ongoing

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Den vom Schlaf verkaterten Körper in ein Neujahrsbad tunken. Ins Badewasser pupsen, mit den Füßen den Heißwasserregler hochschieben. Die Wärme kriecht von den Zehen zu den Oberschenkeln wie eine langsam zu mir gezogene Decke, eine, die ein bisschen zu lang auf der Heizung lag. Lang nicht mehr gemacht, das. Ein Ergebnis von Absprachen, vor allem mit mir selbst. Wenn ich was will, für mich, muss ich insistieren, damit es gelingt. Ich will hier heute alleine rumliegen. Ich kündige es mehrmals mit einem Megaphon an, damit ich mir selbst glaube. Passend zu Vorsätzen und tralala lese ich das Habits-Buch von Gretchen Rubin. Ich bin Obliger und das ist knifflig, wenn man was will in der Welt. Zum Beispiel gezielt nass rumliegen und tippen.

Der erste Streit im neuen Jahr darüber, wer seinen Namen zuerst in den Familienkalender eintragen darf. Ich hab mit meinem Namen angefangen, und das war nicht recht. Jetzt Gemurmel von Groß und klein in der Küche. „Das wird Mama aber freuen.“ „Es muss erst über Nacht in der Kühlschrank.“ „Och schade.“

Das große Kind kommt ins Badezimmer, will den Kopf meines Pfefferkuchenmensches abbeißen, wackelt auf dem Beckenrand rum:

„Für wen schreibst du denn?“

„Für mich!“

„Hä, das geht aber nicht.“

„Doch, doch: du malst was für dich, ich schreib was für mich.“

„Das geht aber schwer.“

Ja.

Gestern Nacht oder heute früh um 4 Uhr (wach dank Cola, Apfelsekt, Fieberbaby) habe ich gelernt, Eu sunt o femeie zu sagen und bărbat, fată, băiat und femeie auseianderzuhalten. Der Sprachkurs beginnt mit Lektionen in dualem Geschlecht. Tu eşti un copil flüstere ich neben mich ins Bett, zum einen und zum anderen. Dieser Plan beginnt soweit ganz gut.

Andere Vorsatzversuche, mir fast peinlich, ich hab es nicht mit Lautsprecher in die Wohnung geworfen, nur neulich mal privat umständlich angedeutet: 30 Tage Yoga with Adriene. Ich sags mal an für Accountability. Der erste Tag noch mit dem Versprechen, sich nicht bewegen zu müssen, nur mit Video, jetzt gleich in der lauwarmen Wanne. Das passt zum Tag. Lieber den wirklichen Beginn des neuen Jahres auf morgen schieben. Wenn ich wieder gewaschene Haare habe, wenn die Kindertagesstätte wieder öffnet, wenn noch mehr Kalender in meinen Briefkasten geschoben werden. Today is for recovery. Der einzige Wind die Bläschen im Badewasser.

off we go

AC4E6BCF-FC1F-47E2-A5E0-EB36F41CCFB9Der letzte Tag von 2019 funkt vor Glück. Nothing in particular, ein Kind schmiert sich ein Toastbrot selbst, wir essen Obstsalat von gestern aus einer Plastikdose, ich habe Ahornsirup gegen die Säure reingemischt. Dann versuchen wir, ein Klümpchen Wolle mit der Hand zu spinnen; das Kind hält ein Ende zwischen den Fingern, ich drehe von der anderen Seite.

Ich bin glücklich, und es liegt nicht wirklich an einem Kind oder dem anderen. Das andere, das ich oft unterschätze, weil es mit seiner Frisur noch immer aussieht wie ein Baby, so sprechen auch andere es an, und es spricht selbst auch noch nicht, das andere stellt sich schlafend im Spiel und lacht.

Ich bin glücklich, aus mir heraus, heute, ein Zufall. Meine Brust summt, so sehr.

Die Aussicht auf ein neues Jahr, clean slate, einige gute Vorsätze, realistisch und schön. Mehr teilen (Geld, Text, Umarmung, Meinung). Mehr schreiben, mehr veröffentlichen (konkreter im Kalender fixieren). Der Versuch, jeden Tag abends hier was Kleines zu bloggen (wir werden sehen, wie weit ich komme). Rumänisch lernen mit Duolingo und Gebärdensprache mit einem Kurs in der Stadt. Kochpläne, Gartenpläne, Lesepläne. Lass mich Karten malen fürs ganze Jahr, Topographie überm Esstisch weit ausbgebreitet, Falten platt gedrückt.

Für eine Bilanz gab es dieses Jahr zu wenig messbaren Content. Weich wünschte ich mir das alte Jahr, weich habe ich es bekommen. Fürs neue wünsch ich mir mehr ich in der Welt. Und Wind, nicht nur nach innen.

zweitausendachtsehn

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Vom Bett aus ins neue Jahr. Mit linker Hand geschrieben, ein schlafendes Bündel zieht mein Kreuz ins gedachte Kissen. Vom Esstisch aus schreiben, Blick aufs Nachtfenster, kalter Tee zur Linken. Mit Gewichten auf den Armen tippen. Mus werden.

Ich mag den Klang der neuen Zahl. Was noch –

Weich wünsche ich mir das neue Jahr. Nicht weich as in bequem, das klingt zu sehr nach Sitzkissen im Status Quo. Weich wünsche ich mir das Jahr wie handwarme Knete, daraus Kram formen. Weich wünsche ich mir das Jahr wie Neugeborenenwangen, auch wenn das kitschig klingt. Heißt doch bloß: Weich wie durchschimmernd, weich nicht ohne Arbeit, nicht ohne weinen. Weich wie tender, meinetwegen auch im Dampflokomotivensinn.

Es darf weitergehen, und mehr werden. Nicht nur warten, auch ein bisschen was dafür machen. Das ist der Plan. (Schon wieder.)
God fortsättning, I guess.

 

 

 

zweitausendsiebgehn

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Es rumpelt um das Jahr herum. Böller und Bauchweh, aber beides nicht von Bestand. Vom Versuch, einen generischen Jahresverabschiedungstext zu schreiben, melancholisch, gutmütig, mit müde winkender Hand, aber das Jahr passt nicht zwischen die Finger. Der Angelpunkt die US-Wahl Ende letzten Jahres, ein Grausen weit ins neue Jahr hinein. Mit einer Erkältung von mehr als zwei Monaten das zweite Trimester verschwenden. Und dann zur Jahresmitte eine Geburt, ein Baby, beides perfekt, und ich so überrascht, wie weich und zart das alles. Produktiv wollte ich sein, und habe alle Energie in die Produktion eines kleinen Menschen gegeben. Zweite Jahreshälfte politisch nicht minder arg als alles davor, aber mit Baby an der Brust immer dieser Gedanke: Gut sein zu Kindern, sie mit Liebe vollknallen, dass es ihnen an nichts fehlt, dass sie nur Gutes haben, das sie austeilen können. Die Welt verbessern, one human at a time. Das wäre schön. Das wünsch ich mir auch für das Jahr ab morgen.

Für die Silvesternacht habe ich, anders als für Heiligabend, kein Protokoll. Keine Party, keine Pläne. Ein Kind, das von abends bis nachts Mittagsschlaf gemacht hat und sich nicht mehr fürchtet. Älter werden und sich nicht mehr fürchten, Jahr für Jahr, Mittagsschläfe nicht vergessen. Mehr Stühle als an einen Tisch passen. (Lieber auf dem Sofa sitzen.) Wunderkerze, Partyhut. Mehr Mut.

See you on the other slide.

8. + 9.12.

An einem Tag, an dem man keine Zeit hat, die eigenen Adventskalendertürchen oder Paketchen zu öffnen, kann man man keinen Adventskalender schreiben.

So nachträglich: ich habe das unmögliche geschafft und an einem Tag drei sich überschneidende Termine unterbebracht. Allein die Vorstellung davon kam mir vor wie Fiktion. Uni, Gericht, Lohnarbeit. Von pünktlich morgens bis nach dem Sandmännchen. Ins Gericht, einen Tag vor dem Gerichtstermin eine weitere Ladung für eine frühere Uhrzeit erhalten, und als ich da bin, für eine nachfolgende Verhandlung länger bleiben dürfen. Abstecher zum Partner auf die Lohnarbeit, um dort zu stillen. Zu meiner eigenen Lohnarbeit. Zur Uni.

Letzteres eine Bangepartie, mit Partyhütchen. Wie ich nicht in das Seminar kam, erst schrieb, dass ich voll gerne will, dann schrieb, dass ich voll kluk sei, dann bitte-bitte, weil ich mit Baby die Uni SO vermisse. Als ich da war, hat allein die Vorbesprechung so große Freude gemacht, ich hätte Konfetti werfen können. Ich habe einen Platz bekommen und ich werde ihn benutzen.

Am Abend Nachhausekommen dann wie ein Marathonzieleinlauf, dei dem ich mir als einzige selbst zujuble.

7.12.

Kindergartenweihnachtsfeier. Das Kind macht mit einem Percussionsinstrument Musik bei einem Theaterstück und wir warten auf den Einlass wie bei einem Boybandkonzert. Alle Handys gezückt, Feuerzeuge braucht es nicht mal mehr für Kerzen. Das Schönste ist, wie, als alle schauspielenden Kinder sich zum Applaus hinstellen, unser Kind als einziges musikmachendes Kind aufsteht, sich mit Schwung verbeugt und wieder hinsetzt. Ich mache Fotos mit der Spiegelreflexkamera und habe keine Speicherkarte drin.

Vor einem Jahr war das Kind eine Schneeflocke, die zusammen mit anderen Schneeflockenkindern zum Gesang von „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ tanzen sollte. Es blieb als einziges Kind sitzen, traute sich nicht, und ich dachte mit von Liebe schwerem Herzen: „MEIN Kind!“ Mein großes, mutiges, leichtes Kind. Was ein Jahr macht.

Andere Kinder beim Spielen beobachten. Kinder beim Streiten beobachten. Wie sie Argumente austauschen, während sie sich an der Wand reiben, während sie gleichzeitig am Daumen lutschen. An irgendetwas muss man sich ja festhalten.

Es ist in Ordnung nicht mehr drei vier fünf sechs zu sein. Niemand bestimmt mehr in meinem Beisein, ob ich mitspielen darf oder nicht. Es ist okay, irgendwann selbst nicht mehr mitspielen zu wollen, Spielstopp, und am Rand eine Pause zu machen. Zu wissen, was man mag und braucht, es super duper legitim finden.

Eine Pause brauche ich nach der Feier, viele große Menschen in kleinen Räumen, auf kleinen Stühlen, ich möchte lieber ein kleiner Mensch alleine in einem großen Raum sein und bekomme das geschenkt, als wir wieder zuhause sind. Kopf ins Kissen, Schlafzimmer nur für mich.

Da denke ich an gegen einen Kummer. Mache mir Sorgen um ein Uni-Seminar, an dem ich gerne teilnehmen würde. Es kommt alles dazwischen und ich habe noch nicht mal einen Platz sicher. Niemand bestimmt mehr in meinem Beisein, ob ich mitspielen darf? It‘s some subtle shit. Ich möchte gerne mitmachen, aber ich weiß nicht nur nicht, ob ich darf, oder was ich tun muss, um zu dürfen, sondern auch nicht, ob ich es schaffe. Oder mit Aufwand schaffen will.

Morgen wird also anstrengend mit Lohnarbeit, Gerichtstermin und Uni (read as: Platz im Blockseminar erbetteln), wird anstrengend mit Handpumpe statt Baby von 9 bis 19 Uhr. So viele Sachen auf einmal, sie auszuführen kommt mir vor wie Fiktion. Und dann flattert abends eine Ladung vom Gericht rein, weil spontan ein Termin vor den Termin gelegt wurde. Scherzkekse.

Ich liege zum Schlafen im Bett, mir klebt Schokolade im Auschnitt. Ich liege zum Schlafen im Bett und werde es wegen allem jetzt wirklich tun. Schlafen.