3.2.

Erst um zwei Uhr anfangen zu schreiben, statt um zwei Uhr endlich damit fertig zu werden, eine beunruhigende Entwicklung. Gestern habe ich in einer langen Sitzung die Serie Russian Doll zuende gesehen. Zwischendurch (für meine Verhältnisse) gruselig, aber gut und rund und so, dass ich sie nicht unabgeschlossen Richtung Bett verlassen wollte. Da war ich erst zwischen vier und fünf. Gegen sechs bekomme ich das Baby gebracht, es hat sich übergeben. Ich nehme es, liege auf 90 cm zwischen zwei Kindern und stille das Kleine, während H. im Schlafzimmer das große Bett frisch bezieht. Das kleine Kind, es stinkt nach Kotze, ich rufe müde um ein Bonbon. Das ganze Schlafzimmer riecht so, sagt H. als er mir ein Fritt gibt, und ich lasse etwas von meinem Selbstmitleid los. Das Baby kaut ein Stück, wirft ein zweites zwischen Matratze und Wand und ich nehme ein drittes in dem Mund, der naive Versuch, den Geruch von innen zu verwischen. Das vierte Stück des Kaubonbonstreifens in meiner Hand, zur Reserve. Als ich zwei Stunden später aufwache, ist es nass und klebt zwischen Nacken und Haaren auf meiner Haut fest. Guten Morgen.

Eigentlich wollte ich über etwas anderes schreiben – über Wäsche, was sie bedeutet. Lieber morgen, denke ich gerade, denn ich muss wirklich noch darüber nachdenken. Und lesen. I might be on to something.

2.2.

Das Webmuster des Sofas auf den Gesicht des kleinen Kindes. So wie Tortenspitze in Salzteig gedrückt. So, dass sie nicht festklebt. Je mehr es verblasst, umso mehr sieht das Kind aus, als sei es aus verschiedenem Papier modelliert, oder eher collagiert – die Schlafseite auf rauen Bütten, der Rest aus glattem Seidenpapier.

Wie man das Wort Collage ausspicht, habe im Käseblatt gelernt, dem Magazin für den belesenen Diddl-Maus-Fan. Ich habe es trotzdem noch lange mit der Aussprache von College (as in: Collegeblock) verwechselt.

Ich weiß, man kann viel Herablassendes über Diddl sagen, und ich kann meine Kindheitserinnerung (eher unterkomplex) intellektualisieren, indem ich sage, dass ich die gezeichnete Maus als kulturelles Artefakt schätze. Aber die Wahrheit ist, dass es reicht, dass sie meine Kindheitserinnerung ist, das ist signifikant genug. Weil es kein schlechter Geschmack ist, ihre runden Füße zu mögen, die Aquarellhintergründe, die Farben und Motive. Weil es keinen schlechten Geschmack gibt, per se, sondern nur unterschiedliche Geschmäcker, die so hart mit Habitus verknüpft sind, dass die ästethische Prägung und die Kindheitserinnerungen von bestimmten Gruppen mehr Ansehen haben als andere. Nicht zufälligerweise ist das, was als gutes Design oder besonders ästhetisch gilt, erheblich teurer. Naja, old news.

(Manchmal überlege ich, ob ich nur noch Kinderbücher vorlesen soll, die den Bechdeltest bestehen, aus Prinzip. Oder so gut wie keins mehr, käme wohl aufs Selbe raus. Das Diddl-Endlosmärchen, das ich habe, besteht den Test sicher nicht.)

 

1.2.

Wenn das nächtliche Baby, frisch gewickelt und beschlafanzugt, mir verschlafen von der Schulter seines Vaters winkt, weil es weiß, dass es jetzt eine Flasche bekommt und ohne mich schläft, keine schlechten Aussichten. Und ich noch überlegt habe, es ist ja viel Lohnarbeit übrig für das Wochenende, ob ich nicht wieder neben dem Baby schlafen soll, damit ich um sechs Uhr schon wach bin, so wie letzte Woche, aber es ist immer sehr okay, nicht um sechs Uhr schon wach zu sein. (Und dann höre ich es doch aus dem Schlafzimmer schreien.)

Friends from College zuende gesehen und was soll ich sagen. Als Protagonistin x (ich habe alle Namen eh wieder vergessen) spontan mit ihrem Exmann schläft, mit dem sie einen erfolglosen IV-Zyklus durch hat, wusste ich, dass sie von diesem, naja, man kann es noch nicht mal One-Night-Stand nennen, sofort schwanger werden würde, für den Plot und zwar passend zum Staffelfinale. Kein spoiler alert, es ist einfach zu obvious. Jetzt ist das erledigt und ich muss mich entscheiden ob ich lieber erst Pose sehen will oder Russian Doll.

Und dann habe ich heute ein bisschen nachgedacht über Empathie, Aktivismus und Gewalt. As in: so viel Gewalt, schlimme Gewalt, strukturell und interpersonell, über die wir durch Aufnahmen und Berichte Zeuginnenschaft ablegen können, wenn wir uns darauf einlassen, aber was machen wir mit unseren Gefühlen, wenn die Gewalt unresolved bleibt. Wenn wir, zum Beispiel, eins unter tausenden, Details von Folter kennen, aber nicht intervenieren können. In der Stadt auf dem Weg von A nach B, kurze Strecke, übers Handy konfrontiert mit Polizeigewalt, Genozid, Vergewaltigung, alles einen Tweet, alles einen Link entfernt. Und dann kommen wir an, Alltagsaufgaben, Ablenkung, aber nicht wirklich. Ich bin nicht Urheberin dieses Konflikts oder seiner Beschreibung, ich weiß, aber irgendetwas muss ich mit meinen Gefühlen anstellen. Abschalten, wegsehen – kann es nicht sein.

(Jetzt weint das Baby lang nicht mehr. Immerhin.)

31.1.

Wie ich mich hinlegen will, um es zum Schreiben gemütlicher zu haben, und dann liege ich und komme nicht hoch und nicht ins Schreiben und es ist gemütlich, aber mehr nicht. These: der Kopf muss ein paar Dezimeter mehr über dem Meeresspiegel sein als die Hände, damit Text rauschwappen kann.

Ich habe jetzt einen Monat lang täglich geschrieben und es war leichter als gedacht. So spät, wie ich schlafen gehe, kommt es auf eine halbe Stunde mehr oder weniger nicht an.

Ich habe jetzt einen Monat lang täglich Yoga gemacht und es war leichter als gedacht. Eine Challenge, of sorts, und ich habe sie bestanden.

Jeden Tag habe ich dazu ein paar Sätze ins aktuelle Notizbuch geschrieben. Und heute, das letzte Mal, ein paar Sätze mehr. Für diesem Tag hat Adriene, die es auf Youtube anleitet, ihr Mikrofon nicht angehabt und stattdessen alles vorgetanzt, ohne was dazu zu sagen. Und ich habe gemerkt: Eigentlich mag ich Yoga nicht. Eigentlich, at its core, macht es mir überhaupt keinen Spaß. Schon wieder der blöde Hund, schwierige Moves und so weiter. Die Idee war sicher, in sich selbst reinzuhören, nicht so sehr am Bild zu kleben und lieber loszulassen. Could work if it works, didn’t work. Abgesehen davon, dass es körperlich tricky war, weil ich mich verrenken musste, um zu sehen, wann sie was neues macht, und ich gerade deswegen mehr aufs Video als auf mich geachtet habe, war es fürchterlich, mit mir allein zu sein. Mit meinen Gedanken allein zu sein, während ich mich bewege. Lieber hätte ich ihr zugehört, wie sie nette Sachen sagt. Sugarcoating my shame, kinda. Von Selbstzweifeln ablenken, hinlenken zum funky Gefühl, was mein Körper doch kann, mit Händchenhalten.

Am Ende ist es eine Übung, nicht abgeschlossen. (Gilt auch, gilt immer, fürs Schreiben.)

30.1.

Verantwortungslose Entscheidungen, wie:

um 22 Uhr eine Serie anfangen, um 01:30 Uhr noch kein Ende sehen. Als Intermezzo ein weinendes Baby aus dem dunklen Schlafzimmer ins Wohnzimmer tragen, das im Hellen weiterschäft.

Die Serie ist Friends from College, oft genug witzig, aber nicht so, dass man sich nicht zur holy trifecta von raceclassgender einige Gedanken machen kann. Naja.

Ich kann mich nicht entscheiden, wo ich lieber hinsehen will, zum Fernseher oder zum feinen Gesicht, das an meinem Oberschenkel lehnt. Die hellen Brauen, so als hätte es keine, der softe Lidstrich des Kindes, ein goldener Wimpernschwung, der mich an das erste Kind erinnert. Dessen Lider nur einmal kurz gehoben, um zu gucken, was darunter ist; Regenbogenhaut, dunkel, ein Auge, keine Überraschung. What could have been. Und wie schön sich das neben mir räkelt. Ich weiß noch nicht, wie mir die Transition von Sofa Richtung ins Bett gelingt, aber solange das vor Sonnenaufgang passiert, bin ich auf der sicheren Seite.

29.1.

Lichterkette und Leitungswasser. Lider singen von:

Wimpern, Lippen, Leuchtmitteln in mir.

 

Von anderen (kleinen) Menschen erzählen wollen, weil ich selbst nichts erlebt habe, außer einer komplett durchgestrichenen To-Do-Liste. Das Gehalt war rechtzeitig da für die Semestergebühren. Dankbar, da ich nicht ins Dispo gehen kann. Dann darf ich jetzt übers neue Semester nachdenken, auf Seminare hoffen, die nicht parallel von vier bis sechs oder sechs bis acht gehen.

Es funktioniert gut, hier jeden Tag zu schreiben, weil ich weiß, alle können es sehen, es würde auffallen, wenn ich vorher schlafen ginge. Vielleicht brauche ich für die Uni eine ähnliche Strategie. Jeden Tag etwas teilen, das ich gelernt habe, oder so ähnlich . Jemandem ein Versprechen geben. Darüber muss ich noch nachdenken.

 

Regenwasser und Riechsalz. Dinge klingen so:

sie klimpern, sie kippen ins Feuchte von hier.

 

28.1.

Ehe das kleine Kind sich auf dem Sofa wachhustet, schnell zum großen Kind ins Kinderzimmer, um da zu schlafen. Tür ins Dunkle auf, da steht es selbst da, ein Schatten zwischen Duplo und Puppenkleidung. Ich erschrecke, es klagt. Ein Kettenrasseln, dass es nicht allein sein will, das kleine Gespenst. Kein Ding, Darling. Auf 90 Zentimeter kann ich mich noch besser ranschmiegen, meine Füße aufwärmen. Zwischen uns Sibi, sozusagen mein Puppenenkelkind, und ein Tiger von der VGF, den ich vor ein paar Stunden schon in den Schlaf begleiten durfte. Wir haben uns da die Carearbeit geteilt, das Kind und ich.

Montags gehen wir alle schwimmen, beide Kinder haben Kurse, beide Erwachsene teilen die vier Arme und vier Beine der Kinder aufeinander auf. Zu früh dagewesen heute, und mit den badebekleideten Kindern im Kreis um die Umkleiden und Spinde gerannt, Runde um Runde, und lieber als ums Becken herum. Wie knubbelig das kleine Kind wackelt. Wie lustig sie sind. Ich gehe mit dem Kleinen duschen, es ist vielleicht das Allerbeste am ganzen Schwimmbadbesuch, wie es sich unter die Dusche stellt, mit dem Gesicht nach oben, nassgeprasselte Augen, und duscht und duscht und duscht und duscht.

Eine andere Mutter getroffen, die bewunderte, dass mein Mann immer beim Schwimmen dabei ist, bei ihrem Mann sei das leider nicht möglich. Und ich denke, es ist schon eher so, dass ich mit ihm mitkomme, als er mit mir. So okay gerne ich im Wasser bin, das ganze An- und Ausziehen ist mir oft schon so viel Hassle, dass ich alleine nicht schwimmen ginge. Trotzdem bin ich gerne Support, damit er sich mit seinen zwei Händen nicht allein um vier Arme und vier Beine kümmern muss. Aber wenn nun ich dafür gelobt würde, das wäre auch weird. (Alle anderen, Mütter wie Väter, die jede Woche zwei Kinder anschleppen, schaffen das auch allein.)

Und dann schmiege nicht ich mich ran, sondern das schöne Kind an mich. Es ist eng hier, aber  genau richtig.