16.3.

Aus dem Halbliegen –

die Nase Richtung Windeleimer. Im Rücken, zwischen den Schulterblättern, klemmt ein Kleinkinderatem. Ich verscrolle mich heillos. Einen Atem voll nehmen, semibetäubt die Augen schließen. Ich habe eine Idee. Ich habe etwas ausgeschrieben und hinter dem Übersprungsgedanken, ob ich nicht neu Jura anfangen soll (Gesetze, nicht Dinos) lauerte das, was ich wirklich will. Ich weiß noch nicht ob es geht, aber ich weiß, dass es das Richtige wäre. Ein Kribbeln unter den Rippen. Die Möglichkeit auf meiner Zunge testen, eine unausgesprochene Brause, sie von Wange zu Wange schieben. Dann fragen.

15.3.

Zeit, alle Tabs aufzuräumen. Alle als Screenshot gespeichtern Bücherwünsche in die digitale Wunschliste zu aktualisieren. Einen Warenkorb zu füttern, als Online-Windowshopping, und dann nichts zu kaufen, weil ich überlegt geizig bin und spontan irrational spendabel. Macht mir ein Angebot und gebt mir keine Zeit, ich sage ja.

Zeit, die Beete fertig umzugraben, oder, naja, UMgraben ja nicht, aber aufzulockern und dann die ersten Reihen Möhren und Knoblauf rein. Zeit, Rosen zu schneiden, aber es regnet. Zeit, wieder laufen zu gehen, das erste Mal für 20 Minuten am Stück, aber es regnet, regnet täglich, ich will gar nicht das Haus verlassen.

Zeit zu gießen, die kleinen Keimlinge. Wie sie alle ihre unterschiedlichen Bedürfnisse haben, und ich habe keinen Überblick, kann das nicht managen, alle bekommen das gleiche und ist das schon Kommunismus. Noch ist keins aus der Erde geschlüpft, Schrödingers Saatgut, ich weiß nicht, ob da wirklich was wächst, ehe ich es nicht sehe, ich weiß nicht, ob das, was ich sähe, was wird.

Zeit für Kaffee. Sie ist begrenzt, weil ich aus Fehlern lerne, mich nicht mehr abends mit Koffein zuballere und mich dann wundere, warum ich nicht einschlafe. Wie froh ich aber bin, wenn das Fenster noch offen steht, der Blick aus dem Fenster ins Helle, wie schön der Gedanke, dass es noch möglich sein kann, eine warme Tasse in der Hand zu haben. Die Chance, sich tagsüber ein bisschen wacher zu machen, und der Duft. Die Realität ist, dass ich den Kaffee irgendwo stehen lasse, drei mal in der Mikrowelle aufwärme, wo ich ihn auch wieder vergesse. Aber das Versprechen. Ich freue mich jeden Tag darauf.

14.3.

Statusupdate: Nicht müde, jedenfalls nicht sehr.

Mein Partner so müde, er wollte nach der Einschlafbegleitung selbst ins Bett. Ich wollte ein Statusupdate. Über Kinder reden, weil sonst für nichts Zeit ist, außer vielleicht —

Das Vorlesungsverzeichnis für das Sommersemester im Hauptfach durchgeklickt. Erst wollte ich schreiben überblättert, aber das passt ja nicht. Und auch geklickt ist mit dem ipad nicht präzise. Jedenfalls, die interessantesten Seminare haben vollausgeschöpfte Wartelisten oder finden statt von 16 bis 18 Uhr. Die kitafreundlichste Zeit. An einem Wochentag parallel zu den  Schwimmkursen der Kinder. Bekäme ich denn einen Platz. Falls erneut wer fragt, wie lange ich noch studiere.

Um in die offene Wunde zu gehen: wenig bereue ich so sehr, wie nicht in Hildesheim fertig studiert zu haben. Ich wusste nicht, was ich tue, so organisatorisch, aber ich tat es gerne. Hatte keine Ahnung, wie ein Studium funktioniert. Das weiß ich jetzt, so ungefähr, aber andernorts. Ich weiß nur nicht, ob man das noch zunähen kann. Den offenen Traum.

 

 

13.3.

Müdigkeit bla blub nichts neues ich wiederhole mich. Und —

Salz. Wie in Salz eingelegt die Oberarme, die Knie, die Haut, die ganze Haut. Oder Augen. Wie ich mir neulich gewünscht habe, ich könnte den Kopf in Kaffee halten, die Augen damit auswaschen, aber in Wirklichkeit sind sie paniert in Salz. Jodsalz, kugelige Körnchen, immerhin.

Das Baby hat sich heute die Hände gewaschen, dafür um Seife gebeten, sie zwischen den Händen zu Schaum gerieben und dann in den Haaren verteilt, wie unter der Dusche. Später, als ich im Wohnzimmer davon erzählen ging, biss es in einen festen Block aus Salz-und-Pfefferpeeling.

Auf die Unterarme Salz eingerieben und das Dekolleté, wie Flügel und Brust eines Huhns. Ins Herz massiert, so eine krosse Aussicht mit dem Mund, vielleicht. Ein Ufer, ein Wunsch. Wenn es auch eine Decke sein könnte statt eines Minerals.

12.3.

Wie ich immer schreiben will, wie müde ich bin, wenn ich hier etwas schreibe, und es ist nicht nur redundant, es ist auch albern. Hier zu schreiben ist meistens das letzte, was ich an einem Tag mache, wenn er die kalendarische Grenze zum nächsten Tag eigentlich schon überschritten hat. Natürlich bin ich müde um 1.22 Uhr.

Der Mann, Typ Bradley Cooper, der mit einigen Mädchen in seiner Obhut in der Eissporthalle auf dem Weg zwischen kleiner Halle und Außenring die Durchfahrt blockiert, wir haben Blickkontakt, aber er fährt nicht zur Seite. „Wir würden gerne vorbei“, sage ich, das große Kind im Schlepptau. Er sagt: „Ich war damit beschäftigt, die Sticker zu lesen“, nickt in Richtung meiner Jacke. Darauf ein kleiner schwarzer Black Lives Matter-Button und ein größerer weißer, mit Riot Mom-Aufschrift. Er guckt offen, aber neutral, ich habe keine Ahnung, was er denkt, oder daraus geschlossen hat. Es kann mir auch egal sein. Der Weg ist frei, wir fahren um die Ecke und stackeln zur Toilette. Später haben wir glattes frisches Eis für uns, der Scheinwerfer eine Sonne darauf, und wir lesen Spuren von Bremsmaneuvern und Pirouetten.

1.34 Uhr. Das große Kind tapst um die Ecke ins Wohnzimmer. Mit krächzender Schlafstimme fragt es, ob ich wieder ins Kinderzimmer komme. I’m on my way.

11.3.

Jeder Montag der Versuch, das Wochenende aufzukehren. Quite literally, einmal durch Wohnzimmer, Küche und Flur fegen, im Wohnzimmer alles Spielzeug auf einen Haufen und von da aussortieren, Richtung Kinderzimmer werfen vielleicht. Ein heiteres Wiedersehen mit dem Fußboden, nice to meet you. Am Abend verschüttet das kleine Kind einen Becher Wasser, und während ich die Flüssigkeit aufwische, nutze ich die Gelegenheit und schrubbe damit ein paar alte Essensflecken vom Laminat. Eine Spülmachinenladung, dazwischen neues Geschirr mit neuem Essen schmutzig machen. Das Küchenfenster geputzt und durchsehen können, als hätte ich eine Brille an.

Ich bin müde, den Tag über. So müde, ich breche das Yogavideo vor der Hälfte ab. So müde, ich brauche 3 mal so lang für alles. Ich bin so müde, mir fällt nicht mehr ein für den Tag oder die vorherigen Tage oder die Tage, die kommen. Am Wochenende bekomme ich nichts geschafft. Statt das nachzuholen, muss ich mich montags neu sortieren und einen Ausgangszustand wieder herstellen, mit dem sich arbeiten lässt. Ich brauche wieder ein eigenes Zimmer, denke ich, keine Rumpelkammer, kein temporäres Lager am Wohnzimmertisch. Es gibt ein Zimmer, aber es ist voller Hürden. Sie zu beseitigen – mehr Arbeit. Und ich bin so müde.

10.3.

Heute war ich auf meiner ersten Kleingartenversammlung. Eine sehr homogene Gruppe, dann durften sich Neupächter_innen (das _innen nicht gesagt) vorstellen, oder wurden vorgestellt. Beim einzigen migrantisierten Mann in der Runde, betonte die Obfrau, wie besonders gut er und seine Familie sich, und ich dachte erst, Alter, sagt sie, wie gut er sich integriert habe, aber sie sagt, wie gut sie sich eingefügt haben, er und seine Familie, und alle applaudieren oder klopfen auf den Tisch, mit mehr Vehemenz als bei den Neupächter_innen davor, und es ist mindestens weird.

Später stand ich im Nieselregen. Mitten im Beet, im Matsch. Sonne im Südosten, eine größere, grauere Regenwolke, die von Westen Richtung Osten wanderte. Der Regen ein Staub oder Flaum, es ist angenehm und ich schaffe es, Beet drei von vier locker zu machen. Ehe wirklich Regen einsetzt, das, was dem Namen gerecht wird, kalt, nass, Wind, der Klassiker. Zügig zur Hütte, ich warte mit Notizbuch unter dem Vordach, bis es besser wird, aber es wird nicht besser

Nachmittags endlich das Erste gesät, für meine kleine Aufzuchtstation über der Heizung. Tomaten, Kürbis, Aubergine, Fenchel, Paprika, Jalapeño, Luffa und Liebstöckl. Ich hab noch nicht ganz raus, ob ich zu früh oder zu spät dran bin. Definitiv zu spät ist es, um die Erde und Anzuchtöpfchen neben der Spüle aufzuräumen. So müde, es ist keine Neuigkeit. Könnte ich mit offenen Augen tauchen, ich würde meinen Kopf in eine Schüssel kalten Kaffee tunken. Aber nicht trinken, damit ich nachher noch einschlafen kann.