Der runde mechanische Wecker tippert vor sich hin, mindestens sieben kleine Klicks pro Sekunde, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich so schnell zuhören, so schnell mitzählen kann.

An den meisten Tagen sitze ich abends vor diesem Textfeld und muss mit dicken Backen pusten, um zu einem Thema zu kommen, aus den Fingern saugen, so kann man es auch sagen, mit dem Mund und dann dicke Backen und Luft raus, die spuckefeuchten Finger auf die digitale Tastatur. Heute sind mir ständig Themen zugeflogen. Wie aufgeklebte Vogelsilhuetten auf Fensterscheiben, damit kein echtes Birdie dagegenknallt. Wenngleich etwas zweidimensional. Aus diesem Mischmasch drei Dinge, für die ich dankbar bin.

Eins. Das Banalste, auch etwas Banane. Wie ich unter der Dusche stehe, nachdem ich Laufen war, im Zwiegespräch mit Zweifeln, und Hof halte mit meinem Körper. Ich erinnere mich, wie ich mit etwa elf, zwölf, dreizehn mitbekommen habe, wie Desiree Nick im Fernsehen etwas über die Aussagekraft dessen sagt, wie viele Bleistifte man sich ab einem gewissen Alter unter die Brust klemmen kann, ohne, dass sie runterfallen. Damals war ich nicht die Zielgruppe, für die das relatable&funny gewesen wäre. Ich hatte eine Brust, und keine Brüste. Heute, naja, ich habe es noch nicht ausprobiert, but I can relate. Eine Hängebrust ist eine Hängebrust ist eine Hängebrust. Ich habe auch kein Interesse daran etwas zu ändern. Worüber ich dankbar bin, ist ein random Detail meines Körpers, das ein wenig wertgeschätztes Privileg ist. Meine Beine sind so fein und hell behaart, es sieht so aus, als hätte ich überhaupt keine Beinhaare. Während ich das schreibe, merke ich, wie unangenehm es ist, das auszusprechen. Auch der Anspruch an mich selbst, sollte ich mich nicht Normen widersetzen wollen? Aber es ist auch so: ein Detail weniger Arbeit, ein Detail weniger Anlass öffentlich beschämt zu werden. Es gibt genügend andere sehr sichtbare Bereiche, in denen meine Beine nicht Schönheitsnormen entsprechen, aber dieses Ding, für das ich überhaupt nichts kann, über das ich im Alltag viel weniger nachdenke als zum Beispiel über white privilege, für dieses Ding bin ich dankbar, weil es eine Sorge weniger ist.

Zwei. Und dabei wollte ich eigentlich unkomplizierter schöne Momente schildern, in denen ich etwas gesehen habe. Also zurück zum Laufengehen. Jede Woche erhöht sich in dem Podcast, den ich dabei höre, die Zeit, in der gejoggt wird und die Zeit, die man mit Gehen verbringen soll, wird weniger. Ich war letzte Woche erstaunt, wie schwer es mir gefallen ist, drei Minuten am Stück zu laufen. Aber Stückchen für Stückchen wurde das leichter. Diese Woche ging es ein Level höher, und ich war erstaunt, wie leicht es mir gefallen ist, fünf Minuten am Stück zu laufen. Einfach so. Das Schönste, die Dankbarkeit für: wie nahe ich am Fluss wohne, wie ich einfach aus dem Haus gehen kann, fünf Minuten weit, und eine Strecke zur Hand habe, auf der ich sicher und leicht hin- und her komme. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Und oh, die Kulisse. Wenn sich im Vorabendgold die Skyline vor mir auffächert, der Sonnenuntergang sich erst in den Fassaden spiegelt, und dann, wenn ich die Brücke überquere, er mir den Nacken streichelt, zur richtigen Musik. Dann weiß ich nicht, womit ich das verdient habe.

Drei. Beide Kinder sind krank, das ist eher unpraktisch. Beide Erwachsenen sind heute zuhause, das ist für diesen Anlass sehr praktisch. Zum Beispiel, um gemeinsam in die kinderäztliche Praxis zu gehen. Allein, wie dankbar ich für die Ärztinnen und Ärzte dort bin, die so kinder- und elternfreundlich alles ernst nehmen, sich Zeit nehmen. Details, — wie der Arzt das kleine Kind von beiden Seiten abgehört hat, während es an mein meiner Brust hing, wie leicht und selbstverständlich das ging. (Einen Platz in der Praxis haben wir bekommen, weil der Kinderarzt sich damals bereit erklärt hat, beim ersten Kind den Tod festzustellen, so wir es denn lebend mit nach Hause genommen hätten.) Zuhause, später, eine gleißende Nachmittagsdankbarkeit. Wie, nach dem Mittagsschlaf des kleinen Kindes im Dunkeln, der Rollladen wieder oben ist und wir zusammen im Schlafzimmer liegen, unter der Decke. Das gerade wieder eingeschlafene Glühwürmchen in meinem Arm. Im Wohnzimmer, auf dem Sofa, das große Kind und der Vater der Kinder. Um uns herum eine leuchtende Fensterhelligkeit. Und die Dankbarkeit darüber, wie gut es ist, wenn man sich auch darin aufteilen kann, mit kranken Kindern einfach nur herumzuliegen.

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