3.5.

Ein Wochenende in Aussicht mit wenig Lohnarbeit, überschaubar viel Gartenarbeit und viel ungewisser Schreibarbeit. Eine Kurzgeschichte schreiben bis nächsten Dienstag. Das heißt, nicht nächsten Dienstag eine Kurzgeschichte schreiben, das heißt jetzt alle Waffen sammeln, schmelzen, neu. Ich weiß noch nicht was, worüber, nur das eine hier Geübte: ich mach, was ich mag. Nur das. Diesmal kein Mühe geben in Richtung alles anders als ich bin, only to prove a point. Eine Kurzgeschichte schreiben für mich und noch ein paar andere Sachen für Credit Points. Screen Time, für die ich mich konzentrieren muss.

2.5.

Wenn man einen Satz dreimal lesen muss, weil a) die Augen klebeschwer sind oder b) die Konzentration nur noch mit Spucke fährt, ist es c) Zeit ins Bett zu gehen. Hier hängt alles hinterher. Hausaufgaben gelesen, aber nicht so bearbeitet, dass ich morgen früh sicher aus dem Haus Richtung U-Bahn schlendere. Eher so, dass ich dort lieber hinten säße, aber dann machen wir sicher Gruppenarbeit. Ich weiß gar nicht, was man mit dem Text, der fast ausschließlich eine Faktensammlung ist, mehr machen soll als eine Gruppenarbeit, man kann ja nicht jedesmal die gleiche Gruppenarbeit machen. Grupenarbeiten machen mich immer noch nervös, aber ich spürs weniger, je müder ich bin. Ich perform auch nicht besser müde. Naja, Kompromisse. Wie: Texte lesen, aber die Küche ignorieren. Hausaufgaben machen, aber spätestmöglich. Frühestmöglich die Kinder ins Bett bringen, was spät genug ist. Fast Food, weil in der Küche kein Platz für Geschirr ist, das hatten wir schon. Und jetzt ins Bett, obwohl ich noch Vokabeln nachschlagen, einen Kürzelindex anlegen, Personen und Sachverhalte recherchieren sollte. Ich könnte hier einschlafen, auf den Knien vorm Sofa, das Kinn auf einem Sofakissen, mehr und mehr der ganze Kopf darin vergraben. Keine Kompromisse: ich gehe ins jetzt Bett.

1.5.

Feiertag, das heißt Arbeitstag, ich bin Sonntagsarbeiterin. Tag der Arbeit, darüber kann man ja diesen und jenen Gedanken haben. Am härtesten erarbeitet war heute mein Ausschlafen. Wach vom kleinen Kind, das sich zwischen das große Kind und mich schob, zu dritt auf 90 Zentimetern, und ich zu müde, um um sechs Uhr noch mal einzuschlafen, den halben Körper über den Matratzenrand geschoben. Manchmal stehe ich um sechs Uhr auf und bin froh über die Gelegenheit, Vormittagsstunden für mich zu habe. Heute nicht. Ich muss ein Schlafdefizit ausgleichen. Heute stapfe ich also ins Schlafzimmer, empört, verlange Ausschlafzeit, die ich auch zugestanden bekomme, vom anderen Erwachsenen, aber nicht vom kleinen Kind, das nur schreit und sich verbiegt. Auch nicht, na meinetwegen, mit mir im großen Bett im Schlafzimmer sein will. Nur schreien und sich verbiegen. Der Trick: das schreiende Kind auf den morgenkalten Balkon mitnehmen und es atmet und biegt sich nicht. Es guckt: Ein Vogel. Ein Hund. Bäume. Danach, drinnen, noch ein Aufbäumen, es nimmt, nicht von mir, die Milch, und ich den Weg ins Bett. Immer wieder aufgewacht, aber zwischendrin so warm zugedeckt, mein Körper eine Pralinenfüllung, in Schichten gewickelt. Ausgeschlafen.

30.4.

Mit wieviel Stunden Stunden Schlaf funktioniert dieses Betriebssystem ohne Schäden? Oder mit wie wenig? Heute, aus Mangel heraus, mittelmäßige Denkarbeit gemacht und den Körper gelehnt an eine rau gestrichene Grenze: so sieht es aus, wenn man nicht genug Zeit hat. Konkret: Hausaufgaben machen, wenn die Kinder schlafen, aber selbst nicht schlafen, um Hausaufgaben zu machen. Danach im Dunkeln Kleidung raussuchen für den zweiten Akt der Kitafotografiererei, Bodyberge stapeln und Farben kombinieren für ein Kind in sich und beide Kinder nebeneinander. Dafür, dass das kleine Kind heute wieder so schrie, dafür, dass es deshalb keine Fotos gab, und ein Gruppenbild nur mit Tränen. Sich nachts oder frühmorgens in die Stoffhügel hineinlegen wollen, aber doch noch den Weg ins Bett finden, neben’s Kind. Nicht umziehen, nur die Schuhe aus, und sechs gestellte Wecker im Puppenbett daneben. Die schwere Grenze: So sieht es aus, wenn man Texte abarbeitet, aber nicht genau genug, um im Seminar etwas zu sagen, was scheint. Ich muss das aushalten üben. Auch halbe Sachen sagen. Auch wahrnehmen, wo ich das nicht tun sollte. Mehr Mühe geben, will ich immer sagen, schreibe ich seit Klasse acht ins Notizbuch, nie gut genug, es ist ein Motto. Aber anders. Mehr Mühe geben, das heißt auch, mehr schlafen, um wacher zu sein.

29.4.

Während ich noch mit mir selbst diskutiere, ob ich schlafen gehen soll oder nicht, weil ich eben vier Stunden für eine Hausaufgabe gebraucht habe, zu lang, weil müde, vertrödelt, das neue Album von Caroline Shaw zu laut neben mir, während ich überlege, ob ich meine andere Hausaufgabe für morgen gleich mache oder nach einer großen Portion Nudeln in Salbeibutter, letztere frisch eingefroren, während ich überlege, was ich den Kindern morgen früh für den zweiten Teil der Kitafotografirerei anziehen soll, ich bringe sie in die Kita und muss topfrüh wach sein, ich könnte wach bleiben und das nicht verpassen, während ich also all das vor mich lege, fallen mir die Augen zu. Lege ich den Kopf mit den Augen voran auf den Schreibtisch. Es ist halb drei und ich weiß nicht, ob ich mich mit Gewalt wachhalten kann oder doch zu kurz schlafen will, mit dem Risiko auf Stress und hastige Entscheidungen, aber es bleibt wahr: ich bin nicht gewalttätig genug, ich bin ein weicher Blob, der nachgiebig in alle Lücken schwappt. Also schlafen und also warum hab ich das nicht vorher und also ein Klingeln im linken Ohr es singt mich in  die Stille.

28.4.

In der zweiten Uni-Woche schon konkreter nachdenken über Forschungsprojekte, es ist funky. Ich überfliege Sekundärliteratur, oszilliere zwischen der Angst, dass mein Thema schon zu auserforscht ist, ich nur Wissensstände nacherzählen kann, und der Aufregung, wie viel ich mit dem Material machen könnte, dagegen argumentieren, Beweise sammeln, Quellenverweise abklappern. Lege ich mich in die Lektüre wie in weiche Schaumstoffbausteine, kein Bällebad, oder umarme ich sie wie einen Strohballen, ganz fest drücken, gegen die Brust? Auch wenn es piekst: Hauptsache Körperkontakt.

27.4.

Mit trockenem Rachen nicht nach Wasser suchen, sondern nach Bitterino, irgendwas mit Twist, das nicht zu süß sprudelt, ohne Koffein, weil es nach Mitternacht ist. Mein Kompromiss löscht keinen Durst, eine Dose Whiskeycola aus dem Gemüsefach, ich weiß erst nach diesem Text, was sie kann oder nicht.

Uni geht gut, so far, ich mache meine Hausaufgaben, ich gebe mir Mühe, das ist eine schwierige Übung in sich selbst. Weil es ein Skill ist, etwas schlampig abzugeben, wo es nur darauf ankommt etwas abgegeben zu haben. Wo ein Satz reicht, im Beispielsatz des Dozenten sogar ein Schreibfehler, und ich lese viele Male meine Absätze Korrektur, denen nicht wenig zum Essay fehlt. Das Gute daran, Sachen sehr gut machen zu wollen, ist, dass sie selten nicht gut werden. Das Schlechte daran ist, dass sie oft nichts werden, weil ich sie nur gut abgeben will. Die Angst davor, Fehler zu machen und dann muss ich mich schämen. Aber kein Mut ohne Angst. Und so melde ich mich in jedem Seminar, sage nicht alles so, wie ich es gerne gehört hätte, aber bin da. Eine Übung.

Und dann, anders: Feuerwehrbezogene Festivitäten besuchen, halb verkleidet mit Hellblauhemd, mit Wappenpullover. Die Uniformjacke lasse ich zu Hause, nicht, dass jemand in einer Notsituation auf mich hereinfällt. Die vielen schönen Autos, die schönsten in leuchtoranger Magirus-magic und der disconnect: Ich bin hier nur zu Besuch. Ich kann an nichts anknüpfen als an eine ausgelaufene Erinnerung. Auf dem Heimweg denken, was wäre, wenn Andrea nicht tot wäre, wie wäre es für sie mit ihr hier. So viele Feuerwehrfrauen, Jugendfeuerwehrmädchen. Wie ich absichtlicher von ihr lernen könnte, ein Erbe zu erhalten, mir best practises abschauen, zu dem, was sie mir als Kind nicht aufzwang, weil es ihr Hobby war und nicht meines, und dann, im Bauch ein Stolpern. Denn wenn ich daran denke, was wäre, wenn sie da wäre, muss ich daran denken, dass sie das nicht ist, dass sie nicht mehr wiederkommt, aus dem Stolpern ein Aufdiefresselegen, das möchte ich nicht, die Überraschung, dass ich das noch nicht glaube, der Schmerz, schnell weiter. Keine Übung.

26.4.

Die Kinder schlafen, ich setze mich hin, mit Ipad und Notizbuch, und lese Texte für Unihausaufgaben. Nicht am letztmöglichen Tag, sogar einen Tag davor. Die Aufgabe: Fragen zu den Texten formulieren. Die Aufgabe, as in aufgeben: meine Augen tränen, so müde sind sie. Ich bin nicht abgelenkt, habe um 20 Uhr sogar noch einen Kaffee gekippt, lese die Texte, ohne nebenbei aufs Handy zu gucken, ich will das, aber die Wahrheit ist, ich kann gar nicht so gucken, meine Augen fallen zu, kleben zusammen, es brennt. Ich klemme sie hoch, aber das ist so schwer wie zu verstehen, was mit dem Gamma im Studiendesign gemeint ist. Sachverhalte verrstehen, während sie verschwimmen. Dann Fragen finden, die der Text Absätze später selbst beantwortet. Neue Fragen suchen. Einen Weg raus suchen, wie: ich mach das morgen fertig. Wirklich. Und mich jetzt fertig fürs Bett.

25.4.

Temperaturen navigieren. Die warmen Tage, warmen Nächte, ich fange mir einen Zug am offenen Schreibtischfenster. Dachkammer, ich drehe die Heizung runter, es flüstert in meinen Nacken, nicht so warm wie gedacht..

Erkältungen navigieren. Erst sitzt eine in den Nasennebenhöhlen, drückt Richtung Zähne, ich nehme eine Kopfschmerztablette, um schlafen zu können. Nehme eine zum Frühstück, um in die Uni zu gehen. Trage mich danach mit Gliederschmerzen danach. Prophylaktisches Fiebersenken, mehr oder weniger.

Jetzt sitzt eine in meinem Hals, ich stolpere innen über meinen Adamsapfel. Dachkammerfenster geschlossen, vorsorglich, hat nicht geholfen. Nächstes mal mit Strickjacke zum T-Shirt. Die Heizung wieder raufdrehen. Temperaturen navigieren.

24.4.

meditation on how to slip away –

Grundschulklassenzimmer. Ich entdecke mich dabei, wie ich taggeträumt habe. Weiß noch, wo ich saß, die Seite am großen Fenster, und ich frage mich, ob ich das reproduzieren kann, ob ich absichtlich noch mal wegdriften kann, und ich übe, im Unterricht. So konzentriert darauf, loszulassen, mich nicht mehr zu konzentrieren. Die Bilder hinter meiner inneren Ablenkung. Es gelingt mir wieder und wieder.

Universitätszusammenhänge, ich bin in ein Gremium gewählt, eine Runde so klein wie kaum zwei Hände voll. Irgendwann entdecke ich, dass niemand weiß, wer ich bin und ich gehe nicht mehr hin. Eine Übung: sehen, wann auffällt, dass ich fehle. Irgendwann fällt auf, dass jemand fehlt, die Mails bekomme ich noch, aber niemand merkt, dass ich es bin. Es ist egal. Mir, den anderen. Es passiert nichts, wenn man einfach verschwindet. Es gelingt mir wieder und wieder.

(This is learned behaviour.)