
uncool und cool

Ich bin etwas früh und schüchtern und ohne eine zum Händchenhalten da, ich setz mich auf eine Steinstufe und notiere mich zur Ruhe. Einige stehen schon auf dem Platz, so in losen Grüppchen, es geht gleich los und ich bin noch allein. Spricht mich einer an:
„Hier sind alle pervers in Frankfurt.“
„Wer ist pervers?“
„Na, die Leute hier.“
„Du findest das pervers?“
„Ja, oder nicht?“
„Wenn du das pervers findest, finde ich dich pervers.“
„Alle pervers in Frankfurt. Ich komm nicht aus Frankfurt.“
Später, zu anderen:
„Die sind alle ein bisschen anders in Frankfurt. In Mainz ist das nicht so.“
Stell mich lieber ohne Händchenhaltepartnerin zwischen die Gruppe, treffe eine Schulfreundin, die mich hochwirbelt, darf aber nicht ihre Hand halten, weil ihre Freundin ein Problem damit hat. (Ich wunder mich schon arg lang über das Monopol, das Partner*innen auf freundschaftliche Zärtlichkeiten haben. Wie doof, dass das ein vermintes Feld ist, und nicht leicht und offen und teilbar. Ich bin Gefahr wie ein Modelleisenbahngeländegestrüpp.)
Wir malen Kreideherzen, stellen uns dahinein, ich bekomme einen lieben Jungen vermittelt, wir zwei halten unsere Hände am Allerlängsten von allen in die Höhe. Danach gibt’s Buttons, Brause und wir bemalen den Platz mit klugen Kreidesprüchen. Mein Liebling geht so: I’m an equal opportunity lover, I like the boys, the girls, the others. Die Touristen, die mir zugucken und das fotografieren, lächeln, als ich fertig bin.
Auf dem Heimweg erst einer, der im Vorbeigehen versucht mich anzusprechen, so ein beliebiges Flüstern, ich denke „tsss“. Eine Straße weiter überhole ich drei coole Mädchen. Ich glaub, die baggern mich an. Erst so: „Woa-woa-woa, gewagt!“ (Gummistiefel, Blumenrock, Bench-Jacke des Bruders), dann ruft die Coolste der drei: „Ey pretty girl, SWAAAG!“
Ach hach.
Packliste

Wäre Herbst, gäbe es gute Gelegenheit, den rippengestrickten Regenbogenschal zu tragen. Ich muss dringend Wäsche waschen, seit letztem Spätsommer steht der Sack mit den bunten Sachen. Resterampe Kleiderschrank. Morgenheut gehe ich auf Abenteuerreise, ich gehöre praktisch ausgestattet. Schlafsäckenächte ahead. Ich gehöre ins Bett. Ich habe noch nicht gepackt. Ich hab fast noch nie nicht in der Nacht davor gepackt. Ich muss das jetzt mal machen.
DIN A(pfel)6 Notizbuch, das schwere Notizbuch, Bleistift, Gelstift, Glitzerstift
Netbook mit Mew-Glitzersticker, darauf einen grünen Ordner, dadrin pdfs
Hose, Pulli, Hemd, Unterwäsche, Rock, Strumpfhose, Schal, Schlafhemd
Zahnbürste, Zahnpasta, Waschzeug, Gesichtanmaldinge
Schlafsack, Kissen ohne Kaffeeflecken, Plüschpuffin?
Brille, Medikamente, Papiertaschentücher
Mitnehmtelefon, Kopfhörer, Kabel
Portemonnaie avec argent
perlige Geschenkchen
Hunger und Mut
Zugmusik
Es fehlen Süßigkeiten, es fehlt vielleicht Alkohol. Taschen im Kleid und darin Schokolade. Das gehört so. Trefft mich und ich geb euch was ab. Setzt mir eine Raupe auf die Braue und ich frag nach eurer Liebingsfarbe. Das probiern, unter anderem. Herzkaries.
dead may dance

Es wären theologische Überlegungen, bestimmt, könnte ich Bibelstellen rausfischen. Ich finde in den elterlichen Schränken keine Bibel, nur ein Büchlein, in das die eine Großmutter mit Kuli ihren Namen geschrieben hat. Es sind „Kleinode göttlicher Verheißungen“. Das ist interessant, aber es hilft nicht. Zitate, die nicht immer schön ausgelegt sind. („In Gottes Haushalt herrscht Zucht.“) Ein gutes Blätterbuch wäre nett, aber dieser Haushalt ist konfessionslos, hier liegen andere Sachen rum. Die Erfahrungen aus allen Religionsunterrichten sind vages Nachschlagewerk.
Also WWJD in naiv: Na, wenn die Oberschlauen gesagt haben, am Wochenende darfst du nicht arbeiten (= Menschen helfen) und nicht viel gehen und überhaupt, dann hat Jesus sich nicht daran gehalten, sondern gezeigt, dass gute Taten größer sind als Gesetzgehorsam. Dass diese Gesetze nicht gottgemacht sind. So ungefähr.
Hier dann dieses alte Gesetz, dieses theoretische Gesetz, dass man nicht tanzen dürfe. Menschen, die sagen, wenn Tanzveranstaltungen stattfinden, werde ihr Glauben nicht respektiert.
Vierstelligviele unterschiedliche Menschen treffen sich am Brunnen, ich kenne keinen von ihnen. Glockenschlag, Kopfhörer im Ohr, go! Alle tanzen! Viele, die würden sonst nicht miteinander rumhängen. Wackelarme, alle lächeln sich an, feiern ihre Moves. Die Freude, dass jeder Mensch zu der Musik abgeht, die man selbst im Ohr hat. Es ist wirklich schön. Nach einer Viertelstunde schwitzen wir, Rotglühgesichter, Sonnenbrandtag, die beste Musik der Welt. Und eigentlich still, weil alle nur die eigene im Ohr haben.
Kann Tanzen verletzen? Wenn jemand trauert, diesen Tag nutzt, um an den Tod zu denken und darin nicht gestört sein will? Das Schlimme an der Kreuzgeschichte ist vielleicht nicht, dass Jesus sich hingab für Sünden, das war ja geplant, sondern, dass Menschen auf seinem Weg so gemein zu ihm waren, dass das bestimmt sehr wehtat vor dem Sterben und diesem Auferstehungsmoment. Vielleicht ist Karfreitag nur das Aufseufzen vor einer größten Freude. Das heute war kein Seufzen, es war ein Juchzen.
Ich weiß von Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben zu sterben, dass sie wollten, dass man feiere, ausgelassen sei. Kann man nicht richtig, man ist ja traurig, die Gestorbenen können nicht mittanzen. Bei Jesus geht allein der Kalender davon aus, dass er zurückkomme. Zwei Tage später schon. Oder: Der ist nie richtig weg für die, die glauben. Es ist vielleicht ein Phantomtrauern. Ein Reenactment. Vor dem Rathaus eine Prozession mit großem Holzkreuz, einer trug es auf der Schulter, an den Tanzenden vorbei. Kein Gegeneinander, eine Parallelität.
Kann Tanzen Hohn sein? Nicht gegen Religiöse, sondern gegen ein Gesetz, dass auch Nichtreligiöse zur Einhaltung von Religionsregeln zwingt. Ich bin keine Cubbesucherin, hab nix davon, wenn die auf sind. Aber ich wünsche mir, dass alle, die wollen, dürfen. Sowie keiner muss.
Und weitergedacht: Ich könnte mir keinen schöneren Gottesdienst ausdenken, als einer mit lauter zugewandten und in sich gekehrten Menschen, die vertrauen, die miteinander frei sind, die tanzen, die dabei lieben. Es war zu schön. </Kitschende>
(Und dann ist da noch die Sarrazin-Sache. So’n Sack. So’n Kack. Der Tag war doch so froh.)
abcde[F]g[HI]jklmnopqrstuvwxyz
[k]ein weiter wWeg. 1 verklären, im anderen die Brille wiederfinden. Pupsi, wo man ist, es geht weiter & es geht[,]nicht[,] sich selbst aus dem Weg zu gehen. Kacki, was man macht, man hat sich immer in der Tasche. Als Ausschnitt möglicherweise. [(G)]eschenkt. Das liegt zwischen Frankfurt und Hildesheim. Nicht an. Wenn wir wach sind, wird. Wenn wir. D[. a]An mir liegt es. (Ich liege.) Noch nicht Kleid und Schokolade rausgelegt für den nächsten Tag. Interim und Intercity. Noch nicht sortiert. Fuß und Bus. Noch und nöcher. [Dus.] Schlafsandkrümel zählen und essen. Knirscht – nicht.
„Wie’s läuft“
Früh am Ausschlafmorgen, die Abenteuerfreundin klingelt pünktlich. Es geht in den (fernen) Osten der Stadt und weiter. Alles zu Fuß. An den Straßen stehen Männer, die aussehen, als warten sie auf Arbeitsbeginn, einige pfeifen. Zugbegleiter, der aus dem Führerwagen hüpft, am Gleis vorangeht, die Straße freihält (also Zuglotse), wieder an Bord springt; keine beschrankten Bahnübergänge im Industriegebiet. Aber Würstchenstände, Lastwagen (Lastwagenfahrer pfeifen auch, oder machen eine Geschenkgeste, wenn man die Straße überquert), schaufelnde Bagger in Schutt, eine Intzestraße beim FKK-Beach (Hihihi). Autobahnbrücke mit Mofa auf Fußgängerweg, dann offiziell Offenbach und das Spiel eingebildete Großstädterin beginnt. Ich hätte es mir nicht so lustig vorgestellt. Das graue Rathaus also. Dahinter die erste Spielplatzerprobung, Schaukelente, leider langweilig. Ich kann alle Himmelsrichtungen. Anderes Industriegebiet, dann einmal nach links und Land! Schrebergartenträume, Erntedankplanungen, Frauenbuchideen. Felder und (Lach-)Wiese und Sträucher, in denen mein Poncho hängen bleibt. Bienenbaumidylle. Feuerkäfer paaren sich, Schmetterlinge haben mutmaßlich Gruselgesichter und wir erreichen Vororte. Der Schaukasten der Freiwilligen Feuerwehr wirbt für goldene 80er mit DJ-Uwe im Pferdestall, daneben steht ein weißes Schloss. Da wohnen Menschen drin. Kinder mit Spielzeuglastern und bunten Fahrrädern. Wir sitzen auf Stufen und pusten die Füße und huch, ist mein Apfel feucht, aber das ist Regen. Ein bisschen. Die erste Fähre, daneben Weiden und Bänke und Strandsand, wir überqueren noch nicht. Lieber über Stock und Stein und Wurzelweg und übers Feld ans Gatter, da sind zwei Pferde. Pferde! Die werden größer, je näher man kommt. Kann man sich ans Geländer lehnen und ihnen beim Kauen zuhören, die kauen laut. Knrrrp, knrrrp, das klingt tatsächlich lecker. Dem einen die Hand an die Nüstern halten, so weich! Dem anderen den Hals streicheln, so warm! Ich bin verliebt, aber ich verliebe mich leicht. Ehe wir Pferde-stehlen-Witze machen können, kommen die Besitzer, holen die Pferde und gehen mit ihnen Gassi. Verrückte Tiere; sie spielen Basketball und halten Teekränzchen. Die Freundin macht Zigaretten-, ich mache Kekspausen, dann erreichen wir Mühlheim und lernen, wem nach wem nach wem nach dings die Mühle mal gehörte. Mediterrane Gaststätten, unsere ist ein Herzort für alte Herrschaften. Neuverliebt in eine ganz kleine, ganz weißhaarige, ganzganz alte Frau. Es steht ein Spielzeugsofa auf dem Tisch, man kann aus einer Kiste fürn Euro Comics kaufen (ein Fieselschweifheft!) und eine alte Frau einer Tischgesellschaft zuppelt dem eben aufgestandenen Mann der Tischgesellschaft am Hemd rum. Wir nehmen einen dicken Esoterikkatalog mit, so im Vorbeigehen, da kann man das Plüschtier „Energie-Delfin“ bestellen, das nach speziellen Verfahren mit guten Energien aufgeladen worden sei. Das ist so gemein. Wir überqueren den Fluss per Fähre, die schwimmt im Wasser (surprise!), die hängt mit Seilen an einer Seilbahn. Am Ufer Spielplatz nach Spielplatz und wir schaukeln. Wir schaukeln! Gruselt mit Schwung zurück und kribbelt bei Flug nach vorne, wir lachen, uns wird schlecht, es ist so schön. Später „besitzen“ wir ein Denkmal und haben uns dieses schlechte Wortspiel noch nicht mal selbst ausgedacht. Wir sind nach so sieben Stunden in Hanau angekommen, ein 25km Umweg. Leute haben schon alberne Kennzeichen (Hu-) und die Rotlichtgassen duften nach Essen. Die Kinder, die den Marktplatz bespielen, eines verliebenswerter als das andere. Winkt uns eine Emily zu. Ohrwurmt sich das 18-Uhr-Glockenspiel in unseren Kopf. Wir kehren ein. Doppelte Portionen für die ausgezehrten Pilgerinnen. Sie hat Blasen galore und ich Bauchschmerzen vom Lachen. Die S-Bahnfahrt nach Hause ist nicht der Rede wert. Wir legen die Füße hoch.
Neinigkeit
Versuchsanordnung:
Eine junge Frau verbringt einen Abend unter Kommunalpolitikern, deren Freunden, Pressevertretern, Servicekräften. Die meisten davon warten vor Bildschirmen auf zusammengezählte Ergebnisse, andere essen Würstchen, die junge Frau notiert und wartet und isst keine Würstchen. Später überträgt der auf ZDF geschaltete Monitor eine Soap, die interessanteren Ergebnisse kommen aber nicht vom Fernsehen. Sie ist nicht zuhause in dem Haus, wäre es zu gerne, und kommt, weil nur wenige von den vielen, die sie kennt, sie kennen, kaum ins Gespräch. Das macht nichts, es gibt viel zu sehen, Fotografen beim Fotografieren zu fotografieren, es ist später noch Zeit für mehr, für Handkäs vielleicht. Sie ist nervös und nimmt etwas dagegen, nervös zu sein. Sie schreibt. Sie bleibt nervös und wiederholt den Vorgang. Manchmal wechselt sie ein paar Worte mit den wenigen, die sie kennt, mal scherzkekst ein CDU-Abgeordneter mit ihr und anderen rum. Es wirkt, sie wird weicher im Kopf, es wird leichter. Gelegenheit zu stehen, da lernt sie einen Freund von Freunden kennen, handschütteln aber Namen vergessen, er holt ihr ein Glas Apfelwein. Sie ist leicht weich im Kopf und wird sich nicht erinnern, worüber geredet wurde. Er bringt ihr noch ein zweites Glas Apfelwein mit, fasst ihr an den Rücken. Er streichelt sie am Rücken, die Unterhaltung ist nett, er lacht sie an, sie trinkt ihren Wein, er geht ihr an den Po. Sie denkt höchstens hä. Das geht so weiter, die Unterhaltung geht weiter, das Lächeln geht weiter, die junge Frau staunt. Die junge Frau hält ihr Glas fest, fasst ihn nicht an, versteht nicht, wartet ab. Die Freunde verabschieden sich. Die junge Frau und der junge Mann stehen noch zusammen, mitten im Raum, zwischen Kommunalpolitikern, deren Freunden, Pressevertretern, Servicekräften. Er ist nett, sie ist nett wie sie nicht nicht nett ist. Sie ist nicht betrunken, er streichelt an ihr rum, es passt nicht zu ihren Gesprächsthemen, er geht ihr weiter an den Po, sie tut so als sei nichts, er sagt nichts dazu. Sie verabschiedet sich, vielleicht sogar mit einer Umarmung, bringt ihr Glas zurück, taumelt heim, wundert sich.
Folgen:
Der Sofadeckenmorgen hat Ekelähnliches parat, der Mittag führt das fort, der Tag teilt sich in viele Alleineabschnitte, darin Makelfragen, die eine-eine, ergänzt von einer zweiten oder dritten. Der Nachmittag ist abgelenkt und scheinheil, aber es geht nicht weg, es kommt mit dem Abend der Wunsch sich in die Erde zu bohren, liegen zu bleiben. Zwei- oder dreimal geweint, kindisch gezetert über anderes, müde.
Fragen:
Warum machen Menschen sowas mit anderen? Warum schämt man sich, obwohl man nicht „Aggressor“ war? Warum kein Nein?
Vermutung:
Da gibt es entweder schon ein gutes und vertrautes Verhältnis mit einem Menschen, um ihn auf Fehler hinzuweisen zu können, statt das Gemachte einfach hinzunehmen (wie z. B. wenn ein ganz neuer Mensch erzählt, er habe ein Känguruh erschlagen und das Kritischste, was man draufhat, ist, die Bedingungen zu erfragen – „Mit einer Eisenstange? Wirklich? Und dann gehäutet?“), oder es gibt kein Verhältnis. Jemand macht Bullshit im Vorbeigehen und man denkt und sagt „Sack!“. Das ist das Seltenste. Wer aufdringlich wird, macht das eher nicht ZACKBUMMPOW. Lächelt wahrscheinlich vorher, oder man hat ein Gespräch, es gibt eine Beziehung zwischen zwei Menschen und dann verwischt der eine eine Grenze und der andere weiß nicht wie und hä und was. Oder es sind Menschen in der Nähe, deren Meinung einem wichtig ist, oder man will einen Konflikt vermeiden, oder man denkt, es geht von selbst vorbei, oder. Die Killerfrage ist eine andere:
Warum hat er das gemacht? Wie kam er auf die Idee, sowas überhaupt zu tun? Was hat er sich davon versprochen? Was sollte das denn? Wo hat er die Erlaubnis her? Weil es kein Nein gab? fyi:
Kein Nein ist kein gottverdammtes Ja! Nichtstun ist nicht ja, Lächeln ist nicht ja, sowie nagutnaja oder dankefürdenApfelwein nicht Jas sind. Ja ist ja. Man kann ja mal fragen. Man kann den Blödsinn auch lassen. Bittedankegerngeschehen.
Equal Pay Day
Einen Hals haben, schlucken verlernen. An alle, die sich wundern. Kultur(politik- und vermittlungs)mutmaßungen: Frauenfeld, bei dem nur männliche Vertreter auf Podien sitzen. An alle, die an Zufällen zweifeln. Vorstandspostenquote my ass, versteckten Strukturmüll auszupointen ist viel kniffliger. Karriere ist nicht Allerleute Ziel. An alle, die keine Festanstellung haben. An alle, deren Löhne nicht vergleichbar sind, weil zu speziell und nicht festgelegt ist, was sie tun, an alle, die. Tage, an denen die Taschenfarbenwahl keine Kleiderfrage ist. An alle, die gesehen gehören, und ordentlich bezahlt. An alle, die sich mit zu wenig zufrieden geben, die mehr verdienen, die nicht genug verdienen. An alle. Einen Hals haben, kotzen können.
diary of daring deeds


Auf die Rolltreppe bin ich gehüpft, da dacht ich dran. Bin durch den Wagen gegangen, den Kontrolleuren in die Arme, hielt das Ticket in Plastik einem vor die Nase, zackweiter, um so nah wie möglich am richtigen Ausgang zu sein. Ich war in Eile und guter Dinge. Hüpfte ein paar Schritte zwischen den Leuten durch, Rolltreppen überall.
Da war die Idee, jeden Tag etwas Schönes zu machen. Selbstgestellt hätte ich es vergessen, und stellte ich mir nichts, könnte ich am Anfang eines Tages, vor dem Schlafengehen, immer sagen: ja, das und das war bestimmt schön, das war mein Schönes heute. Mandarinen auszupressen und den Saft zu trinken. Oder vom Bruder Mehlschwitze beigebracht zu bekommen. Oder eine Skizze zu Kommunalpolitik. Oder Straßenbahn fahren und in der Tasche gegenüber sitzt ein Mopsjunges.
Besser wäre das, jeden Tag: Ich will mutig sein. Ich will mich was trauen. Ich will Sachen machen, mit Menschen. Anders als Alltag nach Aschermittwoch, will ich die Tage füllen statt zu fasten. So Sachen zulassen, mich aufmachen. (Haha, aufmachen.) Ich will was zu erzählen haben und brauche Ideen. Eine Challenge. Angstsachen, die man sich trauen kann. Drop me a line, hier oder da. Und dann Abenteuer galore!
Abow! (Edition Flügelarme)
In meiner Straße geht es los, da steht ein Minilaster mit zwei Latzhosenmännern drin, Schnurrbart. „Guten Morgn! Warum bist du denn so frieh auf?“ Mit meinen weitausgebreiteten Armen: „Es ist ein wunderschöner Tag!“ (und im Kopf: ich bin doch noch gar nicht schlafen gewesen.) Sie rufen Gutes hinterher: „Ja, du bist auch scheen!“ Ich freue mich sehr.

Soll ein Sonnenaufgangsgang sein, aber ich seh soviel mehr. Spiele zwischen der einen meinen Brücke und der anderen mainen (haha) Brücke Himmel und Hölle, das steht da in Kreide, grüße einen weiteren Schnurrbartmann, er grüßt zurück (Yes!), singe auf der Brücke ein Flusslied, weil echt niemand zu sehen ist, singe es mit Augen zu. Es ist schon hell, ich wollte eigentlich sehen, wie die Sonne aufgeht, wähne mich zu spät, aber von wegen! Hinter der Zugbrücke, hinter einem Vorhang ein Schimmer von einem Ball. Von einer meiner Handspitzen zur anderen: So groß! So pink! So boah! Riesenschritte dem entgegen, über Gleiskies, so rasch als würd ich die Bahn verpassen. Ich will diesen Ball haben. Diesen Überpfirsich. Im unteren Rund verläuft Farbe. Das schaut so samtig aus. Ich will das haben!

Es ist wie mit dem Scheinriesen. Je näher ich komme (jetzt links das Großmarkthallenskelett, Kranparty, Erdberge) umso kleiner wird die Kugel. Zwischendrin muss ich Staunpausen machen, es ist ein Abenteuerweg. Es ist wie Winter, nur in leichtsinnig gekleidet. Es friert Kaninchenfell in weißen Büscheln vor sich hin. Es liegen Reifpapierknäuel rum. Baustellengebiet. Hafenanlagen. Es ist zu schön.

Am Rand gibt ein Rabe mit Onomatopoesie an (rrrab, rrrab, rrrab), fett fransige Pluderbrust. Geh auf Gleisen heim, in seinem Krrratakt. Schienenbeine, ich balanciere. Flügelarme. Ich fall nicht hin. Seiltanzen macht Muckis. Schokoladenfrühstück, ich komme.

