meinen bereits bis oben gefüllten Schuh gestellt.

Jetzt ist Nikolahaus-Feierabend da. Oder ~morgen. Von mir jedenfalls: Gute Nacht!