1.5.

Feiertag, das heißt Arbeitstag, ich bin Sonntagsarbeiterin. Tag der Arbeit, darüber kann man ja diesen und jenen Gedanken haben. Am härtesten erarbeitet war heute mein Ausschlafen. Wach vom kleinen Kind, das sich zwischen das große Kind und mich schob, zu dritt auf 90 Zentimetern, und ich zu müde, um um sechs Uhr noch mal einzuschlafen, den halben Körper über den Matratzenrand geschoben. Manchmal stehe ich um sechs Uhr auf und bin froh über die Gelegenheit, Vormittagsstunden für mich zu habe. Heute nicht. Ich muss ein Schlafdefizit ausgleichen. Heute stapfe ich also ins Schlafzimmer, empört, verlange Ausschlafzeit, die ich auch zugestanden bekomme, vom anderen Erwachsenen, aber nicht vom kleinen Kind, das nur schreit und sich verbiegt. Auch nicht, na meinetwegen, mit mir im großen Bett im Schlafzimmer sein will. Nur schreien und sich verbiegen. Der Trick: das schreiende Kind auf den morgenkalten Balkon mitnehmen und es atmet und biegt sich nicht. Es guckt: Ein Vogel. Ein Hund. Bäume. Danach, drinnen, noch ein Aufbäumen, es nimmt, nicht von mir, die Milch, und ich den Weg ins Bett. Immer wieder aufgewacht, aber zwischendrin so warm zugedeckt, mein Körper eine Pralinenfüllung, in Schichten gewickelt. Ausgeschlafen.

30.4.

Mit wieviel Stunden Stunden Schlaf funktioniert dieses Betriebssystem ohne Schäden? Oder mit wie wenig? Heute, aus Mangel heraus, mittelmäßige Denkarbeit gemacht und den Körper gelehnt an eine rau gestrichene Grenze: so sieht es aus, wenn man nicht genug Zeit hat. Konkret: Hausaufgaben machen, wenn die Kinder schlafen, aber selbst nicht schlafen, um Hausaufgaben zu machen. Danach im Dunkeln Kleidung raussuchen für den zweiten Akt der Kitafotografiererei, Bodyberge stapeln und Farben kombinieren für ein Kind in sich und beide Kinder nebeneinander. Dafür, dass das kleine Kind heute wieder so schrie, dafür, dass es deshalb keine Fotos gab, und ein Gruppenbild nur mit Tränen. Sich nachts oder frühmorgens in die Stoffhügel hineinlegen wollen, aber doch noch den Weg ins Bett finden, neben’s Kind. Nicht umziehen, nur die Schuhe aus, und sechs gestellte Wecker im Puppenbett daneben. Die schwere Grenze: So sieht es aus, wenn man Texte abarbeitet, aber nicht genau genug, um im Seminar etwas zu sagen, was scheint. Ich muss das aushalten üben. Auch halbe Sachen sagen. Auch wahrnehmen, wo ich das nicht tun sollte. Mehr Mühe geben, will ich immer sagen, schreibe ich seit Klasse acht ins Notizbuch, nie gut genug, es ist ein Motto. Aber anders. Mehr Mühe geben, das heißt auch, mehr schlafen, um wacher zu sein.

29.4.

Während ich noch mit mir selbst diskutiere, ob ich schlafen gehen soll oder nicht, weil ich eben vier Stunden für eine Hausaufgabe gebraucht habe, zu lang, weil müde, vertrödelt, das neue Album von Caroline Shaw zu laut neben mir, während ich überlege, ob ich meine andere Hausaufgabe für morgen gleich mache oder nach einer großen Portion Nudeln in Salbeibutter, letztere frisch eingefroren, während ich überlege, was ich den Kindern morgen früh für den zweiten Teil der Kitafotografirerei anziehen soll, ich bringe sie in die Kita und muss topfrüh wach sein, ich könnte wach bleiben und das nicht verpassen, während ich also all das vor mich lege, fallen mir die Augen zu. Lege ich den Kopf mit den Augen voran auf den Schreibtisch. Es ist halb drei und ich weiß nicht, ob ich mich mit Gewalt wachhalten kann oder doch zu kurz schlafen will, mit dem Risiko auf Stress und hastige Entscheidungen, aber es bleibt wahr: ich bin nicht gewalttätig genug, ich bin ein weicher Blob, der nachgiebig in alle Lücken schwappt. Also schlafen und also warum hab ich das nicht vorher und also ein Klingeln im linken Ohr es singt mich in  die Stille.

28.4.

In der zweiten Uni-Woche schon konkreter nachdenken über Forschungsprojekte, es ist funky. Ich überfliege Sekundärliteratur, oszilliere zwischen der Angst, dass mein Thema schon zu auserforscht ist, ich nur Wissensstände nacherzählen kann, und der Aufregung, wie viel ich mit dem Material machen könnte, dagegen argumentieren, Beweise sammeln, Quellenverweise abklappern. Lege ich mich in die Lektüre wie in weiche Schaumstoffbausteine, kein Bällebad, oder umarme ich sie wie einen Strohballen, ganz fest drücken, gegen die Brust? Auch wenn es piekst: Hauptsache Körperkontakt.

27.4.

Mit trockenem Rachen nicht nach Wasser suchen, sondern nach Bitterino, irgendwas mit Twist, das nicht zu süß sprudelt, ohne Koffein, weil es nach Mitternacht ist. Mein Kompromiss löscht keinen Durst, eine Dose Whiskeycola aus dem Gemüsefach, ich weiß erst nach diesem Text, was sie kann oder nicht.

Uni geht gut, so far, ich mache meine Hausaufgaben, ich gebe mir Mühe, das ist eine schwierige Übung in sich selbst. Weil es ein Skill ist, etwas schlampig abzugeben, wo es nur darauf ankommt etwas abgegeben zu haben. Wo ein Satz reicht, im Beispielsatz des Dozenten sogar ein Schreibfehler, und ich lese viele Male meine Absätze Korrektur, denen nicht wenig zum Essay fehlt. Das Gute daran, Sachen sehr gut machen zu wollen, ist, dass sie selten nicht gut werden. Das Schlechte daran ist, dass sie oft nichts werden, weil ich sie nur gut abgeben will. Die Angst davor, Fehler zu machen und dann muss ich mich schämen. Aber kein Mut ohne Angst. Und so melde ich mich in jedem Seminar, sage nicht alles so, wie ich es gerne gehört hätte, aber bin da. Eine Übung.

Und dann, anders: Feuerwehrbezogene Festivitäten besuchen, halb verkleidet mit Hellblauhemd, mit Wappenpullover. Die Uniformjacke lasse ich zu Hause, nicht, dass jemand in einer Notsituation auf mich hereinfällt. Die vielen schönen Autos, die schönsten in leuchtoranger Magirus-magic und der disconnect: Ich bin hier nur zu Besuch. Ich kann an nichts anknüpfen als an eine ausgelaufene Erinnerung. Auf dem Heimweg denken, was wäre, wenn Andrea nicht tot wäre, wie wäre es für sie mit ihr hier. So viele Feuerwehrfrauen, Jugendfeuerwehrmädchen. Wie ich absichtlicher von ihr lernen könnte, ein Erbe zu erhalten, mir best practises abschauen, zu dem, was sie mir als Kind nicht aufzwang, weil es ihr Hobby war und nicht meines, und dann, im Bauch ein Stolpern. Denn wenn ich daran denke, was wäre, wenn sie da wäre, muss ich daran denken, dass sie das nicht ist, dass sie nicht mehr wiederkommt, aus dem Stolpern ein Aufdiefresselegen, das möchte ich nicht, die Überraschung, dass ich das noch nicht glaube, der Schmerz, schnell weiter. Keine Übung.

26.4.

Die Kinder schlafen, ich setze mich hin, mit Ipad und Notizbuch, und lese Texte für Unihausaufgaben. Nicht am letztmöglichen Tag, sogar einen Tag davor. Die Aufgabe: Fragen zu den Texten formulieren. Die Aufgabe, as in aufgeben: meine Augen tränen, so müde sind sie. Ich bin nicht abgelenkt, habe um 20 Uhr sogar noch einen Kaffee gekippt, lese die Texte, ohne nebenbei aufs Handy zu gucken, ich will das, aber die Wahrheit ist, ich kann gar nicht so gucken, meine Augen fallen zu, kleben zusammen, es brennt. Ich klemme sie hoch, aber das ist so schwer wie zu verstehen, was mit dem Gamma im Studiendesign gemeint ist. Sachverhalte verrstehen, während sie verschwimmen. Dann Fragen finden, die der Text Absätze später selbst beantwortet. Neue Fragen suchen. Einen Weg raus suchen, wie: ich mach das morgen fertig. Wirklich. Und mich jetzt fertig fürs Bett.

25.4.

Temperaturen navigieren. Die warmen Tage, warmen Nächte, ich fange mir einen Zug am offenen Schreibtischfenster. Dachkammer, ich drehe die Heizung runter, es flüstert in meinen Nacken, nicht so warm wie gedacht..

Erkältungen navigieren. Erst sitzt eine in den Nasennebenhöhlen, drückt Richtung Zähne, ich nehme eine Kopfschmerztablette, um schlafen zu können. Nehme eine zum Frühstück, um in die Uni zu gehen. Trage mich danach mit Gliederschmerzen danach. Prophylaktisches Fiebersenken, mehr oder weniger.

Jetzt sitzt eine in meinem Hals, ich stolpere innen über meinen Adamsapfel. Dachkammerfenster geschlossen, vorsorglich, hat nicht geholfen. Nächstes mal mit Strickjacke zum T-Shirt. Die Heizung wieder raufdrehen. Temperaturen navigieren.

24.4.

meditation on how to slip away –

Grundschulklassenzimmer. Ich entdecke mich dabei, wie ich taggeträumt habe. Weiß noch, wo ich saß, die Seite am großen Fenster, und ich frage mich, ob ich das reproduzieren kann, ob ich absichtlich noch mal wegdriften kann, und ich übe, im Unterricht. So konzentriert darauf, loszulassen, mich nicht mehr zu konzentrieren. Die Bilder hinter meiner inneren Ablenkung. Es gelingt mir wieder und wieder.

Universitätszusammenhänge, ich bin in ein Gremium gewählt, eine Runde so klein wie kaum zwei Hände voll. Irgendwann entdecke ich, dass niemand weiß, wer ich bin und ich gehe nicht mehr hin. Eine Übung: sehen, wann auffällt, dass ich fehle. Irgendwann fällt auf, dass jemand fehlt, die Mails bekomme ich noch, aber niemand merkt, dass ich es bin. Es ist egal. Mir, den anderen. Es passiert nichts, wenn man einfach verschwindet. Es gelingt mir wieder und wieder.

(This is learned behaviour.)

 

23.4.

Ich bin nicht gut darin, Kontakt zu halten. Abseits von der Dynamik, dass Leute, die passiv aggressiv „meld dich doch mal!“ sagen, sich in der Regel selbst nicht melden, aber via Erwartungshaltung vor der erneuten Kontaktaufnahme die dazugehörige Arbeitsteilung festlegen (Variante 1: „Du meldest dich ja nie!“ Variante 2: „Ach, meldest du dich auch mal?“), auch abseits von diesem Spiel bin ich nicht gut darin, mich zu melden.

Wenn ich da bin, bin ich da, offen, nah, mit Leichtigkeit in other people’s service, aber ich biete das nicht aktiv an, will mich nicht aufdrängen. Aufraffen, ein Kraftakt. Wieviele Menschen ich so mag, ohne, dass wir uns sprechen. Aber auch: wie gut die Beziehung zu meinen Kindern, meinem Partner ist, nur weil wir zusammen wohnen, ich nicht mühsam Kontakt herstellen muss, sondern sie jeden Tag sehe. (Wie es wäre, andere Menschen täglich nah zu sehen?)

Und dass das einmal anders sein wird. Wie ich an idealisierten Vorstellungen hänge, dass Eltern und Kinder nicht getrennt werden dürfen. Wie es, auch bei körperlicher Gewalt, ein Albtraum für mich gewesen wäre, von meinen Eltern getrennt zu werden, aber dann wohnt man irgendwann nicht mehr zusammen und die Zeit und die Distanz erledigen von selbst, was man vielleicht nicht wollte. How we slip away from each other.

 

22.4.

“Often nothing tangible remains of a woman’s day.” schreibt Virginia Woolf in Women and Fiction und ich denke haha, you got me.

Carearbeit, Lohnarbeit, keine Gartenarbeit, aber in einem Garten gesessen und gestrickt, mundane as fuck und abends ein bisschen Unitexte gelesen (ohai Virginia), Pläne gemalt und Schreibtisch aufgeräumt (ohai, room of one‘s own). Aber dann war rumsitzen und stricken tatsächlich das aufregendste, was ich heute erlebt habe. Weil ich darüber mit mir argumentieren musste. Sechs Erwachsene, und drei Liegestühle. Sechs Erwachsene, nur ein Stuhl ist frei. Zwei Erwachsene, die noch nicht sitzen, und eine davon bin ich, während der andere in der Gartenhütte noch Kaffee aufsetzt. Ich setze mich auf den Liegestuhl, Strickzeug in der Hand, der andere Erwachsene kommt, hat keinen Platz. Er lag vorher auf (m)einem Liegestuhl. Bekommt jetzt nach unausgesprochener Irritation hastig einen Stuhl gebracht von einer der anderen Erwachsenen. Er säße gerne im Schatten, aber da ist kein Platz mehr. Ich liege im Schatten. Und frage mich: sollte ich aufstehen? Sollt ich ihm Platz machen? Setze ich mich dann auf den Boden, weil ich mich erst recht nicht in die Sonne setzen will? Niemand sagt sowas zu mir, aber es ist ein Vibe, den ich mitbekomme, ich habe eine Ordnung durcheinander geworfen. Ein unangenehmes Gefühl, das ich übe auszuhalten. Denke: ich darf auch auf einem Liegestuhl sitzen. Ich darf mir Platz nehmen, darf platz nehmen. Normalerweise sitze ich hier nicht auf Liegestühlen und schon gar nicht schlafe ich darauf, was anderen regelmäßig gelingt. Stattdessen immer mit einem halben Ohr bei den Kindern, auch wenn meine Agenda in diesem Garten noninterventionistisch ist. Im Wochenbett mit faltigem Baby konnte ich mir Liegeplätze im Schatten herausnehmen, als wäre nichts. Aber was war das heute? Ich besetze den Platz nur so lange, bis das große Kind Rollschuh fahren möchte und Hilfe erbittet. Danach schiebt sich die Ordnung wieder zurecht, ich liege nicht mehr auf einem der Liegestühle, selbst wenn sie leer sind – es hat sich einfach so ergeben.