Zeug_innenschaft

Ich habe einen Unfall gesehen. Ich habe einen Knall gehört. Ich habe einen Knall gehört und dann gesehen, wie ein Fahrradfahrer und ein Auto kollidieren (das Wort viel zu soft). Ein Moment in der Luft, also aufrecht, ein weißes T-Shirt, ein schwarzes Auto. Eine Wucht, wie eine Gewalttat; als würde man zusehen, wie jemand hart geschlagen wird, nur nicht mit einer Hand, mit einem Auto.

Ich habe eine kurze Sekunde hingesehen und dann schnell weggeguckt, eine Drehung. Darin ein Actionplan, was kann ich tun: nicht glotzen, 112 wählen, scheiße, geht nicht, Handy nicht dabei, Akku eh alle, okay, Erste Hilfe, H. kann das viel besser, er war im Rettungsdienst, also ihm das kleine Kind von der Schulter klauben, mich schützend vor das große Kind stellen, wie er es intuitiv gemacht hat, hoffen, dass der Mensch nicht stirbt. In der Bewegung gehe ich bereits mit meiner Erinnerung ins Gericht, warum habe ich nicht auf das Kennzeichen geguckt, gucke zu den Kindern in meinem Arm und sehe nicht, dass die Person, die das Auto fuhr, anhält, aussteigt, denke „der Fahrer“ sei weggefahren. Sehe nicht die Fahrerin, die aussteigt, aufgelöst. Sehe erst nicht, dass die Kinder alles sehen können, in der Spiegelung des Hauses, vor dem wir stehen. Sehe selbst im Spiegel, wie Menschen helfen und sage das, für die Kinder: es ist schlimm, ja, aber es wird gut, viele Menschen helfen, und gleich ist ein Krankenwagen da, das geht ganz schnell. Always look for the helpers zitiert Mr. Rogers seine Mutter, und es stimmt, es hilft sich darauf zu konzentrieren, die Ohren der Kinder Richtung Martinshorn zu lenken und nicht auf die Geräusche des somnuleten Fahrradfahrers, der zu sprechen versucht, und es klingt wie Röcheln. If you look for the helpers, you know there is hope.

Da ist Zeug_innenschaft, die hilft, den Tathergang zu rekonstruieren. Eine Aussage machen für die, die nicht dabei waren, wer kam von wo, wer hatte rot, wie schnell. Sehen, dass man nichts davon mit Sicherheit sagen kann. Ich kann km/h nicht einschätzen, habe keinen Referenzrahmen dafür, wie laut der Knall war, er war laut, wieviel mehr kann ich sagen, als was die Delle im Auto erzählt oder seine Verletzungen. Und Erinnerungen, die der Situation vor Ort widersprechen, es passt nicht zusammen. Ich habe gesehen. Und ich glaube, gesehen zu haben.

Da ist Zeug_innenschaft, die nur bedeutet, das etwas Schlimmes passiert ist, und ich habe es gesehen. Es hat ein Bild auf meine Netzhaut gepresst. Es hat sich in den Körper geschlagen, als Angst und Sorge. Ich habe das gesehen. Es hat was mit mir gemacht. Ich habe gesehen. Und ich weiß, gesehen zu haben.

Der Person, die meine Aussage aufnimmt, geht es darum, den Tathergang zu rekonstruieren. Und mir, die ich realisiere wie unzuverlässig und nutzlos meine Erinnerung ist, wie mein Kopf mir einen Trick spielt, geht es darum, dass jemand sieht, dass ich etwas gesehen habe. Ich muss mit mir allein ausfechten, was von dem, was ich gesehen habe, „wahr“ ist. Je mehr ich versuche, es Sinn machen zu lassen, umso mehr verändert sich das Bild. Wie fragil Zeug_innenschaft ist.
(Und wie fragil Körper.)

 

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Some do magic, some do harm
I’m holding on, holding on
I’m holding on to a straw

Keine Zeiten, Geburtstag zu feiern, aber eine Drei, zwei Dreien, und wenn wir eine drehen, wird ein Unendlichkeitszeichen daraus. Diese Zeit wie alle Zeiten und jede Zeit eine besondere, of sorts. Wir können nicht sagen, dass das alles neu ist oder eine Überraschung – Rassismus, Polizeigewalt sind Kontinuitäten, fest verklebt. Aber wir können die Augen und Ohren aufhalten für Bewegungen, uns festhalten an – Lösungsvorschlägen, tatsächlich. Police Abolition, Prison Abolition, es ist mein Geburtstagsgeschenk zu sehen, wie viele Menschen dafür offen werden.

Is it dark already? How light is a light?
Do you laugh while screaming?
Is it cold outside?

The magic of: im Garten übernachten, mit einem Zelt auf einer Gänseblümchenwiese, in den Tag hineinschlafen. Ich bekomme um Mitternacht eine Überwunderkerze, sie brennt in Episoden. How light is a light if you cut it into the tiniest pieces. Es ist dunkel, wird nie dunkel hier. Dafür frieren wir beide und wissen nur, dass wir doch noch eingeschlafen sind, weil wir aufwachen. Fever Ray singt „Is it cold outside“ und ich ziehe den Reisverschluss meiner Fleecejacke hoch.

In den Tag fallen wie Streusel auf Sahne auf Kaffee. Ich trinke ihn in einer Hängematte, versuche, den Schlafsack um mich zu wickeln, aber es ist Schal, keine Decke. Die Sonne wäscht den Sand aus den Augen. Der gewünschteste Sommertag, in ihn hineinwachsen und dann alles gießen.

So, I lost my head a while ago
But you seem to have done no better

Mit dem Fahrrad fahre ich in den Abend und mache alberne Sachen. Einen Haarreif tragen wie eine Krone, mit Kuchen einem guten Menschen hinterher schauen, eine Zigarette rauchen. The best is good people, die dem Tag Geleit geben. Zusammen fahren wir auf dem für Autos gesperrten Mainufer, ich habe einen Fahrradkorb voller Pfingstrosen und darin eine tragbare Musikbox, Lieblingsmusik. Taking up space, taking up sound. Shaping city sound scapes, eine leichte angetrunkene Fahrradfahrt lang.

One thing I know for certain
I’m pretty sure, it ain’t over
I’m not done