Sommerknospen

Die Pfingstrosen im Garten blühen schon. Ich ernte sie überreif und trage nur die geöffnetesten von ihnen im Arm nach Hause. Sterbebegleitung, of sorts. Die vielen Dinge, die man mit Maseke nicht machen kann und erst merkt, wenn man es versucht. Lächeln, ja. Und die Nase tief in einem Pfingstrosenstrauch halten, den Duft hoch ins Hirn ziehen. Also, die Gesten gehen schon, mein Mund macht eine Kurve, meine Nase arbeitet, aber es kommt nichts an.

Pfingstrosen sind meine Geburtstagsblumen, ich bin Pfingstmontagskind. An meinem Geburtstag will ich dieses Jahr viel allein sein. Kein Fest (geht eh nicht), keine Ausflüge. Die Idee, die ich in meiner Handfläche herumkullere, ist im Garten zu übernachten. Mit Schlafsack und Zelt. Mit einer Freundin oder zwei. Mit Abendsonne, Lichterketten und minimalem Aufwand. Danach in einen Tag hinein, der offen ist. Der geöffneteste Tag.

 

 

Balkontanzen

Am Balkon über uns hängt eine Diskokugel. Ich habe sie an eine doppeltverzwirnte Schnur gehängt, aus Tencel selbst gesponnen. Abends verstreut sie fairy lights auf der Hauswand, da bin ich drinnen. Es gibt tagsüber keinen Lichstrahl, der sie trifft, dafür sind wir zu eingehegt in Baum und Häusern und Himmelsrichtungen.

Jeden Nachmittag wirft eine Nachbarin ihren kleinen Lautsprecher an und wir tanzen auf benachbarten Balkonen, sie ist ein Rockstar auf ihrem eigenen Balkon. Manchmal schalte ich die Seifenblasenmaschine an. Wir kommunizieren im Zickzack mit Blicken die Stockwerke hoch und runter, tanzen zu viert oder zu fünft eine kurze gute Playlist runter, dann sagen alle tschüss und gehen wieder in ihre Wohnung. Dance like your new neighbours in your old apartment are pretending not to be watching.

Auf der anderen Seite des Hauses: der Panoramablick auf den Sonnenuntergang, ich muss den Vorhang zuziehen, wenn ich Hausaufgaben machen will. Nachts ziehe ich ihn auf, damit ich mich in der Reflektion des Fensters sehe, ein bisschen wie Carrie Bradshaw. I couldn’t help but wonder: Wer geht eigentlich noch in die Disko, abgesehen von Kindern im Schullandheim? Ich gehe nicht mal in den Club, sitze mit mit Kopfhörern im Ohr am Schreibtisch, sie fallen raus, wenn ich lächle. Vielleicht kann man mich vom Park aus sehen; dance like only ducks are watching.

Am Anfang habe ich mich nicht getraut, mitzutanzen. Am Badfenster gelauscht und mitgenickt, auf dem Wohnzimmerteppich rumgelegen, mir allerlei ausgedacht, warum das nicht geht. Zu deutsch für sowas, oder nicht deutsch genug. Zu verkrampft, oder verkopft. Zu kritisch distanziert für Gruppenaktivitäten, ich klatsche auch nicht mit, wenn alle klatschen, egal ob auf die 1 oder auf die 2. Dann einmal mit mit Kind getraut, und es ging, seitdem geht es, und ich denke an alles, was Brené Brown zu Vulnerabilitität und Connection sagt.

Im Balkonspiegel, auf dem unvollständigen Quadratmeter an der Brüstung Richtung Innenhof tanze ich wie Scarlett Johansson in Marriage Story. Mit mir selbst, jetzt hier, tanze ich wie Andrea, mit zusammengekniffenem Mund und harten Armen. Dance like your dead mother is watching.

feeling myself

Eigentlich habe ich mich an den Schreibtisch gesetzt, um Hausaufgaben für die Uni zu machen, eine Seite für Bourdieu und die noch offene Frage, wie anekdotisch ich darin werden soll, ein Unbehagen zu eigenen Erfahrungen mit Habitus und kulturellem Kapital auszudrücken, für das Bourdieu a remedy sein könnte, oder lieber so tun, als schreibe ich einen wissenschaftlichen Text, wie alle anderen, die so sichtbar einen anderen Habitus imitieren. Am Ende ist es egal, hauptsache eingereicht.

Stattdessen habe ich mich hier festgelesen, drei Jahre durchs Archiv. Es ist ein Regennebel auf den Unterarmen. Ich will nicht von allen gelesen werden, das ist das eine. Das andere ist: ich lese mich selbst so gerne. „Werde, die du bist“ sagt Hedwig Dohm, es steht im Regal als Titel auf einer Anthologie mit Texten deutschsprachiger Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts, lavendelfarbener Buchumschlag. Ich browse (brause?) durch meine Textschnippsel, fast eine Dekade alt, und denke: bin ich schon. Wie schön ist das. Und anderes. Wie viel Schreiben im Alleinsein lag, in Unsicherheit und Wundern. „Should I choose the smoothest course?“ fragt Disney’s Pocahontas und ich fühle mich ertappt – ich bin nicht mehr allein, ich bin abgesichert, of sorts. Aber darin ist eben wenig Text.

Was anders war: ich fühle mich so da durch (alles noch da, all the feels) und denke, ja, wieder alleine irgendwo hingehen, wo gelesen, getanzt wird, dort schreiben und dann fällt mir ein, geht ja gar nicht, Corona. Ich lese mich durch einen missverstandenen Flirt, in dem ein Verlagsmitarbeiter mir ein Kompliment zu meinen Grübchen macht und bin berührt, es liest sich lieb, wie ich es geschrieben habe. Aber auch in die Welt lächeln geht nicht gut, mit Maske.  Also lächle ich in den Text; den der ist, den der wird.