Zwei Kinder. Eins davon könnte zwei sein. Wäre eins davon schon zwei, ich weiß nicht, ob das Zweite dabei wäre.
Zwei Jahre seit. Kein Kind, das schreit. Kein Kind, dem man Nein sagen muss. Ein Keimling.
Mein kleiner Keimling.
Noch eine Woche, bis das Kind in die Krippe eingelernt wird. Alle Deadlines beigesetzt, das Kind und ich, wir leben in den Tag und ich komme nachts mal dazu, Sachen für mich zu machen. Die Sachen, die ich für mich mache, die haben damit zu tun, länger auf Bildschirme zu gucken, beide Hände gleichzeitig zu bewegen, alle Ohren nach innen zu haben. Oder stattdessen auf- und wieder einräumen. Sisyphos musste in einem Kindergarten Bücher zurück ins Regal stellen, alphabetisch geordnet. Mal hab ich mit wachem Kind die Küche gewischt, das gab vuxenpoäng. Der Rest ist unspektakulär. Ich höre Podcasts und tanze dem Kind zur Intromusik was vor. (Die Musikauswahl von Chewing The Fat <3) Wir hören zusammen ausgeleierte Märchenliederkassetten, beim superdüsteren Lied von der Unke leiert die Kassette so sehr, dass ich mich grusele. Manchmal mache ich mit Mittagsschlaf. Es rollt Wüstengras an diesen müden Herbsttagen vorbei und ich koche Suppe. Mehr nicht. Mehr eigentlich nicht.
Ich weiß nicht, was ein Jahr ist. Ist es lang oder kurz? Tag reiht sich an Tag, das ist alles. Ein Tag vor einem Jahr.
Aufwachen mit Wehen, die fein sind und verschwinden, sobald ich wach und aus dem Bett bin. Mein Abiturzeugnis aus der Schule holen, ich habe es verloren und die Sekretärin muss die Noten handschriftlich eintragen. Pralinen dabei, Dankeschön. Mit dem Auto in die Innenstadt, wofür, ich weiß es nicht, es ist Sommer und ein Fahrradfahrer fährt am Schauspielhaus gegen einen Bauzaun aus Holz. Notfall. Erstversorgung, Angela Merkel wirbt in der Stadt um Stimmen. Bei Anbruch der Dunkelheit sagen die Wehen wieder hallo, ich will nicht in die Wanne, um nicht enttäuscht zu sein, falls sie sich auflösen. Ich will nicht ins Krankenhaus und warte und atme. Sitze am Desktop-PC, lese. Ein bisschen mitdenken an Sätzen für diese Rede, sich auch mal Tisch festhalten müssen und singen statt atmen. Lalala für jeden Schmerz, je tiefer, desto au. Als ich mich davor fürchte, beim kurzen Weg durchs Treppenhaus laut zu trällern, ist es Zeit. Im Autoradio Wouldn’t It Be Good von Nik Kershaw, wir überfahren eine rote Ampel und ich merke es nicht mal. Dann wartet man, wird verstöpselt, wartet und soll sich nicht bewegen, für den Wehenschreiber, wartet und soll sich nicht bewegen beim Ultraschall. Wehen, unnötige Fummelei, 7 cm. Glück mit der Hebamme, die Ball und Hocker und dings holt, ohne dass ich fragen muss, ich wär nicht von selbst draufgekommen. Glück mit der Hebamme, die Schmerzmittel gibt ohne Diskussion. Nicht ausrutschen in der geplatzen Blase, so wenig Körperkontakt mit dem Boden wie möglich, durch jeden Berührungspunkt schießen Schmerzblitze. Im Prinzip gebäre ich auf einem Knie. Dann kommt der Kopf, die Wehe geht, wir hängen fest. Ich bitte um Tee, die Hebamme lacht, staunt, ’natürlich‘, ich greife nach der Tasse. Sie dreht sich zur Ärztin, sagt, dass sie das noch nie erlebt habe. Ich bin cool, nippe am Tee. Ich bin cool, presse das Baby raus und als es unter mir liegt, die Augen auf, es guckt und bewegt sich, sage ich als erstes: „es lebt!“ Dann wird es draußen hell und mir kalt, Wild im Scheinwerferlicht mit Blitzeis. Klitoriss und viel mimimi um Näherei. Ein Babystart wie mit Rollschuhen auf Bananenschalen ausgerutscht. Eine Geschichte im Dunkeln mit Taschenlampe unterm Kinn zu erzählen.
Fast forward >> Vorzeigestandardbaby, das mit einem Jahr läuft, das seit hundert Jahren durchschläft, das seinen Brei isst und den Eltern die Pantoffeln an den Sessel bringt. Keine Vorzeigestandardmama, aber wir üben Asymptote und nähern uns an. An Lucas Geburtsminute schlief dieses Kind und ich zwang mich aus dem Bett in die Uni. Dieses Jahr, der erste Geburtstag dieses Babys und alle liegen im Bett und alle dürfen da bleiben und schlafen. Stelle mir vor, wie ich jetzt NICHT wegfahren, NICHT an etwas oder jemanden geklammert Wehen veratmen, NICHT an einer Geburt arbeiten muss. Ich hab frei und kann ausschlafen und mich unter die Decke kuscheln. Ich will das genießen, perfektes großes Baby neben mir – the Job is done. Und dann kann ich nicht einschlafen, weil meine Füße so weh tun (schöne Schuhe ohne Einlagen) und es fühlt sich an, wie vor einem Jahr, als ich mein zweites Knie kurz überm Boden hielt. Nicht mit den Füßen an die Decke kommen. Über kurz oder lang von einem Tag auf ein Jahr kommen und wieder zurück. Herzlichen Glückwunsch zum 1. Geburtstag, schönes Kind.
Zwischen den großen ersten Schritten eines kleinen Menschen die vielen kleinen Versuche großer Menschen, Arbeit zu schaffen. Mit Händen, die eigentlich die Pflicht an Tastaturen zieht, Geleit beim Balancieren geben oder das schwere Babypaket packen und von der Schallplattennadel wegtragen. Drei Deadlines, die in einem ersten Geburtstag münden, keine Zeit allein. Conflict of interests.
Mehr machen, mit den Händen, und mehr davon zeigen. Mehr verschenken.
Als Kind konnte ich nicht verstehen, wie indifferent Erwachsene mit ihren Geburtstagen umgingen. Jetzt weiß ich wie das geht und würde lieber nicht. Alt sein, wenn man mit der Jahreszahl der Geburt rechnen muss, um sich mit dem eigenen Alter nicht zu verzählen. Ich will mir selbst mehr Spaß machen. Meine schönste Bluse aus dem Schrank ziehen und allen Leuten sagen: „Weißt du wa-haas? Heut‘ ist mein Geburtstag!“ Die Kopfhörer aus dem Ohr ziehen und mich überraschen lassen. Die Kopfhörer wieder reinstecken und in warmer Nacht durch die Stadt tanzen, mal mit der Hand im Haar, mal in Balance auf einer Mauer. Gute Geburtstage lassen sich nicht planen, Glücklichsein geht nicht nach Stundenplan. Aber ich will versuchen, den Tag zu tragen wie ein Stück brillantgeschliffenes Glas an einem Ring.
Oh dear.
Lese im Zusammenhang mit diesem Artikel das erste Mal vom Hashtag #selbstgeboren. Ein Artikel, der mich traf, weil ich die beschriebenen Gefühle zum Kind teil(t)e, auch ohne Kaiserschnitt. Ich sehe in meiner Timeline Kritik am Hashtag, muss aber ein bisschen suchen, bis ich verstehe, an wen sich die Kritik richtet. Allein der Begriff macht Stirnrunzeln. Wer soll denn gebären außer die schwangere Person selbst? Ist ja nicht so, als könne man, wenn man übers erste Trimenon hinaus schwanger ist, die Geburt outsourcen.
Wenn heute auf der Seite selbstgeboren.de Geburtsberichte von Frauen gesucht werden, die eine “kraftvolle und selbstbestimmte Geburt erlebt haben” und “aus eigener Kraft” ein Kind geboren haben, während im nächsten Satz alle Mütter ausgeschlossen werden deren Geburtserlebnisse nicht ”frei von Manipulation oder Eingriffen von Außen. (D.h: Ohne künstlich eingeleitete Wehen, PDA, Kristellern, Dammschnitt, Saugglocke oder Kaiserschnitt.)” sind, dann passiert genau das […]: Geburt wird bewertet und klassifiziert in “richtig” und “falsch”, in “natürlich” und “künstlich”, in “kraftvoll” und “manipuliert”. […] Was sind denn die Mütter und ihre Geburtserlebnisse, deren Geburtsberichte hier ausdrücklich NICHT gesucht werden nach der Definition der Autorin? Kraftlos, schwach, manipuliert, falsch, künstlich. Dabei werden die Kraftanstrengungen dieser Mütter, die Schmerzen, die Ängste und die Entscheidungen in ihrer Verantwortung als Mutter ihrer Kinder komplett negiert.
Ich bin voll Team Selbstbestimmung, aber ich wünsche mir (besonders von einer Hebamme), dass die Komplexität von Selbstbestimmung verstanden wird. Und Respekt vor Geburtssituationen, deren Bedingungen Schwangere sich nicht selbst aussuchen können. Ich will, dass sie mitgedacht werden.
Selbstbestimmt ist nicht gleichbedeutend oder deckungsgleich mit „ein physiologischer Geburtsverlauf, frei von Manipulation oder Eingriffen von Außen. (D.h: Ohne künstlich eingeleitete Wehen, PDA, Kristellern, Dammschnitt, Saugglocke oder Kaiserschnitt“, wie die Autorin in ihrem Aufruf nach Geburtsgeschichten schreibt.
Denke ich an meine Geburten, sind es nicht per se medizinische Interventionen, die mir das Gefühl erschwert haben könnten, selbstbestimmt zu gebären. Die Wahl, PDA und andere Schmerzmittel in Anspruch zu nehmen, war immer selbstbestimmt, und ich bin dankbar, dass niemand, weder Ärzt_innen noch Hebammen, mir vermittelt hätten, dass eine Geburt halt kein Besuch im Vergnügungspark sei, ich mich nicht so anstellen solle, sondern dass ich in der Angelegenheit sofort ernstgenommen wurde. Was meine Selbstbestimmung bei der ersten Geburt eingeschränkt hat, war ständig am Wehenschreiber zu hängen oder nervig-schmerzhaftes Muttermundtasten.
Die erste Geburt wurde eingeleitet. Da war ich zwei Wochen über dem errechneten Termin. Was sich damit erklären lässt, dass mein Fötus keine Signale sendete, reif zu sein, Signale dass die Geburt losgehen könne, weil das Gehirn, mit dem diese Signale gesendet würden, fehlte. Anenzephalie, in case you’re wondering. Der Zeitpunkt war nicht selbstbestimmt, aber wie selbstbestimmt kann er bei spontan einsetzenden Wehen sein? Und macht das denn weiteren Geburtsverlauf oder das gesamte Geburtserlebnis zwingend nicht selbstbestimmt? Die Frage nach Selbstbestimmung ist keine Frage von entweder-oder, sie bewegt sich in einem Spektrum.
Die zweite Geburt verlief ohne Manipulationen oder Eingriffe von außen, ohne Schichtwchsel, usw. Trotzdem habe ich sie im Nachhinein als weniger selbstbestimmt in Erinnerung, ist sie ein Schlüssel dazu, warum es zwischen mir und dem Baby nicht sofort funkte.
Denn: Die Frage nach Selbstbestimmung endet nicht, wenn Baby und Plazenta draußen sind. Die schlimmsten (und noch immer schlimmwirkenden Erfahrungen) habe ich nach der Geburt gemacht, als es darum ging, genäht zu werden. Nicht nach einem Dammschnitt sondern simplen Scheidenrissen. Situationen, in denen mir keine Zeit gegeben wurde, nicht respektiert wurde, als ich „Nein“ schrie, ich stattdessen vermittelt bekam, ich würde mit meinem Versuch, in einer wunden Situation über mich selbst zu verfügen, nerven und den Betrieb aufhalten.
Hebammen sind arschwichtig. Zu wichtig, als dass Geburtserfahrungen gegeneinander ausgespielt werden sollten, um den Berufsstand zu retten. Hebammen sind nicht nur für interventionslose Geburtshaus- oder Hausgeburten wichtig. Hebammen betreuen Kaiserschnitte. Hebammen betreuen Fehl- und Totgeburten, betreuen Abtreibungen. Und mir ist jeder selbstgewählte und selbstbestimmte Kaiserschnitt lieber, als spontane Geburten, die mit Ohnmachtserfahrungen verknüpft sind.
Die Kraft, die eine Geburt erfordert, ist nicht zwingend die Kraft, die es braucht, um ein Baby durch den Geburtskanal zu pressen. Da ist die Kraft, die Schwangerschaft zu tragen, die Kraft gegebenenfalls Diagnosen auszuhalten, die Kraft Entscheidungen für sich zu treffen, die Kraft, sich selbst in und durch die Zeit danach zu tragen. Ich kann das Anliegen des Buches erkennen, mit positiven Geschichten Mut machen zu wollen. Aber Titel und Aufruf sind so unfassbar unreflektiert, ignorant und respektlos. Und damit auch unprofessionell. Statt Mut zu machen, stößt das Framing vor den Kopf und verletzt.
Ich wünsche mir stattdessen ein Buch, mit dem kein Gegensatz zwischen assistierten und selbstbestimmten Geburten konstruiert wird, sondern das mit vielfältigen Geschichten der Realität von Geburten gerecht wird, das zeigt, wie Selbstbestimmung unter unterschiedlichen Voraussetzungen und Geburtssituationen möglich wird, und darin nicht beschränkt auf sogenannte „natürliche“/“normale“ Geburten. Ich wünsche mir, dass die Bedürfnisse von Schwangeren ernstgenommen werden, statt Druck zu machen, wie Geburt „richtig“ gehe. Und ich wünsche mir, dass die Kritik verstanden wird. So gut das gemeint sein mag: intent isn’t magic.
In ihrem Artikel zum 1. Jahrestag von #aufschrei schreibt Hannah Beitzer „Was genau der Auslöser für die Twitterkampagne #Aufschrei war, in der zahlreiche Frauen Sexismus und sexuelle Belästigung öffentlich machten, lässt sich im Nachhinein nicht mehr so leicht sagen“. Ich denke: Leicht vielleicht nicht, aber doch genauer. You could have just asked me.
Ich stelle Schaufeln bereit und grabe voran. Eine Aufmerksamkeit für Alltagssexismus, für sexuelle Belästigung, für Victim Blaming und Derailing ist bei mir schon länger vorhanden. Ich lese vor diesem Januar 2013 regelmäßig auf everydayssexism und hollaback, sammle, seit ich in meinem Schuljahr in Schweden 2006 mein offizielles Feminist Awakening hatte, feministische Blogs in meinem Feedreader und verbringe 2011 und 2012 hauptächlich mit Bloglektüre, weniger mit Schreiben. Ein Interesse an Texten zu Sexismus, das vor allem so funktioniert: Lesen, zur Kenntnis nehmen/anerkennen, Tab offen lassen zur Referenz, bis ich aus Versehen alle Tabs schließe und den Verlust beklage.
Enter Laura Himmelreich. Die Ausgabe des Sterns, in dem ihr Portrait zu Brüderle gedruckt ist, kommt am 24. Januar raus. Das e-Magazine ist schon einen Tag früher zu lesen. Himmelreichs Portrait wird zusammengefasst zur Nachricht gemacht und kommentiert. (Zu lesen ist das Portrait ab dem 1. Februar 2013 hier.)
Am 23. Januar um 16.46 schreibt Antje Schrupp auf Facebook: „
Am 24. Januar veröffentlicht Maike auf kleinerdrei den Text Normal ist das nicht. Sie erzählt von eigenen Erfahrungen mit Street Harrasment und der Normalisierung von übergriffigen Situationen. Maike bezieht sich auch auf everydaysexism.com und andere Aktionen, die sich (hauptsächlich) mit Street Harrassment auseinandergesetzt haben, die es als Alltag, aber nicht als normal verhandelten. Von Brüderle spricht sie nicht. Aber davon, dass sie sich einen deutschen Hashtag wie #ShoutingBack (iniitiert von Laura Bates) wünscht.
An diesen Text erinnere ich mich besonders deutlich. Ich lese ihn mehrmals. Und beteilige mich in der Kommentardiskussion, weil auch hier abwehrende Kommentare am Start sind. Aber anders als bei Brüderle geht es nicht um die Kritik an einem vermeintlichen Versuch, einen Spitzenpolitiker zu Fall zu bringen. Was passiert, ist, dass jemand Maikes Erfahrungen abspricht, behauptet, so, wie sie das geschrieben habe, könne es nicht stattgefunden haben, und überhaupt, er wolle Zahlen sehen, könne nicht glauben, dass es sich bei ihren Schilderungen um Alltag handele. Bin mit einem Gefühl von „I’ll prove you wrong“ in der Sache (klassischer Fall davon :D), sein Infragestellen von Erfahrungen, die Erwartungshaltung und dann Ignoranz von Quellen macht, dass ich die Faust gen Himmel schüttele.
Am 24. Januar veröffentlicht auch Mina einen Text über den Alltag von Sexismus und Grenzüberschreitungen anhand von Brüderle und dem was Annett Meiritz mit der Piartenpartei erlebte, sie verortet es in Machtstrukturen. Sie schreibt, dass wir eine Debatte über Sexismus brauchen. Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich diesen Text am 24. Januar gelesen habe oder ein paar Tage später. Unabhängig davon ist der Text ein Zeichen dafür, was am 24. Januar in der Luft liegt.
Auch Sarah hat das gleiche Gespür, will eigentlich etwas dazu schreiben.
Und jetzt ich: Es ist der späte Abend des 24. Januars. Ich sitze schluffig mit Netbook am Esstisch, mein Freund ist schon schlafen gegangen. Eigentlich will ich was zu der ganzen Sache bloggen, zu Victim Blaming, zu Glaubwürdigkeit und Vertrauen, zu Derailing und was hier kaputt ist. Ich will schreiben, welche übergriffigen Erfahrungen ich gemacht habe; Erfahrungen, die von außen nicht so eindeutig zu lesen sind, Erfahrungen, die unangenehm waren, die ich selbst in der Situation nicht ernst genommen habe, weil ich dachte, das gehört so, die trotzdem nicht weniger sexistisch oder belästigend waren. Ich will Erfahrungen ausführen, die ich noch nie erzählt habe, weil ich sie für eine Lappalie hielt oder annahm, man würde mir die Verantwortung dafür geben. Ich will meine eigenen Erfahrungen selbst nicht mehr infrage stellen.
Ich blogge sehr langsam und lasse es dann meist. (Auch diesen Text will ich eigentlich seit etwa einem Jahr schreiben.) Ich bin an diesem Abend zu faul den Aufwand auf mich zu nehmen, das zu verbloggen, also fange ich an, Erfahrung für Erfahrung zu vertwittern. Einige einzeln, andere, kompliziertere Fälle, über mehrere Tweets hinweg. Die Form ist angelehnt an das Wehrli-Zitat, ein Notatverfahren, das Peter K. Wehrli geprägt hat. Andere erkennen, dass da ein Muster in meinen Tweets ist, etwas, das über meine eigenen Erfahrungen hinaus geht. Jasna fragt, ob ich gerade ein Meme erfinde, ich bin etwas abgelenkt von meinen Erinnerungen, sage, ich wisse es nicht und dass vielleicht ein Hashtag fehle. Anne schlägt #aufschrei vor.
That’s basically it. Ich kann genau sagen, wann ich warum wie damit angefangen habe, die Dinge zu twittern, aus denen #aufschrei wurde. Das allein erklärt nicht, warum ein Hashtag, der um ein Uhr nachts gestartet wurde, so durch die Decke ging. Es lag was in der Luft. Etwas, für das ich Netzfeminismus in seinen vielen einzelnen Sensibilisierungspunkten, wie zum Beispiel Comics, Artikel, Vernetzungsseiten, dem Infragestellen von sexistischen Geschäftspraxen unter vielemvielemvielem mehr, die Creds zuspreche. Online-Feminismus, der sich in Offline-Aktionen wie Slutwalks wiederfand, der Verbindungen zwischen feministisch-denkenden Menschen herstellt, der die Grundlage für etwas so Dichtes geschaffen hat, das Altmedien nicht ignorieren konnten, aus dem die Debatte wurde, die Mina forderte. Wie die Altmedien damit gearbeitet haben, ist allerdings eine Geschichte für ein anderes Lagerfeuer. Heute Nacht wärme ich mich an der Erinnerung von der Nacht vor genau einem Jahr und daran, dass wir nicht alleine sind, sondern verbunden.
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Dieser Artikel von Margarete Stokowski bringt alles mit einem Knall auf den Punkt. <3
Das, was ich in meinem Text Sensibilisierungspunkte nannte, nämlich (überwiegend deutschsprachige) Netzfeminismusgeschichte führt Helga auf ihrem Blog mit vielen Links aus.
Team Neuanfänge. Ich klopfe den Staub von meinem Fuchs-Onesie, ich wische den Tisch in meinem Schreibzimmer, kühle meine Wangen mit dem Handrücken. Wenn ich mir selbst Versprechen gebe, ist am End‘ niemand enttäuscht. Mina macht es vor und es wird schön.
Mein linker, linker Platz ist frei, ich wünsch, dass dies Jahr hiermit gefüllt sei:
2014 wird singen.
Nachtrag:
Nachtragnachtrag:
Der Morgen des 25. Januar. Dokumentieren, in welchem Widerspruch äußeres Erscheinungsbild und die Wirkung meiner Worte stehen.
Sonntag, 27. Januar. Mit einem Flugzeug und Chauffeur in ein Mehralsdrei-Sterne-Hotel gebracht werden.
Der Abend dazu. Verkabelt im Publikum sitzen. Erst fürchten, von Jauch befragt zu werden, dann mit Mittelfinger im Herzen darauf hoffen.
Der Morgen danach. Schlimmster Kater des Jahres, ohne einen Schluck Alkohol.

Eine Rede bei One Billion Rising gehalten, ein Bewerbungsgespräch geführt, Fieber bekommen.

Einen Brief an den Bundespräsidenten mitgeschrieben und unterzeichnet. Ostereier gestrickt und Vögeln Körner in den Schnee gestreut.
Einen Autorinnenvertrag unterzeichnet, ein Essay geschrieben. Auf der Piratinnenkon eine Keynote gehalten.
Urlaub in Südschweden gemacht, das Meer von allen drei Seiten begutachtet.
Foto: Grimme-Institut/Jens Becker
Stellvertretend für alle, „die sich konstruktiv an #aufschrei beteiligten“, einen Grimme Online Award entgegengennommen. In Markus Kavkas Mikrofon „Krass“ gesagt, mit Jan Hofer geplaudert.
Jan Hofer so: Und, wann ist es denn so weit?
Ich so: Ende August etwa.
Jan Hofer so: Jungfrau also?
Ich so: Ja, ich glaube schon.
Jan Hofer so: Schrecklich!
Ich so: ?
Jan Hofer so: Ich weiß das, meine Frau und meine Tochter sind auch Jungfrau. (lacht)
Ich so: ???
An der Tour de Fleece teilgenommen. 1293m gesponnen. Vorm Fernseher Fasern verzwirnt.
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Das erste Yarncamp besucht. Stillen gelernt.
Ein Studium neuaufgenommen. Auf dem BarcampFrauen eine Session gehalten und ein Gedicht vorgetragen. Den ersten Geburtstag des ersten Kindes nicht vergessen.
Stillen verlernt, Kiefer verkrampft.

Die Kleinerdrei-Crew in Berlin getroffen, Karaoke gerappt und gesungen, Margaret Cho aus der dritten Reihe gesehen. Neu angefangen, Stillen zu lernen. Kein Abschluss, kein Abrunden, weiter, gleich weiter. Dieses Jahr, ey. Dieses Jahr.
Es ist 23.15 Uhr. Einen Taschenrechner zur Hand genommen im Zubehörfeld geöffnet. Mal ausgerechnet. Etwa 214 Seiten will ich heute Nacht lesen. Für zwei Seminare und eine Vorlesung. Für eine schriftliche Hausaufgabe bis Donnerstagnachmittag und mündlich mitarbeiten können. Nicht überfliegen, sondern mit Marker in der Hand lesen, über das Gelesene verfügen können, etwas daraus schreiben müssen, nach wissenschaftlichen Standards. I’m stuck. I’m lost.
(Wenn das Sinn ergibt – feststecken im Verlorensein?)