11.12.

Mit fünf Stunden Schlaf in Aussicht denken, früh ins Bett gegangen zu sein. Der_die Fotograf_in kommt wieder in die Kita, genesen, und ich hab ein Outfit im Auge, muss dem Kind den Schlaf aus dem Haar kämmen. Man soll im Frühjahr die Sträucher nicht schneiden, wegen der Nester. Ich streife die Nester mit den Finger auseinander, die weiche Vorarbeit für die Bürste. Letztes Mal den ganzen Aufriss gemacht mit Baden und Haarewaschen, mit fancy Shampoobar und Spülung und der dreiheiligen Kombo aus Badeschaum, Badefarbe und Badeknistern. Für morgen die Überlegung, ob ich das Kind mit dem Konzept Trockenshampoo vertraut machen soll. Ich weiß eh: Es wird schön sein, egal was ich tue.

10.4.

An einem Seminar teilgenommen zum Umgang mit Gewalt in der Öffentlichkeit, dabei Migräne hinter mir hergeschliffen. Mein Wunsch: mehr Sicherheit haben im Umgang mit Übergriffigkeit, intervenieren bei rassistischen Pöbeleien und so weiter. Am Ende ist die Migräne festgeschraubter, aber leise genug. Wir haben mehr darüber gelernt, wie man selbst nicht in Gewalt kommt, oder andere dabei herauszieht. Übten das in Rollenspielen, und ich merke, wie die Grundsätze, die ich schon kenne: nicht mit Täter_innen interagieren, das Opfer direkt ansprechen; wie schwer die allein in der Realität des Spiels umzusetzen sind. Aber auch die Versicherung, dass es keinen perfekten Weg gibt, dass ich wahrscheinlich bei allem, was ich in so einer Situtation tue, ein schlechtes Gewissen haben werde. Im Zweifel immer das Richtige tun, deswegen.

9.4.

Gegen ein Klischee und seine Wahrheit –

ich habe Beef mit pms. Erinnere mich, wie der Mann, mit dem ich zusammenlebe, zu Beginn unseres Zusammenseins sowas sagte, empört, wie dass es pms nicht gebe, es klang sehr danach, als hätte ihm ein former girlfriend beigebracht, dass es sich dabei um ein sexistisches Vorurteil handele, so wie „Was regst du dich so auf, hast du etwa deine Tage?“.

Aber das, womit ich mich herumschlage ist real, kein Schattenboxen. Es war ein schlimmer Struggle als Teen, es war jetzt lange nichts wegen Schwangerschaft und Rundumdieuhrstillen. Mein Verdacht auch, dass es ärger wird, je weniger ich stille, aber das ist noch keine legitime Empirie.

Letzten Monat war ich am Weltfrauentag so aufgerieben und wund, saß auf dem Klo und hörte nicht auf zu weinen, weil ich Sachen persönlich genommen habe, die sonst mit Leichtigkeit abperlen oder einem ausgedachten Argument nicht standhalten. Bis ich drauf kam, dass ich mich vier Tage vor der erechneten Menstruation befand. Diesen Monat dachte ich, hyperaware immerhin, dass es ja erst Anfang April ist, die aktuelle Misstimmung eine andere Ursache haben muss. Pustekuchen, in drei bis vier Tagen ist es mutmaßlich wieder Zeit, die Menstruationstasse aus dem Schrank zu holen. Partey, I guess.

Oft genug war es so, dass sich mit dem Einsetzen der Blutung eine große Erleichterung in meinen Körper setzte, breitbeinig und erschöpft. Doch keine depressive Episode! Doch kein Grund akutmäßig wen anzurufen, Termine auszumachen, nur mein Zyklus, na besten Dank. Ich bin ja auch dankbar, wirklich, dass das nur temporär ist.

Außerdem: andere haben Bauchkrämpfe, ich hab nur Gehirnkämpfe. Aber superfit und produktiv bin auch ich nicht, wenn ich blute. Mit pms und Menstruation sind das gut 10 verlorene Tage im Monat. Das nervt. Ich würde gerne darüber hinweggehen, so tun als wär nichts, und ja, will auch nicht representen, wegen meinen Reproduktionsfunktionen weniger fähig zu irgendwas zu sein, um nicht Vorurteilen Vorschub leisten, aber good grief, es ist was es ist, nämlich hier, bei diesem Individuum, eine körperliche Realität. Und ich befinde mich ja noch nicht mal in einem Lohnarbeitsverhältnis (aka Karriere, lol), für das ich Unverwundbarkeit performen müsste. Es nervt, weil mir Sachen schwerfallen, die ich machen will. Zum Beispiel nicht bei jeder tiny insecurity in Tränen auszubrechen. Meine Mindestforderung, vielleicht.

 

8.4.

Die Kita will ab jetzt schriftliche Stellungnahmen, wenn man die Kinder verspätet abgibt. Ich will die Kinder öfter hinbringen, um mehr vom Tag zu haben, aber gehe nachts (abends kann man das nicht nennen) zu spät ins Bett, um morgens wach genug zu sein, die Kinder pünktlich irgendwo abliefern zu können.

Die Kita will, dass Kinder 24 Stunden fieberfrei sein sollen, ehe sie wiederkommen, ich kann damit leben. Wir verbasteln den Tag, dann fahre ich Gebrauchtsandalen fürs Kind kaufen in einem Hochhaus mit Portier und digitaler Klingelanlage zum Scrollen. Ich scrolle an der falschen Stelle, bei den Namen statt beim Pfeil und klingele automatisch. Drücke auf „Abbrechen“, werde vom Bildschirm gefragt, ob ich den Vorgang abbrechen will, breche damit immer wieder das Abbrechen ab, drücke drück drücke und jemand geht an den Hörer, während ich fluche. Später Frühlingsluft auf der Linie zwischen Europaviertel und Gallus, ein Eckhäuschen wie in einem Dorf oder Vorort, mit schmalem Garten, bissi runtergerockt alles, direkt daneben ein neues weißes Hochhaus, aus dem ein Porsche fährt, als ich es passiere.

 

7.4.

„Ein guter Text findet immer einen Weg.“

Hat Thomas von Steinaecker vor ein paar Jahren mal auch in meine Richtung gesagt.   Fand ich einleuchtend, find ich immer noch ermutigend. Allerdings auch:

Wie viele nichtgute Texte ihren Weg finden, schlechte Bücher werden oder Filme oder Speaking Gigs oder was auch immer. Oder, wieviele mittelgute Texte ihren Weg finden. Nichts dagegen, aber naja. Mut zu mediocracy, es kann ein Motto sein. Carry yourself with the confidence of a mediocre white man. Bleibt oft genug ein Scheitern.

Was ich mich heute frage: Sind Texte, die als gute Texte ihren Weg gefunden haben, objektiv gute Texte. Oder werden sie als gute Texte geframet, weil sie ein Netzwerk haben mit genau dem richtigen kulturellen Kapital, um einen mittelmäßigen Text glaubhaft als gut zu labeln.

Wenn man kein Netzwerk hat, oder nicht das passende, wie kann man trotzdem einen guten Text auf den Weg schicken? Oder: wieviel an einem guten Text ist Habitus, ist richtig gesetzte Codes, die die ansprechen, die sich ein Werturteil erlauben können, das was wert ist. Siehe das Geschlechterverhältnis auf Literaturpreislisten. Bland annat. 

Oder: eh klar, dass es somewhat persönlich und individuell ist, welche Texte man gut findet oder nicht, Geschmacksunterschieden eben. Wie die aus Sozialisation und Klassenverhältnissen entstehen und bei weitem nicht so persönlich und individuell sind eben auch. Woran ich gerade denke, ist, inwieweit ein Text als gut markiert ist anhand seines Publikums. Wenn ein bestimmter Typus von Individuen einen Text gut findet, ob er dann „gut“ ist oder nicht.

Der gute Text als Machtfrage. Der gut vernetzte Text findet immer einen Weg. Oder: Der gut gefundene Text findet immer einen Weg. Kommt halt drauf an, wer ihn findet.

6.4.

feeling slightly slighted.

Erinnerungsminiaturen gedroppt wie bunter Zucker, ich weiß nicht so richtig, was ich damit anfangen soll, mini-instanzen, wann ich was hätte besser machen können, aber auch, anders infuriating, was andere mir gegenüber verkackt haben. Zum Beispiel Ansprüche, wie ich mich einen Monat nach Geburt meines toten Kindes auf einem Literaturwettbewerb zu verhalten habe, amidst panic attacks, und ich das nicht greifen und schon gar nicht zurückwerfen konnte, weil ich dachte, ich müsse dankbar sein, dass ich überhaupt mitkommen durfte. Als damaged goods, sozusagen, und jeden Damage verbergen, aber dann hatte der erste Text nebenbei ein Kindergrab, soweit ich mich erinnere, und ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Alles andere mitgemacht, aber trotzdem nicht genug geleistet, gerügt worden am Ende. Perlte an mir ab, oder eben nicht.

In dem Zusammenhang, auch schön: der Jugendfreund, or so I thought, der, weil ich gesagt habe, dass ich mich bei ihm melde, enttäuscht von mir war, weil ich nach ebenjener Geburt das nicht gemacht habe. Ich wusste ja, dass die Prognose superschlecht war, aber mit einer Totgeburt hatte ich nicht direkt gerechnet, and let me tell you, I was not in a good place. Darf ich das noch mal sagen: ER war ent–täuscht.  Darf ich ergänzen: fuck–you.

Not the note I wanted to end on.

Vielleicht noch: ich will nochmal versuchen, einen Führerschein zu machen, im Mai 2016 hatte ich die letzte Fahrstunde. Mal ein bisschen Abwechslung in die Gründe für Nervosität bringen.

 

5.4.

Überlege, den Generationenvertrag aufzukündigen. Genauer gesagt überlege ich, ob ich beantragen soll, bei meinem Minijob von der Rentenversicherungspflicht befreit zu werden, um im Monat 17€ mehr zu haben. Es ist ein Glückspiel, ich könnte das auch lassen, weil mich das Merkblatt davor warnt, dass ich so einen früheren Rentenbeginn verspiele, das erzielte Arbeitsentgeld bei der Berücksichtigung der Rente nur anteilig berücksichtigt werde. Aber dann frage ich mich, ob ich in dreißig Jahren von so etwas wie Rente noch Gebrauch machen kann. Krieg, Klimawandel, andere Krisen. Ob sich das lohnt. Ich möchte, dass mir Peter Zwegat ein Flipchart malt, auch wenn das nicht sein Spezialgebiet ist.

Anderes Tralala: Aus einigen Routinen gefallen, leise in andere hinein. Zwei Tage nicht Rumänisch geübt, weil ich es vergaß und dann keine Lust hatte. Ein Lethargie, die ich auf den Wetterumschwung schieben kann. Heizung hochgedreht, wieder Wintermantel. Immerhin vier Tage lang gebastelt, mein Schreibtisch ist ein sehr vergnüglicher Ort. Ob das hält, zeigt das Wochenende, es ist meine Hürde, hier bleibt jede Woche alles liegen, wofür ich allein in der Wohnung sein müsste.

Finger zwischen die heißen Metallrippen, ein Rauschen, wie wenn man Badewanne vollaufen lässt, aber aus einem anderen Zimmer zuhört. Eine Badewanne, ich könnte auch. Ich könnte.