before

Ich bin nicht sicher, ob die Dekade bei 9 oder (1)0 endet. Was sie umschließt ist Unibeginn und Uninochnichtabschluss, ist immer noch im Bachelor zu hängen aber keine Junggesellin mehr zu sein. Nicht, was ich plante, nicht, was ich ahnte.

Die Kinder wühlen unter den Sofakissen nach Münzen, 68 Cent kommen dabei zusammen, und Bleistifte, Krümel und Schnipsel von einem Adventskalender von vorvorletztem Jahr. Sie werfen die Sofakissen auf einen Haufen und sich da rein.

Ich bin zufrieden mit dem Jahr. Besser zu lesen als: ich bin zufrieden mit mir in dem Jahr. Es ist eine gute Mischung aus viel schaffen und aus verstehen, was ich alles nicht schaffen muss. Vier Monate habe ich sehr zuverlässig Vorsätze abgearbeitet, dann begann ein neues Semester und ich habe stattdessen sehr zuverlässig Seminare abgearbeitet. Und abgeschlossen. Sehr gut abgeschlossen.

Die Kinder wollen duschen, mit mir, wir machen das und es ist witzig, ich staune wie sie rutschen fallen lachen. Sich mit Bechern Wasser über den Kopf schütten, weiter duschen, als ich mich schon abtrockne. Ein Rest freiheitstatuenfarbener Anstrich hängt mir noch an den Nagelhäuten. Gestern habe ich mit Gewalt eine Wand angemalt. Um Farbe zu sparen die Rolle so hart abgestrichen, dass ich jetzt meinen rechten Arm nicht mehr ohne Schmerzen bewegen kann. (Die Muskelkater, mit denen man nicht rechnet.)

Wir haben die Zusage für eine Wohnung bekommen. Nachdem drei Vorbewerber_innen sie abgelehnt hatten. Die Wohnung in unserem Häuserdreieck, von der ich dachte, diese oder keine. Die gleiche gute Höhe, ein großer Balkon mit Wandseiten, eine Küche, in der Platz für einen kleinen Essplatz ist. Und zur anderen Seite der Blick auf Park, auf Weiher und Skyline. Sie wurde frei, wir haben es spät gemerkt und hatten so großes Glück. Wir haben großes Glück, denn alle Nachbar_innen in dem Haus, die davon wissen, sagen, dass sie sich freuen, dass wir dort einziehen. Jetzt streiche ich Stück für Stück die Wände, und fülle Stück für Stück Kartons, wenn die Kinder schlafen.

Ich nehme also nicht nur vom Jahr Abschied, auch von der Wohnung, in der ich aufgewachsen bin. In die ich immer wieder gekommen bin, in der ich sonst auch geblieben wäre. Die Wohnung, in der mein kleinstes Kind geboren wurde, das sich jetzt mit Verve über den nassen Badewannenboden wirft und bei Böllern „habe Anst“ sagt. Zu Beginn des Jahrzehnts bin ich hier schon mal ausgezogen. Für ein nie beendetes Studium. Jetzt werde ich nicht mehr zurückkommen. Aber vom Küchenfenster aus immer rübergucken können.

Die Kinder schlafen, sammeln Wachzeit für den Jahreswechsel. Ich bleibe lieber wach und lehne mich in ihren Atem.

 

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