8.1.

So dringender Hunger, ich esse Pesto roh mit der Gabel aus dem Glas, weil ich nicht warten will, bis meine Convenience-Packung Nudeln mit Käsesoße sich von Pulver in eine warme weiche Mahlzeit verwandelt hat. Ich weiß auch nicht, wieviel Zeit ich habe, ehe das kleine Kind auf dem Sofa wieder ein kleines waches Kind ist.

Während es schläft, will ich die letzten beiden Wohnzimmerschränke leerräumen. Ein neuer Schrank soll her und fünf von acht alten Kieferquadern sind schon abmontiert. Drei tragen übergangsweise den Fernseher, zwei dürfen in meinem Arbeitszimmer (mehr Arbeit als Zimmer) weiterleben.

In den vollen Schränken stapelt sich Papierkram, Erinnerungsmaterial. Je eine Babykiste von L., R., T. und je eine von mir und meinem Bruder, darin unter anderem 30 Jahre alter Würfelzucker aus der Wöchner_innenstation.

In den vollen Schränken stehen festliche Gläser. Ich kann mich nicht entscheiden, was ich mehr brauche: 5 zueinanderpassende simple Weingläser, zwei etwas größere Weingläser, noch mit Sticker und einer Form, die mich ahnen lässt, die Gläser haben in ihrer Jugend Ballett gemacht, oder eins mit ebenjenem Habitus, aber viel größer. Wenn man was beweisen muss, oder für Insta-Posts mit dem Hashtag #winemom. Habe ich schon gesagt, dass ich eigentlich keinen Wein trinke?

In den vollen Schränken stapeln sich Kunstwerke, vor allem von großen Kind. Kleinkram. Schräubchen. Seifenblasenpackungen und Dias. Verfallene Briefe. Alles, was mal oben abgelegt wurde, damit Kinderhände es nicht erreichen. Sozusagen die miscellaneous items der miscellaneaous items.

Ich bin guter Dinge, das gleich zu schaffen. Sind ja vor allem gute Dinge, ne.

7.1.

Einen Einstieg finden.

Difficult shit first –

Zur Nacht noch unresolved feelings, weil ich eine Mail von einer Professorin aufgemacht habe, die mich und andere undisclosed recipients fragt, warum wir uns so schwer mit dem Propädeutikum tun. Das erste habe ich 2013 schon nicht abgeschlossen. In der Zwischenzeit habe ich mit viel Anlauf sehr gute Hausabeiten geschrieben. Jetzt darüber lernen zu sollen, wie man wissenschaftlich arbeitet, war weird, aber nicht der Grund, warum ich dieses Semester schon wieder scheitere. It‘s not you it‘s me. It‘s not you it‘s paid work, unpaid work, lack of imagination.

Mit Mama telefoniert. Sie hat mir erklärt, warum die Sprachlernapp es als falsch angezeigt hat, als ich two apples in doi mere übersetzte. Gelernt, dass un măr nicht männlich ist, sondern neutral. Und dass zwei neutrale Dinge weiblich gezählt werden, also două mere. Was ich nicht lernen werde, ist wie man măr oder mărul ausspricht, das R kleidet meinen Rachen aus, rutscht unter die Zunge und bleibt dort liegen, schlapp und ergeben.

Das große Kind nennt seinen Lieblingspulli Schlabberino. Er ist zwei oder drei Größen zu groß und liegt jetzt auf der Heizung neben Regenbogensocken in Größe 41, die es mir nicht wiedergeben will. Sie warten mit mir auf morgen.

 

6.1.

Der Versuch, am Klang dessen, wie soft der Schlüssel ins Schlüsselloch rollt, erkennen zu wollen, ob es H. gelungen ist, das Baby mit dem Auto in den Schlaf zu fahren. Ich horche – SO soft, denke, er hat es geschafft und ich habe Feierabend, aber als er in den Flur kommt, höre ich, wie er erst die Badezimmer- und dann die Küchentür schließt. I‘m fucked. Ich würde das nachtwache Baby, das keins mehr ist, gerne an einen Schnuller gewöhnen. Meine Nase ist zu und mein Ohr tut weh, wenn ich schneuze. Heute will ich nicht der Schnuller sein. Heute will ich mich bis zum Hals einmurmeln.

Mit dem großen Kind bei Abendbrot über Mädchenfarben und Jungenfarben geredet, nochmal rückversichert, dass ja, wirklich alle Farben für alle Kinder sind. Versucht, den Scam hinter Gendermarketing aufzuklären. Bis klar wurde, dass das Kind unter „die“ bei „die wollen damit mehr Produkte verkaufen, um mehr Geld zu verdienen“ die Verkäufer_innen im Laden versteht.

Vorher Yoga mit großem Kind, das mitmacht, für das ich simultanübersetze. In seine Nachfragen hinein höre ich, wie Adriene was von Me-time sagte, das übersetze ich nicht. Das Kind macht alles mit, bis es für uns beide wirklich anstrengend wird, es schnauft mir sogar nach. Dann ruft es Richtung Fernseher:

„Wie KANN sie das?“

I feel you, kid.

Und, staying on topic: als es nicht mehr mitmachen mag, kruschpelt es in meiner Nähe in einer Spielzeugbox herum, findet eine Furzkissen und schickt, stelltvertretend für alle, die sich je neben anderen beim herabschauenden Hund davor fürchteten – einen satten Furz in die Welt.

 

5.1.

Verkrampft im Wohnzimmer sitzen, weil H. eben mit Baby ins Bett ist und es weint. Ich hatte nicht vor, mitzugehen, ich wollte noch hier schreiben, wollte noch Rumänisch üben. Die halbe Stunde, die ich vorhin hatte, als es auf dem Sofa schlief ohne mich zu berühren, habe ich genutzt, um die Küche aufzuräumen, weil ich meine Einkäufe auspacken wollte. Ich hatte mir drei verschiedene Salze ausgesucht und zwei Olivenöle und träume von Foccacia wie die, in die Samin Nosrat in der ersten Folge von Salt, Fat, Acid, Heat hineinbeißt und es knackt.

Meine Nase schmilzt und tropft. Kein Wunder, wenn die Haut über der Lunge nächtelang nackt bleibt und Kleine ihre Keime darauf verstreichen wie ich im Gegenzug Wick Vaporub auf ihrer Brust.

Yoga heute war kurz und soft und viel im Liegen. Es ist Wochenende, ich mache es abends, wenn die Kinder schlafen sollen. Das große liegt noch wach im Bett, das kleine wird mit dem Auto in den Schlaf gefahren. Natürlich kommt das Große aus dem Kinderzimmer, als ich in extended child’s pose rumliege, also sage ich mit Gesicht Richtung Matte, dass es bitte wieder ins Bett gehen solle. Macht es, und klackert die nächsten 10 Minuten mit Duplo, aber dazu sage ich nichts. Ich lasse los und muss das erste Mal seit vier Tagen während der Übungen pupsen. Yoga-Adriene sagt immer Sachen in die Kamera, die supportive sein sollen, you‘re doing great, und so weiter. Als gegen Ende, Team Tiefenentspannung, ich noch mal so richtig einen fahren lasse, kommentiert sie: „Sweet!“ Und ich denke: stimmt.

Der Kommentar des Kindes, als ich noch mal ins Kinderzimmer gucken komme: „Wenn man sowas macht (= Sport / mal 20 Minuten auf einer Matte auf dem Wohnzimmerboden rumliegen und nicht gestört werden wollen), kann man nicht gleichzeitig auf Kinder aufpassen.“ Ach Kind, denke ich, agree to disagree.

 

4.1.

Staunen. Nicht staunen in Andacht und oh, stattdessen staunen im Rausch, als ich das Treppenhaus vom Dachboden bis zu unserer Wohnung putze. Ich weiß nicht, vor wievielen Monaten das zuletzt gemacht wurde, ich war das jedenfalls seit Jahren nicht mehr. Ich staune über die Energie, die ich habe. Ich habe mich heute doch schon bis zum Muskelkater bewegt, gestreckt, gedreht, beim Versuch, Yoga zu machen. (Fun fact: wie peinlo ich es finde, das zu schreiben, aber mei, ich mach‘s halt grad.) Kann es sein, dass man Energie davon bekommen kann, was Anstrengendes zu machen, Energie zu verbrauchen? The human body as a regenerative powerplant? idk. Ich wische den Flur gleich mit, habe vorher gekehrt, den Weihnachtsbaum (weit vor Ostern) aus dem Haus getragen, und vorsorglich, unnötigerweise, Kehrwisch und Kutterschaufel für den Rückweg mitgenommen. Später klemme ich mir drei Müllsäcke unter die Arme, ehe ich das Haus verlasse, eine verspätete Adventskalenderschokolade als Wegzehrung in meiner Manteltasche.

Das große Kind mitschleppen, um ein kleineres Kind zu treffen, das genauso heißt, das ist mein Vorwand gute Menschen aus dem Internet zu treffen. Doch dann will das große Kind eigentlich nur heim und hängt schlapp auf meinem Bauch wie ein krankes kleines Kind. Ich habe abgewogen, wie fair das ist, und will glauben, dass es okay ist, wenn Kinder mit ihren Eltern zu sozialem Kram der Eltern mitkommen, nicht nur umgekehrt. Auch wenn es die Kinder langweilt, auch wenn die Kinder schüchtern und unsicher sind. Dann bin ich gerne das Boot und trage, denn ich will auch in die Welt.

Apropos Boot: bevor ich mich zum Einschlafstillen des kleinen Kindes aufs Sofa gesetzt habe, dachte ich, das könnte länger dauern, so anhänglich und verrotzt wie es ist. Da könnte ich doch einen Film sehen, so einen richtigen normallangen Spielfilm. Ich habe also Vaiana gesehen, jetzt erst. Und wie: Mit der Filmanalysebrille die Plotpoints vorraussehen, aber bei den spannenden Stellen trotzdem die Faust im eigenen Pulli verkrallen. Alles wiedererkennen, Pocahontas, Arielle, Herkules, Hamilton. Und am Ende, erst als der Film rum ist, beim Titelsong im Abspann kribbelnde Augen kriegen für vielleicht eine Träne. Das war schön.

 

 

3.1.

Sich etwas aus den Fingern saugen, oder von ihnen ablecken. Ich habe heute zweimal etwas gemacht, das man kochen nennen kann. Jetzt ist mein Bauch so voll und präsent, dass ich auch vermute, mein Uterus ist mit Innenausstattung beschäftigt. Oder ich sehe das nur so, weil ich Sportkleidung trage, die eng anliegt. Ich sehe das und mache mir meine Gedanken dazu, die immer bei nicht weniger werden wollen landen, aber der Weg dahin ist Schlenkern, ist Widerstand gegen eigene Widerstände.

Sportkleidung trage ich, weil ich vor einem Fernseher eine verknickte Yogamatte hingelegt habe und darauf versuche, mich in die eine oder andere Richtung zu strecken, ohne dass meine Brüste in die eine oder andere Richtung baumeln. Der Fernseher ist mit dem Internet verbunden, ich bekomme alles vorgemacht und verrenke mich beim Versuch zu sehen, was ich wie nachmachen soll.

Auf der Matte frage ich mich, was für 1 (westdeutsches Hausfrauen-) Life das eigentlich ist. Vor 25 Jahren hätte ich eine Videokassette mit Aerobic-Hometrainer in den Kassettenrecorder schieben können, jetzt ist es Youtube-Yoga.

Ich trage Sportkleidung, aber ich würde nicht sagen, dass ich Sport mache. Ich mag Sport nicht. Oder: Ich mag mich selbst nicht, wenn ich Sport mache. Die Grenzen des eigenen Körpers. Unzulänglichkeiten, die als Pars pro toto unfreundliche Aussagen über mich als Person treffen. Sportunterricht, die Erinnerung daran. Selbst Sport, den ich in einem feministischen Setting gemacht habe, oder um stärker zu werden, ist für mich in destruktive Selbstoptimierung gekippt, weil ich das Gefühl hatte, nicht genug zu sein, nie genug sein zu können.

Beim Rückbildungskurs war ich froh, wenn das Baby mich im Nebenzimmer bei sich haben wollte. Ich hatte gehofft, wir würden dort rumsitzen und unseren Beckenboden wie einen Schmetterling flattern lassen, in Gedanken mit unserer Vulva Gegenstände aufheben, aber wir mussten uns richtig bewegen. Ich war die einzige, die das nicht geschafft hat und erschöpft mittendrin liegen geblieben ist. Dann habe ich auf eigene Kosten geschwänzt, self care, sozusagen.

Ich mache also keinen Sport, sicherheitshalber, ich probiere hier nur was aus, was Freundinnen empfehlen, weil es ihnen gut tut. Ich mag, dass mir hier niemand zusieht, dass mich niemand korrigiert, dass ich mich nur mit mir auseinandersetze und nicht damit, was ich denke, was andere über mich denken, wenn mein Körper nicht macht, was ich will. Und ich mag das Gefühl, wenn das Video vorbei ist. Wenn ich aufstehe, etwas dizzy, und merke, oha, hallo Körper, danke für die Durchblutung, nice to feel you. Manchmal ist auch Sex so: Das Staunen, wie sich der eigene Körper anfühlt, nachdem man sich ein bisschen bewegt hat. Dann muss ich lachen, und das ist sehr okay.

 

 

2.1.

Wie ich versucht habe, den aktiven Jahresbeginn auf heute zu legen: auf nach dem verschlafenen Feiertag, dahin, wenn die Kinder wieder in professionellen Händen sind und nur ich mich mit meiner Dilletanterei herumschlagen muss. Dann verschlafen wir alle. Machen ganze Nachtwanderungen, von Zimmer zu Zimmer, zu Lichtschaltern und wieder zurück zum Bett, von Brust A zu Brust B und im Kreis durch das Bett, bevor das nächste Zimmer ruft und niemand mehr aufstehen will.

Um neun geht der vernünftigere Erwachsene verspätet zu seiner Lohnarbeit. Ich wechsle das Bett von einem Kind zum anderen, sage, er soll sie alle schlafen lassen, das kleine zu heiß für die Kita, das große schläft tief und fest. Ich bin so müde, ich könnte Schlaf mit Schöpflöffel über die Welt gießen, gönnerinnenhaft. Um halb elf ist das große Kind wach, kommt rüber, knallwach, das kleine arbeitet sich da bereits von einer Milchquelle zur nächsten, klebt mir Popel an die Mamille.

So viel dazu.

Aber das große Kind macht mir ganz alleine eine Tasse Kaffee. Wir spielen, snacken, tanzen bis Youtube-Autoplay bei Blümchen landet. Kurz bevor die Stimmung kippt, kommt der andere Erwachsene früher von der Arbeit.  Er packt die Kinder unter den Arm, Richtung Ikea, Spielplatz, Kleinmarkthalle. Ohne mich. Ich habe alle Nachmittagslichtflecken auf dem Laminat für mich allein und will was daraus machen.