4.12.

Barbaratag. Und Nicole-verschläft-solange-im-Bett-bis-das-Baby-sich-nicht-mehr-stillen-lässt-weil-es-keinen-Hunger-sondern-eine-übergelaufene-Windel-hat-und-stellt-beim-Wickeln-fest-dass-sie-den-Rückbildungskurs-verpasst-hat-Tag. Also auch Im-Bett-liege-Tag. Was blöd ist, wenn ich auf die Toilette möchte, oder gegen 15 Uhr mal ein Toastbrot frühstücken, aber sehr schön, wenn ich mit Kissen und Decken die perfekte Position gefunden habe. Im-Bett-liege-Tag heißt eben auch, ich bin das Bett des Babys und es liegt auf mir drauf.

Barbaratag. Mit den großen Kind im Dunkeln zum Supermarkt im Nordend fahren, wo Kirschbäume stehen, die größer geworden sind seitdem das Kind klein war, ich habe eine Haushaltsschere mitgenommen, aber das ist Quatsch, ich komm ja noch nicht mal mehr mit den Fingerspitzen bis zu den  Ästen. Einen erwische ich und kann ihn runterziehen, aber mit der Schere erwürge ich den Ast nur. Stattdessen breche ich einige der von ihm abgehenden Zweige ab. Das ist nicht professionell, aber geht. Seit 5 Jahren versuche ich das mit den Zweigen, aber nie blühten sie zum 24., oder überhaupt irgendwann. Ich halte mich jetzt an ein genaueres Rezept: Abschneiden, über Nacht in der Kälte (auf dem Balkon) lassen, ein paar Stunden in warmes Wasser (in der Badewanne) legen, erst dann in die Vase. (Mit Wasser oder ohne, ist noch unklar.)

Barbareitag. Das große Kind beginnt und beendet den Tag damit zu schreien und zu kreischen, verzweifelt. Was heute morgen war, habe ich verpasst. Heute abend sagte ich: „Bitte heb das Popcorn auf, das du auf den Boden geworfen hast, ich möchte nicht, dass jemand reintritt und das dann an den Socken klebt.“ Like, wortwörtlich. Als es ankündigte, auf das Popcorn treten zu wollen, sagte ich „Nein, bitte nicht“. Als es sich aufmachte, das trotzdem zu tun, sagte ich sehr deutlich nein, und das Kind, erschrocken, fing an zu weinen, sagte etwas in der Art von „Willst du dass ich weine/soll ich weinen?“, und los ging die Fahrt. Jeder Versuch, zu trösten, zu erfragen, was los, Gefühle zu verbalisieren, idk, wie ein Klick auf Kummer aktualisieren. Also daneben sitzen, ausweinen lassen und ablenken, wenn die Tränen alle sind. Ich weiß nicht weiter, aber kenns ganz gut. Das sich in einen Schmerz reinweinen, vergraben, Blickkontakt ausweichen, nicht rauskommen. Naja. Schöner Adventskalender, das hier.

Barbaratag, fast Nikolaustag. Vor der Wohnungstür steht ein kitschig schöner Nikolaus von meiner Omi, einen halben Meter ist der groß, mit Sack und Stock, Samtmantel und runzligem Plastikgesicht. Wenn man sich was zum Nikolaus wünscht, kann mans ihm sagen. Allein traut sich das große Kind nicht zu ihm, und so gehen wir zu viert, Hand in Hand. Der Vater der Kinder wünscht sich für das Baby, das noch nicht sprechen kann, einen ersten Brei. Dann traut sich das große Kind, es will Erdbeeren und Honig. Nicht klimaneutral, aber kriegen wir hin.

Was wir uns wünschen, vom Nikolaus, fragt es. Ich grübele. Jetzt, schnell, eine erfüllbare Idee! Bücher, denke ich, Bücher sind immer gut, ich habe da ja auch eine lange Amazon-Wunschliste, aber das bekomme ich nicht schnell genug für den richtigen Adressaten erklärt. „Safran!“ sage ich, und finde mich klug, das ist was besonderes, passt in Stiefel und käme am 6.12. rechtzeitig zu Lucia. „Und du, Papa? Was wünscht du dir vom Nikolaus?“ Der überlegt nicht lang und ich denke, ja, gib mir einen Tipp, mir gehen die Stiefel-Ideen aus, ich will mal was besonderes reinmachen. Dann sagt er etwas, was auch meine cis Mutter sich auf Nachfrage immer gewünscht hat. Etwas, woraufhin ich damals regelmäßig „oar, Mama“-mäßig mit den Augen rollte. Er sagt: „Ich wünsche mir liebe und brave Kinder.“ Na dann, work your magic, Nikolaus.

3.12.

Rotkribbelige Lippen. Eine Nase, die da juckt, wo wohl ein Tropfen festhängt. Lider, die müde pieksen. Wenn ich mir mit einem Papiertaschentuch die Nase putze, bringe ich Staub ins Spiel, es hilft nicht. Eine Unzufriedenheit, die dem Tag nicht gerecht wird.

Ich finde nicht ins Bett, obwohl ich bereits darin liege. Weil ich zu lange gewartet habe und „bereits“ ein Euphemismus ist. Weil ich auf dem Weg von Sofa zu Bett das schlafende Baby geweckt habe, das sich zuvor auf meiner Brust in den Schlaf gehustet hatte. An meiner Haut zieht es und ich finde nicht zur Ruhe.

Geweckt wurde ich heute früh vom großen Kind, als es rief: „Es schneit, Mama, es schneit!“ Es schneite einfach den ganzen Tag weiter. Er blieb liegen, der Schnee, ganz anders als ich. Er liegt noch, teils stadtmatschig, er liegt und macht die Nacht heller und weich. Ich bin in Denial, obwohl ich eine elektronische Erinnerung las, dass es gestern vor einem Jahr auch geschneit hatte. Habe nicht damit gerechnet, wollte mich nicht trauen, es zu erwarten. Schnee, vor Weihnachten. Im warmen Talkessel. Im Klimawandel, keine Ahnung. Und trotzdem Glück. Traue mich nun nicht, zu erwarten, dass das länger hält, dafür den Tag über alles aufgesaugt. Schnee gegessen. Geguckt. Gejuchzt. Rote Finger, Blitze auf den Wangen. Es sieht einfach alles so schön aus, so. Von draußen, mit beißender Luft, von drinnen sowohl vom Sofa aus, eingemümmelt zur Sendung mit der Maus, oder bei der Lohnarbeit, wo es meine Blicke beiläufig nach draußen zieht, ich Flocken wehen sehe. Alles still. Kokon. Es ist magisch, ich weiß es nicht anders zu sagen. Wie im Bilderbuch. Wie Fiktion eigentlich. Aber ganz echt, kalt, nass, schmackhaft.

Die warme Hand des Babys kitzelt mein Kinn. Es schläft schon wieder und mich juckt es nur noch zwischen zwei Zehen. Ich werde mich langmachen, um die Nachttischlampe auszuschalten, und dann werde ich einfach die Augen schließen. Sie ausruhen lassen. Sie kühlen, in Gedanken, mit einer Handvoll Schnee. Allein das Wort. Schneeeee. Es ist so schön und ich dankbar.

 

2.12.

Ein paar Sachen vorverlegt. Die Adventskranzkerze wird jetzt am Samstagabend vor dem entsprechenden Sonntag angezündet, zur Vesper sozusagen, also, zur geistlichen, nicht zur kulinarischen. Dann ist der feierliche Akt erledigt und zum Sonntagsfrühstück kann sie schon brennen.

Dem großen Kind mein Lieblingsadventslied vorgesungen, so oft, dass es eine Chance hat, es auswendig zu lernen, vor dem Anlass des Kerzenanzündens selbst. Wir sagen euch an, den lieben Advent. Sehet, die erste Kerze brennt.

Mit der ersten Adventskerze das erste Mal Streichholzanzünden geübt. Auspusten ist leichter.

Freut euch, ihr Kinder, freuet euch sehr. Schon ist naaahe der Herr. Während ich singe, frage ich mich, wann das Kind hinterfragt, wer eigentlich dieser „Herr“ sein soll. Da fragt der Vater des Kindes, weißt du eigentlich, wer mit Herr gemeint ist? Und erklärt selbst: Jesus, Geburtstag, Christkind, Herr. Christ. Kind. Naja.

Als ich in der Grundschule war, bekamen wir den Liedtext auf einem kopierten Zettel, unsere Grundschullehrerin hatte darauf bei der Zeile „Freut euch,  ihr Christen“ das Worten „Christen“ durchgestrichen und handschriftlich durch das Wort „Kinder“ ersetzt. Kinder waren wir alle, Christen die wenigsten, auch ich nicht. Ich singe das Lied nur noch so.

Vorverlegt auch die Adventskalendergeschichte, am Abend des zweiten lese ich den dritten Dezember vor, dann kann ich mich auf den nächsten Tag einstimmen, und wir schaffen es vielleicht, die Geschichte vom 24. Dezember auch mal zu lesen.

Das Buch ist das gleiche, das ich als Kind schon vorgelesen bekam, und afaik meine Mutter Andrea auch schon. Die Eltern heißen darin nur „Mutter“ und „Vater“ und so ist auch der Rest. Ich les es in all seiner Altbackenheit vor, gendere aus Gewohnheit allumfassender on the go, aber lass alles andere; mit jedem alten Wort klingt mir auch Andreas Stimme im Ohr.

 

1.12.

Also bin ich müde. Das liegt nicht an der Uhrzeit, die kann ja nichts dafür. Es liegt an irritierten Augenliedern und dem Gewicht auf meiner Brust, der Trägheit, die auf meinen Armen schnorchelt. Ein Baby, so erkältet, dass es zu heiser zum Husten ist. Das macht macht mich sicher nicht mehr müde als sonst, es zwingt mich immerhin zu sitzen, ganz okay eigentlich, dieses Sitzen, besonders wenn man lohnarbeitend sechs Stunden am Stück steht, aber wenn man dann noch was machen will, eigentlich, irgendetwas, und diese Jahreszeit ist ein Blinklicht an Machirgendwas-Aufforderungen, dann hilft dieses Sitzen nicht immer. Ich tippe jetzt, weil jemand anderes wickelt. Was ich statt tippen auch machen könnte? Weihnachtsdeko aussortieren und in der Wohnung anbringen. Pfefferkuchenteig anrühren, damit ich morgen ohne Mühe einen Teigklumpen aus dem Kühlschrank holen kann, um Kram auszustechen, mit dem großen Kind T., das vor Juni nur „Kind“ war, ohne qualifier. Das muss morgen sein, weil sowas in der Adventskalendergeschichte von heute vorkam. Muss, muss, Pfeffernuss. Ich sitze fest und kann kaum kontrollieren, ob überhaupt alle Zutaten zuhaus sind. Meine Zähne haben sich mit Fell zugedeckt, so ein Müde. Arm vor dem Rest eingeschlafen. Meine Augen sind nicht geschafft vom tun. Mer vom Nachdenken über die vielen kleinen Quatsch-To-Dos im Dezember. Jeden Tag ein Fensterbild verkleben, in Treppenhaus und Wohnzimmer. Jeden Tag Geschichten. Basteln. Nahrungsaufnahme. Verlosungslisten wegfrühstücken. Diesdasananas, jeden Tag. Ich schmücke nicht, will lieber schlafen. Ich tippe moch, aber fast zu spät. Ab ein Uhr nachts ist doch die Uhrzeit schuld.

Nachtrag, 12v12 – März

12 Fotos am 12. Tag eines jeden Monats, 12 mal im Jahr. Mehr davon, wie andere diesen Märztag verbracht haben, gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

Mein Frühstück wieder, ey. Ich ernähre mich vor allem von Toastbrot, das kann ich gut essen, wenn ich mich gerade erbrochen habe, das kann ich auch essen, wenn ich weiß, dass ich es gleich wieder erbrechen werde.
Am Abend vorher hatte ich noch einen Plan gemalt, in welchem Monat ich welche Pflanzen drinnen oder draußen einpflanzen kann. T. hat ihn morgens mit einer Zickzackschere zerschnitten, H. hat sich daraufhin hingesetzt, alles richtig wieder zusammengepuzzelt, auf einen neuen Bogen Papier geklebt und mir mit dem Frühstück überreicht. Ich bin davon sehr beeindruckt. Auch von T.s Socken, die ich so zurechtziehe, dass ihr Schnabel auf- und zugeht. Ich will auch Socken mit Schnabel. T. hüpft vom Bett auf einen umgedrehten Wäschekorb, bricht durch, bleibt mit den schnabelbesockten Socken stecken. Ohai Schreck (und Schmunzeln), adieu Wäschekorb.

Wir packen unsere Taschen; T.s Rucksack hat ein extra Fach für Smarties-Rollen, und fahren an Rosa Luxemburg vorbei in den Garten, wo wir T.s Krippenfreund treffen und uns die schönste Spiel-Eisdiele erwartet, die ich je gesehen habe.

Die anderen sind schon fertig mit der Arbeit, wir kommen direkt zum Pizza-Essen. So sitzen wir noch ein bisschen in der Abendsonne herum. Ich bin ein bisschen verwirrt und möchte auch noch etwas im Garten arbeiten. Als der Rest der Crew schon weg ist, grabe ich ein Beet um und pflanze Radieschen und Rucola hinein, sehr bedacht, dabei nichts falsch zu machen. Wieder zuhause gibt es für mich Erdbeeren mit Zucker zum Abendbrot. Ausgewogene Ernährung, I guess.

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Nachtrag, 12v12 – Februar

12 Fotos am 12. Tag eines jeden Monats, 12 mal im Jahr. Mehr davon, wie andere diesen Februartag verbracht haben, gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

H. hat Geburtstag. Am Abend vorher haben T. und ich eine Krone wie im Kindergarten bemalt und beklebt, nachts suche ich ein Kinderbild raus und finde eines, in dem H. und T. sich sehr ähnlich sehen. (Überraschung!) Als ich wenige Stunden später wieder aufwache, gibt es Hustenmedizin zum Frühstück. Ich bleibe im Bett und muss mir beim Husten nicht mal die Hand vor den Mund halten, T. macht das für mich. Dann schlafe ich, denn wer schläft, hustet nicht .

Meine Geschenke für H. sind dieses Jahr etwas crappy („Don’t Panic“ auf ein Handtuch gestickt, naja), ich will nicht den ganzen Tag im Schlafanzug bleiben und uns lieber alle zur Feier des Tages wenigstens zum Essen einladen. H. wünscht sich Pizza, dann fahren wir seine Mutter abholen und gehen mit ihr spazieren.

Auf dem Spielplatz findet T. ein erstes Schneeglöckchen, wir schaukeln, hüpfen, drehen uns im Kreis. Bevor wir H.s Mutter wieder heimfahren, lädt sie uns in eine Eisdiele ein. Ich bin hin und hergerissen, ob ich mich aufwärmen oder ein Eis essen will, Kakao oder Kaffee, Obst oder Kuchen, und esse von jedem ein bisschen, durcheinander, bis ich nicht mehr kann. Alles an der Eisdiele sieht so aus wie als ich so alt wie T. war und häufiger in Eisdielen eingeladen wurde. Zuhause purzelt T. schnell müde ins Bett. Wir hinterher.

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Nachtrag, 12v12 – Januar

12 Fotos am 12. Tag eines jeden Monats, 12 mal im Jahr. Mehr davon, wie andere den Januartag verbracht haben, gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.Kank aufgewacht, Arbeit abgesagt, liegen geblieben. Müde auch mein Frühstück, ich esse es nicht auf, es guckt unleidlich. Dann versuche ich, mich zu konzentrieren, To-Do-Liste und 750 Worte zu schreiben, nach langer Pause.

Nachmittags geht es mit T., Nachbarin und Kind der Nachbarin zum Kinderliedersingen im Nachbarschaftszentrum. Wir rennen einer Straßenbahn hinterher, T. kann mit bei (Bahnverpass-)Panik nicht rennen, also klemme ich mir T. unter den Arm und renne so los, wir verpassen die Bahn trotzdem. Gehetzt, aber nicht zu spät kommen wir alle an, singen und tanzen, T. taut auf, wünscht sich Lieder, H. kommt nach der Arbeit auch dazu. Zuhause mache ich die Spülmaschine voll, die Spülmaschine macht die Arbeit, wir sind ein gutes Team. Und das Sandmännchen hat das schönste Outfit des Tages.

H. liest T. noch etwas vor, dann gehen beide schlafen. Ich brate mir Maultaschen in Kürbiskernöl mit einer weiteren Spezialzutat, die ich jetzt vergessen habe. Bevor ich mich wieder in den Schlaf huste, bewundere ich noch den Turm aus Printmedien, den ich heute im Briefkasten hatte. Alles geschenkt und alles auch gewünscht. (Merci.)

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