pont (of return)

vienne la
nuit sonne
l’heure
les jours
s’en vont je
demeure

sagt die Titelseite meines Notizbuches in serifigen Versalien. In Toulouse gekauft, geht es jetzt auf eine Parisreise. Ich verstehe einzelne Wörter, eine Satzstruktur kann ich mit der Fingerspitze ablesen, die Dinge, die sich aufeinander beziehen, die Zeiten. So wird es mir gehen, die Zeit lang, die einzelnen Worte, die ich in Gedanken nachfahren kann, als Perle zwischen meinen Lippen rollen, aber der Sinn. Wort Schatz, x will mark the place, like a parting of the ways, aber wo ist die Schatzkarte für die Schatzkarte? Bevor ich online eine Übersetzung einer Maschine finde, finde ich einen Song, und ich werde singen können, ehe ich verstehe, immer.

komm die
nacht schlägt
die stunde
die tage
vergehen ich
bleibe

Flausen

Ich wollte mich wütend schreiben oder aus einer Art Wut heraus, die keinen Wutanlass hat außer aus meiner Haut zu wollen. Aus ihr heraus, sie in die in die Waschmaschine stecken, wringen, liegen lassen. Modern bis die Nachtruhe rum ist. Langweilen, eine Weile Wut lang, und warten.

Ich wollte mich mild wiegen, diese Dinge. In Dingen. Zwischen Zweigen: Pogo, slow motion und nicht springen müssen, denn man fliegt. Aber nicht singen.

Ich berge. Ich berge und grabe zu Tagen, was vorher fehlte. Ich grabe und warte, was das mit mir macht, ein Träger, ein Gräber lose von der Schulter gerutscht. Was macht das mir nichts aus.

Ich halte.

Meine Hand auf –

Zeug_innenschaft

Ich habe einen Unfall gesehen. Ich habe einen Knall gehört. Ich habe einen Knall gehört und dann gesehen, wie ein Fahrradfahrer und ein Auto kollidieren (das Wort viel zu soft). Ein Moment in der Luft, also aufrecht, ein weißes T-Shirt, ein schwarzes Auto. Eine Wucht, wie eine Gewalttat; als würde man zusehen, wie jemand hart geschlagen wird, nur nicht mit einer Hand, mit einem Auto.

Ich habe eine kurze Sekunde hingesehen und dann schnell weggeguckt, eine Drehung. Darin ein Actionplan, was kann ich tun: nicht glotzen, 112 wählen, scheiße, geht nicht, Handy nicht dabei, Akku eh alle, okay, Erste Hilfe, H. kann das viel besser, er war im Rettungsdienst, also ihm das kleine Kind von der Schulter klauben, mich schützend vor das große Kind stellen, wie er es intuitiv gemacht hat, hoffen, dass der Mensch nicht stirbt. In der Bewegung gehe ich bereits mit meiner Erinnerung ins Gericht, warum habe ich nicht auf das Kennzeichen geguckt, gucke zu den Kindern in meinem Arm und sehe nicht, dass die Person, die das Auto fuhr, anhält, aussteigt, denke „der Fahrer“ sei weggefahren. Sehe nicht die Fahrerin, die aussteigt, aufgelöst. Sehe erst nicht, dass die Kinder alles sehen können, in der Spiegelung des Hauses, vor dem wir stehen. Sehe selbst im Spiegel, wie Menschen helfen und sage das, für die Kinder: es ist schlimm, ja, aber es wird gut, viele Menschen helfen, und gleich ist ein Krankenwagen da, das geht ganz schnell. Always look for the helpers zitiert Mr. Rogers seine Mutter, und es stimmt, es hilft sich darauf zu konzentrieren, die Ohren der Kinder Richtung Martinshorn zu lenken und nicht auf die Geräusche des somnuleten Fahrradfahrers, der zu sprechen versucht, und es klingt wie Röcheln. If you look for the helpers, you know there is hope.

Da ist Zeug_innenschaft, die hilft, den Tathergang zu rekonstruieren. Eine Aussage machen für die, die nicht dabei waren, wer kam von wo, wer hatte rot, wie schnell. Sehen, dass man nichts davon mit Sicherheit sagen kann. Ich kann km/h nicht einschätzen, habe keinen Referenzrahmen dafür, wie laut der Knall war, er war laut, wieviel mehr kann ich sagen, als was die Delle im Auto erzählt oder seine Verletzungen. Und Erinnerungen, die der Situation vor Ort widersprechen, es passt nicht zusammen. Ich habe gesehen. Und ich glaube, gesehen zu haben.

Da ist Zeug_innenschaft, die nur bedeutet, das etwas Schlimmes passiert ist, und ich habe es gesehen. Es hat ein Bild auf meine Netzhaut gepresst. Es hat sich in den Körper geschlagen, als Angst und Sorge. Ich habe das gesehen. Es hat was mit mir gemacht. Ich habe gesehen. Und ich weiß, gesehen zu haben.

Der Person, die meine Aussage aufnimmt, geht es darum, den Tathergang zu rekonstruieren. Und mir, die ich realisiere wie unzuverlässig und nutzlos meine Erinnerung ist, wie mein Kopf mir einen Trick spielt, geht es darum, dass jemand sieht, dass ich etwas gesehen habe. Ich muss mit mir allein ausfechten, was von dem, was ich gesehen habe, „wahr“ ist. Je mehr ich versuche, es Sinn machen zu lassen, umso mehr verändert sich das Bild. Wie fragil Zeug_innenschaft ist.
(Und wie fragil Körper.)

 

33

Some do magic, some do harm
I’m holding on, holding on
I’m holding on to a straw

Keine Zeiten, Geburtstag zu feiern, aber eine Drei, zwei Dreien, und wenn wir eine drehen, wird ein Unendlichkeitszeichen daraus. Diese Zeit wie alle Zeiten und jede Zeit eine besondere, of sorts. Wir können nicht sagen, dass das alles neu ist oder eine Überraschung – Rassismus, Polizeigewalt sind Kontinuitäten, fest verklebt. Aber wir können die Augen und Ohren aufhalten für Bewegungen, uns festhalten an – Lösungsvorschlägen, tatsächlich. Police Abolition, Prison Abolition, es ist mein Geburtstagsgeschenk zu sehen, wie viele Menschen dafür offen werden.

Is it dark already? How light is a light?
Do you laugh while screaming?
Is it cold outside?

The magic of: im Garten übernachten, mit einem Zelt auf einer Gänseblümchenwiese, in den Tag hineinschlafen. Ich bekomme um Mitternacht eine Überwunderkerze, sie brennt in Episoden. How light is a light if you cut it into the tiniest pieces. Es ist dunkel, wird nie dunkel hier. Dafür frieren wir beide und wissen nur, dass wir doch noch eingeschlafen sind, weil wir aufwachen. Fever Ray singt „Is it cold outside“ und ich ziehe den Reisverschluss meiner Fleecejacke hoch.

In den Tag fallen wie Streusel auf Sahne auf Kaffee. Ich trinke ihn in einer Hängematte, versuche, den Schlafsack um mich zu wickeln, aber es ist Schal, keine Decke. Die Sonne wäscht den Sand aus den Augen. Der gewünschteste Sommertag, in ihn hineinwachsen und dann alles gießen.

So, I lost my head a while ago
But you seem to have done no better

Mit dem Fahrrad fahre ich in den Abend und mache alberne Sachen. Einen Haarreif tragen wie eine Krone, mit Kuchen einem guten Menschen hinterher schauen, eine Zigarette rauchen. The best is good people, die dem Tag Geleit geben. Zusammen fahren wir auf dem für Autos gesperrten Mainufer, ich habe einen Fahrradkorb voller Pfingstrosen und darin eine tragbare Musikbox, Lieblingsmusik. Taking up space, taking up sound. Shaping city sound scapes, eine leichte angetrunkene Fahrradfahrt lang.

One thing I know for certain
I’m pretty sure, it ain’t over
I’m not done

Sommerknospen

Die Pfingstrosen im Garten blühen schon. Ich ernte sie überreif und trage nur die geöffnetesten von ihnen im Arm nach Hause. Sterbebegleitung, sowas. Die vielen Dinge, die man mit Maske nicht machen kann und erst merkt, wenn man es versucht. Lächeln, ja. Und die Nase tief in einem Pfingstrosenstrauch halten, den Duft hoch ins Hirn ziehen. Also, die Gesten gehen schon, mein Mund macht eine Kurve, meine Nase arbeitet, aber es kommt nichts an.

Pfingstrosen sind meine Geburtstagsblumen, ich bin Pfingstmontagskind. An meinem Geburtstag will ich dieses Jahr viel allein sein. Kein Fest (geht eh nicht), keine Ausflüge. Die Idee, die ich in meiner Handfläche herumkullere, ist im Garten zu übernachten. Mit Schlafsack und Zelt. Mit einer Freundin oder zwei. Mit Abendsonne, Lichterketten und minimalem Aufwand. Danach in einen Tag hinein, der offen ist. Der geöffneteste Tag.

 

 

Balkontanzen

Am Balkon über uns hängt eine Diskokugel. Ich habe sie an eine doppeltverzwirnte Schnur gehängt, aus Tencel selbst gesponnen. Abends verstreut sie fairy lights auf der Hauswand, da bin ich drinnen. Es gibt tagsüber keinen Lichstrahl, der sie trifft, dafür sind wir zu eingehegt in Baum und Häusern und Himmelsrichtungen.

Jeden Nachmittag wirft eine Nachbarin ihren kleinen Lautsprecher an und wir tanzen auf benachbarten Balkonen, sie ist ein Rockstar auf ihrem eigenen Balkon. Manchmal schalte ich die Seifenblasenmaschine an. Wir kommunizieren im Zickzack mit Blicken die Stockwerke hoch und runter, tanzen zu viert oder zu fünft eine kurze gute Playlist runter, dann sagen alle tschüss und gehen wieder in ihre Wohnung. Dance like your new neighbours in your old apartment are pretending not to be watching.

Auf der anderen Seite des Hauses: der Panoramablick auf den Sonnenuntergang, ich muss den Vorhang zuziehen, wenn ich Hausaufgaben machen will. Nachts ziehe ich ihn auf, damit ich mich in der Reflektion des Fensters sehe, ein bisschen wie Carrie Bradshaw. I couldn’t help but wonder: Wer geht eigentlich noch in die Disko, abgesehen von Kindern im Schullandheim? Ich gehe nicht mal in den Club, sitze mit mit Kopfhörern im Ohr am Schreibtisch, sie fallen raus, wenn ich lächle. Vielleicht kann man mich vom Park aus sehen; dance like only ducks are watching.

Am Anfang habe ich mich nicht getraut, mitzutanzen. Am Badfenster gelauscht und mitgenickt, auf dem Wohnzimmerteppich rumgelegen, mir allerlei ausgedacht, warum das nicht geht. Zu deutsch für sowas, oder nicht deutsch genug. Zu verkrampft, oder verkopft. Zu kritisch distanziert für Gruppenaktivitäten, ich klatsche auch nicht mit, wenn alle klatschen, egal ob auf die 1 oder auf die 2. Dann einmal mit mit Kind getraut, und es ging, seitdem geht es, und ich denke an alles, was Brené Brown zu Vulnerabilitität und Connection sagt.

Im Balkonspiegel, auf dem unvollständigen Quadratmeter an der Brüstung Richtung Innenhof tanze ich wie Scarlett Johansson in Marriage Story. Mit mir selbst, jetzt hier, tanze ich wie Andrea, mit zusammengekniffenem Mund und harten Armen. Dance like your dead mother is watching.

feeling myself

Eigentlich habe ich mich an den Schreibtisch gesetzt, um Hausaufgaben für die Uni zu machen, eine Seite für Bourdieu und die noch offene Frage, wie anekdotisch ich darin werden soll, ein Unbehagen zu eigenen Erfahrungen mit Habitus und kulturellem Kapital auszudrücken, für das Bourdieu a remedy sein könnte, oder lieber so tun, als schreibe ich einen wissenschaftlichen Text, wie alle anderen, die so sichtbar einen anderen Habitus imitieren. Am Ende ist es egal, hauptsache eingereicht.

Stattdessen habe ich mich hier festgelesen, drei Jahre durchs Archiv. Es ist ein Regennebel auf den Unterarmen. Ich will nicht von allen gelesen werden, das ist das eine. Das andere ist: ich lese mich selbst so gerne. „Werde, die du bist“ sagt Hedwig Dohm, es steht im Regal als Titel auf einer Anthologie mit Texten deutschsprachiger Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts, lavendelfarbener Buchumschlag. Ich browse (brause?) durch meine Textschnippsel, fast eine Dekade alt, und denke: bin ich schon. Wie schön ist das. Und anderes. Wie viel Schreiben im Alleinsein lag, in Unsicherheit und Wundern. „Should I choose the smoothest course?“ fragt Disney’s Pocahontas und ich fühle mich ertappt – ich bin nicht mehr allein, ich bin abgesichert, of sorts. Aber darin ist eben wenig Text.

Was anders war: ich fühle mich so da durch (alles noch da, all the feels) und denke, ja, wieder alleine irgendwo hingehen, wo gelesen, getanzt wird, dort schreiben und dann fällt mir ein, geht ja gar nicht, Corona. Ich lese mich durch einen missverstandenen Flirt, in dem ein Verlagsmitarbeiter mir ein Kompliment zu meinen Grübchen macht und bin berührt, es liest sich lieb, wie ich es geschrieben habe. Aber auch in die Welt lächeln geht nicht gut, mit Maske.  Also lächle ich in den Text; den der ist, den der wird.

 

 

9.1.

Immer fast mit der neuen Wohnung fertig. Es fehlt eigentlich nur ein Stückchen Wand im Flur, seit Tagen, denke ich, und dann wird zwischendurch ja auch noch tapeziert und das Schlafzimmer gestrichen, und das Wohnzimmer soll ja eigentlich auch noch mal, aber dann, bestimmt. Das Stückchen Wand streiche ich mit Magnetfarbe und Tafelfarbe, und es ist vor allem ein Prozess. Erst viele Schichten auftragen, dann viele Schichten mit Sandpapier runterschleifen, bis die Wand uneben aber weich ist. Und heute Nacht der Lack, der noch nicht deckt. Zwischendurch liege ich in der trockenen Badewanne Probe, stehe rum und denke nach.

Ich habe gesagt, dass ich in dieser Wohnung 30 Jahre bleiben will. Weil ich gut 30 Jahre in der alten Wohnung war. Ich will so lange bleiben, dass ich nicht ausziehen muss und nicht mit Maschinen und Mundschutz die Metallfarbe von der Wand schleifen muss, weil ich nicht darunter tapezieren wollte. Ich will so lange bleiben, aus Prinzip, und weil Umziehen unangenehm ist und es ist ja auch eine gute Wohnung. Und dann habe ich gerechnet. In 30 Jahren bin ich 62. Ich kann mir mich nicht mit 62 vorstellen. Ich kann mir die Welt nicht 2050 vorstellen. Ich kann nicht so weit springen.

Stattdessen sitze ich auf dem geschlossenen Deckel des Gästeklos und versuche mit vorzustellen, wie viel in 30 Jahren steckt. Wie alt meine Kinder sein werden, vielleicht Enkel. Ich finde das nicht romantisch. Es gruselt mich. Wer nicht mehr leben wird, vielleicht oder definitiv und wenn ich nicht darunter bin, dass ich da dann durch muss. Das Leben und das Sterben, das in den letzten 30 Jahren Wohnung steckt. Wie seltsam das ist, und unheimlich. Und ich muss an Freuds Essay über das Unheimliche denken, und wie das mit dem Heim und dem Heimlichen zusammenhängt, aber es ist auch schon wieder 12 Jahre her, dass ich den gelesen habe und so genau weiß ich es auch nicht mehr,

4.1.

„Ich hab Halsweh vom Schreien“, sage ich.

„Das kenn ich“, sagt das große Kind.

„Ja, woher denn?“

„Na, wenn ich schreie, weil ich sauer bin, dann hab ich auch Halsweh “ sagt das große Kind und ich denke, ja, genau.

3.1.

Im Liegen schreiben. Mehr Vorsatz als Durchführung, eine Idee, die nicht weniger quatschig wird, je öfter ich ihr nachhänge. Im Liegen schreiben wie: ich nehm die Hausaufgaben einfach mit ins Bett und mach da weiter. As if, darling, as if.

Zu müde und kalt gewesen, um darauf zu warten, dass ein Computerspiel aktualisiert, das ich wegen Hausaufgaben und Hausarbeiten nie gespielt habe und natürlich habe ich auch jetzt keine Zeit, aber ich rede mir ein, dass es nützlich ist: Ich will mit dem Grundriss, den ich für die Wohnung skizziert habe, ein Haus bei den Sims bauen, das einrichten, streichen, tapezieren, mit weniger Mühe als in echt, nur, um mal zu gucken und dann alles wieder neu und anders. Aber es lädt, wie gesagt, und ich muss ins Liegen, schreibend oder nicht.

(Mit den Vorsätzen ähnlich laissez-faire wie mit den Hausaufgaben, so lange ich liege geht das klar.)