23.4.

Ich bin nicht gut darin, Kontakt zu halten. Abseits von der Dynamik, dass Leute, die passiv aggressiv „meld dich doch mal!“ sagen, sich in der Regel selbst nicht melden, aber via Erwartungshaltung vor der erneuten Kontaktaufnahme die dazugehörige Arbeitsteilung festlegen (Variante 1: „Du meldest dich ja nie!“ Variante 2: „Ach, meldest du dich auch mal?“), auch abseits von diesem Spiel bin ich nicht gut darin, mich zu melden.

Wenn ich da bin, bin ich da, offen, nah, mit Leichtigkeit in other people’s service, aber ich biete das nicht aktiv an, will mich nicht aufdrängen. Aufraffen, ein Kraftakt. Wieviele Menschen ich so mag, ohne, dass wir uns sprechen. Aber auch: wie gut die Beziehung zu meinen Kindern, meinem Partner ist, nur weil wir zusammen wohnen, ich nicht mühsam Kontakt herstellen muss, sondern sie jeden Tag sehe. (Wie es wäre, andere Menschen täglich nah zu sehen?)

Und dass das einmal anders sein wird. Wie ich an idealisierten Vorstellungen hänge, dass Eltern und Kinder nicht getrennt werden dürfen. Wie es, auch bei körperlicher Gewalt, ein Albtraum für mich gewesen wäre, von meinen Eltern getrennt zu werden, aber dann wohnt man irgendwann nicht mehr zusammen und die Zeit und die Distanz erledigen von selbst, was man vielleicht nicht wollte. How we slip away from each other.

 

22.4.

“Often nothing tangible remains of a woman’s day.” schreibt Virginia Woolf in Women and Fiction und ich denke haha, you got me.

Carearbeit, Lohnarbeit, keine Gartenarbeit, aber in einem Garten gesessen und gestrickt, mundane as fuck und abends ein bisschen Unitexte gelesen (ohai Virginia), Pläne gemalt und Schreibtisch aufgeräumt (ohai, room of one‘s own). Aber dann war rumsitzen und stricken tatsächlich das aufregendste, was ich heute erlebt habe. Weil ich darüber mit mir argumentieren musste. Sechs Erwachsene, und drei Liegestühle. Sechs Erwachsene, nur ein Stuhl ist frei. Zwei Erwachsene, die noch nicht sitzen, und eine davon bin ich, während der andere in der Gartenhütte noch Kaffee aufsetzt. Ich setze mich auf den Liegestuhl, Strickzeug in der Hand, der andere Erwachsene kommt, hat keinen Platz. Er lag vorher auf (m)einem Liegestuhl. Bekommt jetzt nach unausgesprochener Irritation hastig einen Stuhl gebracht von einer der anderen Erwachsenen. Er säße gerne im Schatten, aber da ist kein Platz mehr. Ich liege im Schatten. Und frage mich: sollte ich aufstehen? Sollt ich ihm Platz machen? Setze ich mich dann auf den Boden, weil ich mich erst recht nicht in die Sonne setzen will? Niemand sagt sowas zu mir, aber es ist ein Vibe, den ich mitbekomme, ich habe eine Ordnung durcheinander geworfen. Ein unangenehmes Gefühl, das ich übe auszuhalten. Denke: ich darf auch auf einem Liegestuhl sitzen. Ich darf mir Platz nehmen, darf platz nehmen. Normalerweise sitze ich hier nicht auf Liegestühlen und schon gar nicht schlafe ich darauf, was anderen regelmäßig gelingt. Stattdessen immer mit einem halben Ohr bei den Kindern, auch wenn meine Agenda in diesem Garten noninterventionistisch ist. Im Wochenbett mit faltigem Baby konnte ich mir Liegeplätze im Schatten herausnehmen, als wäre nichts. Aber was war das heute? Ich besetze den Platz nur so lange, bis das große Kind Rollschuh fahren möchte und Hilfe erbittet. Danach schiebt sich die Ordnung wieder zurecht, ich liege nicht mehr auf einem der Liegestühle, selbst wenn sie leer sind – es hat sich einfach so ergeben.

21.4.

without a care in the world –

als weiche Idee, nicht als Wirklichkeit, denn wenn ich darüber nachdenke, fängt es schon an mit Care & Co. In der ersten Uniwoche geschminkt aus dem Haus, wenn man das Schminken nennen will, Lippenstift und Wimperntusche und Lidschatten. Die gleichen Handgriffe wie mit 18. (Mit 14 mehr Kajal, der Lippenstift schwarz.) Jetzt als Abweichung von der Norm, ich bin sonst zu faul Farbe ins Gesicht zu machen, noch fauler, sie wieder abzuwaschen. Diese Woche gedacht: it was a shell.

Pyjamahose, schmutziges T-Shirt und zu kleiner Cardigan. Ungekämmtes Haar. Der Plan ist Gartenarbeit und dann kommt ein Restaurantbesuch dazwischen, die Leute um uns herum herausgeputzt für Festtagsessen mit Familie, wie nach Kirchbesuch, mutmaßlich, sogar Kinder tragen Anzug. Ich lege dem schlafenden kleinen Kind eine Serviette auf die Beine, weil die Sonne so scheint, unklar, ob überhaupt UV-Schutz in Zellstoff steckt. Später grabe ich Erde um, das kleine Kind hilft, ich friemele Wurzeln in einen Eimer, das Kind kippt Erde drauf. Es ist zu heiß, wir schwitzen zusammen in einer Hängematte. Dann arbeite ich alleine weiter, Kartoffeln in die Erde, Erde in die Sandalen. Sonnencremehaut staubpaniert.

So auf die Arbeit, so nach Hause. Without a care in the world. Weil der Welt egal ist, wie schmutzig ich bin. Weil es mir egal ist. Sommernacht, of sorts, was sie leichter macht.

 

 

20.4.

Unresolved bullshit wie –

ein Mottennest, unbekannterweise, es werden mehr von Abend zu Abend und ich weiß nicht, wo sie herkommen, sie fliegen in Küche, Wohnzimmer, Flur, Kinderzimmer und auch Badewanne.

Unresolved bullshit wie –

eine Geburtstagskiste, übrig geblieben aus dem letzten August, darin eine Girlande suchen, Salzstangen sehen und denken, warum stinken die so, dann eine Packung bunte hartgekochte Eier finden. Von August 2018. Mittlerweile resolved. Aber die Motten kommen nicht von da.

Unresolved bullshit wie –

ein verloren gegangenes Portemonnaie und wie oft kann man es auf dem Autodach herumfahren, ehe man es unwiederbringlich verliert.

Unresolved bullshit wie –

Freundschaften aus Kinderzeit, die nicht mehr bestehen, weil sie ohne mich weiter gingen, die da vielleicht auch schon Zweckgemeinschaften waren und ich muss sie nicht erzwingen, bloß Elsa-style loslassen, aber manchmal würde ich lieber ein Szene machen, als drüber weglächeln, man sieht sich ja noch.

Unresolved Bullshit wie –

das, was ich nicht aus Versehen hätte loslassen sollen, die Beziehung zu dem Teil meiner Großeltern, den ich als Kind am meisten liebte, und dann meldet man sich nicht, und es passieren Dinge, und dann meldet man sich nicht, weil man nicht weiß, wie man da wieder anknüpfen kann, an die passierten Dinge, an die geborenen und gestorbenen Menschen, ans Nichtmelden.

Es so stehenlassen, ungelöst.

19.4.

Sich ins Aufwachen hinein schreiben statt in den Schlaf. Neben mir ein warmes haariges Atmen, die eigenen Augen noch soft schlafsandvertränt. Zwei Tage hintereinander bin ich weit vor Mitternacht ins Bett gegangen, zwei Tage hintereinander dann deutlich vor Sonnenaufgang aufgewacht, es kann nützlich sein, wenn man was daraus macht, Aufstehen zum Beispiel.

Ich bin sehr froh, dass die erste Uniwoche ins lange Feiertagswochenende fällt, es ist ein weicher Anfang. Im Wintersemester fiel sie in einem Mischung aus PMS und Erkältung; ich bin mit Migräne nach Hause, habe mich übergeben und direkt danach wieder in die Uni geschleppt, um meine Seminarzulassung nicht zu verlieren.

Das kleine Kind spricht nicht nur Sachen nach, für Klang und Spiel, es behält sich Worte, wie wichtig sind, wie „hefe“, also helfen, kann so morgens müde darum bitten, aus dem Schlafsack geschält zu werden. Oder verblüfft die Familie, wenn es „Ef, ef“ ruft, weil die Straßenbahn Nr. 11 vorbeifährt, so lange, bis es bei der Straßenbahn Nr. 14, 21, 12, der U-Bahn, der S-Bahn „Ef!“ ruft.

Das kleine Kind, das Minuten nach mir wach wird, frühstücken will – ich stille es auf dem Sofa, bis ich müde werde, bis ich selbst fast wieder in den Schlaf gestillt bin.

18.4.

Das Glück, das ich habe, und was ich ich damit mache.

Ich wurde zu jedem Seminar zugelassen, das mir etwas bedeutet. Ich wurde zu jedem Seminar zugelassen, um das ich gebangt habe. Einmal eins, für das ich Losglück brauchte, offiziell, oder Persistenz, weil ich mir sicher war, wenn man einfach immer wieder kommt, das Semester lang, wo nach und nach die Leute aus dem Seminar fallen und nicht wieder reinfinden, so wie ich ja auch jedes Jahr, immer wieder, wenn man einfach trotzdem kommt und mitmacht, dann kann der nette Dozent nicht nein sagen. Jetzt habe ich einen Platz bekommen, offiziell.

Und das Seminar bei der Professorin, von der ich gestern erzählte, ich war zu spät für einen Wartelistenplatz, first come first serve, und bin einfach trotzdem hin. In den American Studies nicht so üblich wie in der Soziologie, wo am Anfang alle ihren Einkaufswagen vollladen und an der Kasse ist nur noch so viel drin, wie man mit der Hand nach Hause tragen kann. Die Professorin konnte mir nichts versprechen, erst hat die Warteliste ihr Recht, es soll ja fair sein, und ich bin dankbar, weil ich mich diese Woche über intransparente Entscheidungsfindungsprozesse in der Krabbelstubenwhatsappgruppe so aufgeregt habe, dass es mich erinnerte, wie sehr ich klare Verfahren wertschätze, auch wenn sie zu meinen Ungunsten ausfallen. Heute überraschend eine Mail, dass ich einen Platz haben kann, ob ich wolle und ich antworte innerhalb von Minuten unprofessionell euphorisisert. Wie müde ich den Nachmittag war von drei Stunden Nachtschlaf und zwei Stunden Vormittagsschlaf und nach dieser Mail so wach, ich mache Hüpfer über das kleinste Kind, bin froh, als hätte ich ein Stipendium gewonnen, aber was ich gewonnen habe ist richtig viel (gute) Arbeit.

Ich habe jetzt drei Seminare in den American Studies, die 30 Credit Points geben. Allein das soll den Workload einer 40-Stunden-Woche bedeuten. Dazu kommt das Soziologieseminar, das ich mit der Zusage zum dritten und am meisten gewünschten American-Studies-Seminar auch fallen gelassen hätte, aber jetzt habe ich ja den Platz und will ihn nutzen. Dazu kommt eine sprachpraktische Übung. Dazu kommt ein Short Fiction Tutorium, dazu kommt ein Short Fiction Workshop und welchen Workload habe ich dann? Ich will gar nicht so genau gucken. Oder an Lohn- und Carearbeit denken.

Bei zwei anderen Soziologie-Seminaren habe ich es in der ersten Woche schon nicht geschafft, hinzugehen, einmal verpeilt, einmal weil Gartenarbeit dringender war. Das ist jetzt sehr in Ordnung. Ich hätte sie losgelassen. Ich habe genug zu tun. Und vermute: Das Schlimme wird nicht sein, im Semester die Texte zu lesen, Präsentationen zu machen, dies das. Das Schlimme wird sein, drei Hausarbeiten auf einmal zu schreiben. Der Versuch, drei gute Hausarbeiten auf einmal zu schreiben.

 

 

17.4.

Die Professorin, die ihr letztes Seminar in ihrem letztem Semester gibt, nur noch zu dem, worauf sie Lust hat. Es ist Literatur von Frauen, übers Frausein, the complexities, und ich hätte so gerne einen Platz darin. Sie teilt eine kollektive Erfahrung, zu der ich noch keinen Zugang hatte, nämlich ab einem gewissen Alter unsichtbar zu werden. Und ich bin dankbar, weil es gut ist, bestimmte Dinge schon vorher zu wissen, zu wissen, it‘s not personal, und die Transitionen, durch die wir in unserem Leben gehen, wie wir nie aufhören zu werden. Bis wir aufhören.

Ich wäre, nach der Professorin, sicher die Älteste im Seminar, definitiv die mit den meisten Semestern. Dinge, die ich sehe: meine weißen Haare, meine vorskizzierten Falten, es geht jetzt nur noch in eine Richtung. Dinge, auf die ich gespannt, für die ich noch nicht bereit bin: z.B. den Prozess Menopause zu erleben, mit feministischen Freund_innen darüber nachzudenken, eigene Öffentlichkeiten. Angehängt die Frage, wie zerplatzbar solche generationalen Bubbles sind, es gibt ja genug Personen, die mir davon erzählen können, was 50+ so geht. Wie viel aber hängt an geteilten Erfahrungen.

Alt werden, und sich wie ein Mädchen fühlen. Weil ich immer so alt sein werde wie jedes Alter, das ich bewusst erlebt habe, weil ich immer so als sein werde wie das Kind, die Jugendliche, die Erwachsene, von denen ich mich erinnere, sie gewesen zu sein. Ich kann nicht mehr spielen wie mit acht, ich kann viele Sachen mehr, aber ich bleibe, wer ich war, mit acht, mit achtzehn, in acht Jahren und danach.

16.4.

Einfach jetzt gleich schlafen gehen. Obwohl Samen darauf warten, gesetzt zu werden, es liegen Zuccini, Mais und Blumenkohl auf dem Regal über der Heizung und wimmern. Obwohl ein Kalender zu bemalen ist, aus zwei Tagen Lücke ohne Zeichnung vom Tag sind bald zwei Wochen geworden, es wird ein Kraftakt, das nachzuholen. Obwohl ich schon mit Uni-Hausaufgaben anfangen könnte, Texte lesen, Notizen machen, Vokabeln aufschreiben, oder Termine in den Kalender schreiben für Response papers, für Abgaben und Präsentationen.

Ich verschiebe es lieber auf morgen. Die zwei Stunden, die ich das jetzt noch müde machen könnte, die gelingen mir vielleicht morgen wach. Die zwei Stunden schenke ich mir als eine Extraportion Zucker in meinem Schlafsand. Ich verbringe sie neben einem käsefußschweißschokoladig duftenden Baby, es ist warm und wir haben uns heute nicht so lang gesehen.

15.4.

Heute ausprobiert, wie die Skizze für einen Uni-Tagesablauf in Wirklichkeit funktionieren kann, Farbe darauf. Wie optimistisch ich aufgeschrieben habe, dass wir die Kinder zwischen 19 und 20 Uhr ins Bett bringen, von Montag bis Freitag, nach dem theoretischen Sandmännchen, nur weil es sonntags mal geklappt hat. Das große Kind schlief um viertel vor zehn, es wollte vorher noch das Kinderzimmer aufräumen und dazu sage ich nicht nein. Wir haben eine Abendroutine miteinander. Ich bürste dem Kind jeden Abend und, wenn ich wach bin,  jeden Morgen die Locken, es wird leichter von mal zu mal. Es macht sich bettfertig, wir kuscheln uns ein, und es will oft wissen, wie irgendetwas früher war. Außer technischen Quirks fallen mir fast nur überwundene Ungerechtigkeiten ein, früher war nicht leichter. Und wie wir jetzt ähnlich auf das früher der Zukunft einwirken könnten. Eine Frage, die ich dem Kind vorm Einschlafen jetzt regelmäßig stellen will, ich habe sie in der Podcastfolge zu Black Motherhood von The Longest Shortest Time gehört, ist: wovon willst du heute träumen? Gestern bekam ich eine schnelle Antwort geschenkt, von einem haushohen Frosch, der wie ein Flummi auf Züge hüpft, als Reisebegleitung des Kindes. Heute habe ich es vergessen, stattdessen die Uhrzeit genannt und das Kind schlief ein. Danach habe ich Essen vorbereitet für mich, für morgen, für unterwegs, Rumänisch geübt und pling, war es Mitternacht. Für die Uni Texte lesen geht montags also nur morgens. Selbst wenn ich abends fernsehen wollte, müsste ich dafür Überstunden in einen 26-Stundentag hinein machen, Freizeit als To-Do-Listenpunkt. Oder schlafen als Freizeit, nämlich: jetzt!

14.4.

Morgen beginnt die Uni und ich male Pläne. Stundenpläne, mit allen Seminarvariationen, provisorisch. Realistischere Stundenpläne, denen alles fehlt, wo ich nicht reinkommen kann, auch wenn ich es will, weil die Warteliste keine Warteliste hat. Denen alles fehlt, was nur nützlich klingt, aber keinen Joy sparkt oder zuviele Gruppenarbeiten verlangt. Das erste Mal ausgerechnet, wieviele CP mein ausgedünnter Stundenplan bringt, irgendwas zwischen 40 und 50, gedacht, aha, und jetzt? Mit der Googlesuche wieviele cp pro semster, Autofill wusste bereits, was ich will, herausgefunden, dass er weiterhin viel zu üppig ist. Ich falle immer wieder in die gleiche Falle, alles voll und dann habe ich keine Zeit zur Vorbereitung und lasse alles fallen.

Morgen beginnt die Uni und ich male Pläne. Richtige Tagesstrukturpläne, von Aufstehen bis Schlafengehen, ich rechne Fahrtzeiten mit rein aber nicht Mahlzeiten, Ich klopfe den Plan ab: um Mitternacht schlafen gehen, haha, guck mal auf die Uhr. Die To-Do-Liste hat immer noch den Hosenlatz offen. Ich male Pläne und fülle Lücken mit Buntstiften. Mir kommt oft was dazwischen, meistens ich selbst, der Plan wird mich nicht zu Disziplin zwingen. Aber eins ist er wert, so provisorisch er vor mir liegt: ich sehe, dass ich keine Zeit habe. Ich sehe die Lücken, in die ich Textvorbereitung quetschen könnte, zwischen 21 und 23 Uhr. Was alles nicht hineinpasst an (self-)Carearbeit und Unwägbarkeiten, an Müdigkeiten und Medienkonsum. Dass weniger machen gut genug ist.