…und ständig verzähl ich mich.
Eine Sache auf einmal machen. Es fällt mir so schwer. Mit Internet. How does that even work?
In unserer sprachpraktischen Übung sollten wir eine Biographie von uns als Leser_innen schreiben, wie für einen Klappentext. Ich lese nicht mehr. Was heißt: ich lese keine Bücher mehr. Ich lese Bücher bröckchenweise und habe mir das für meine Biographie so schöngeredet, das ich mir noch was übrig lassen will. Was stimmt. Wenn das Buch, an dem ich seit einem halben Jahr hänge, zu Ende ist, kann ich nicht hoffen, dass ein Blogartikel der Autorin erscheint. Wenn ich mehr von ihr oder wenn ich Bücher dieser Art lesen will, denn davon habe ich nicht viele (davon = englischsprachige feministische Sachbücher zu Reproduktion z.B.), muss ich das kaufen. Also lasse ich mir was von dem Buch übrig und lese zu dem Thema das Meiste im Internet. Dass ich keine Bücher mehr lese, heißt nicht, dass ich nicht lese. Ich lese ständig. Und überall. Lese Twitter und werde von da aus jeden Tag auf externe Texte gestoßen. Was mich schlauer macht und zwar anders als ich das bei einer Buchlektüre voraussehe. Was flirriger ist, und unorganisierter. Ich kann diese Texte in kein Regal stellen, kann nicht quantitativ darstellen, wieviel Stoff ich mir schon reingezogen hab. Ich kann nur wieder auf sie zurückgreifen, wenn ich sie irgendwie speichere oder die richtigen Suchbegriffe im Kopf habe, um sie irgendwann später wiederzufinden. Ich mag das und will hier keine kulturpessimistische Rede halten, in der es darum geht, wie the evil interwebz Lesegewohnheiten kaputt mache. It’s not worse. It’s different. (DINGDINGDING Plattitüde.)
Mein Umgang mit dem Internet hat auch Folgen für mein Schreiben. Die sind noch weniger neu. Für Texte brauche ich ja deshalb hundert Stunden, weil ich mal was nachgucken will und dann wegdrifte. Auch im Jahr 2000 werde ich nicht konzentriert am Stück geschrieben, sondern meine Zeit damit verbracht haben, auf Beepworld und Geocities rumzulesen und zu chatten. Was auch Schreiben ist. Mit gespeicherten Chatlogs zum wieder Nachlesen.
In dieser sprachpraktischen Übung schrieben wir die Zusammenfassung eines Artikel, in dem es um die negativen Folgen von dauerhafter Smartphonenutzung geht und wie sie eingedämmt werden können. Dass Arbeitgeber in der Verantwortung seien; von selbst würde sich niemand dran halten. (Jetzt will ich einen Text verlinken, der mit dem Thema zu tun hat und verliere mich schon wieder auf dem Weg. Facebookkommunikation, Twitter-DMs, eine Adresse auf ein Päckchen schreiben. Aber hier ist er. Die Folgen von ständiger Smartphonenutzung für Romane über diese Gegenwart. Gefunden bei Caro.) Das ist ein genehmes Schulthema, es geht bei uns zwar nicht inhaltlich darum, wir sollen Schreibpraktiken (oh, what a coincidence) lernen. Und passt trotzem. Wir stehen ja alle mit Smartphones rum, statt uns anzusprechen. Was okay ist. Ich werd von meinem Telefon nicht davon abgelenkt, was zu schaffen. Gut, ich lese kein Buch unterwegs. Mein fieses Problem findet zu Hause statt. I don’t geht anything done. Mein Sachen-auf-einmal-machen-wollen hat damit zu tun, Sachen geschafft kriegen zu wollen, die ich machen will. Da geht es um Selbstoptimierung und die ist ja mehr so Team Naja. Es geht aber auch um euch. Und euch mit mir und mich mit euch und uns miteinander. Äh. Weil ich durcheinander komme, wem ich schon auf was geantwortet habe. Weil ich nicht klarkriege, auf Kommentare zu reagieren. Weil ich mir Mühe mit meiner Kommunikation geben will und das vorraussetzt, dass ich mich konzentriert an eine Mail setze und das klappt nicht weil dings. Mails zu schreiben ist mittlerweile so hart geworden wie Briefe zu schreiben. Was keinen Sinn ergibt, weil Briefe schreiben in den gleichen Zusammenhängen noch härter geworden ist. Ich habe keine Lösung. (Doch, eine kleine. Wenn ihr wollt, dass ich sofort auf irgendwas zügig antworte, nervt mich via Twitter-Reply. Das funktioniert. Im Moment.)
Eine Sache auf einmal machen geht nicht auf. Weil es nicht nur um Internet plus Meatspaceaktivität geht, sondern auch innerhalb beider Bereiche um Ablenkungen. Für einen Text brauche ich Nebeninformationen, auf denen ich dann davon treibe. Nehme mir ab und zu vor, Sachen direkt zu machen. Aber das geht auch nicht, weil ALLESAUFEINMALHILFE gemacht werden muss, wenn man für eine Sache was nachguckt und sich beim Nachgucken was Neues auftut. Und jetzt schreibe ich einen Text, in dem es darum geht, wie man Aufgaben priorisiert, statt mich darauf einzulassen, wie man nur eine Sache auf einmal macht, ob und wie das für mich gehen kann. Okay.
Einderseits romantisiere ich das Einsaufeinmal als Lebensqualität. Andererseits stelle ich es mir langweilig vor. Essen und Lesen gehören zusammen, die sind so *fingerüberkreuz*. Das erste Mal als ich meine Omi gefragt habe, ob ich beim Vesper das Micky-Maus-Magazin lesen darf, war sie nicht begeistert, aber ich durfte und wollte nie wieder damit aufhören. Dazu kommt, dass es mir wie verschwendete Zeit vorkommt, nur eine Sache auf einmal zu machen. Dabei verliere ich soviel Zeit mit rumtrödeln und verlesen und nicht wissen, was von dem Zeug, das ich gleichzeitig mache, ich eigentlich tue. Was mich zu keinem abschließenden Punkt führt, sondern so nervös macht, dass ich ein ablenkendes Tab öffnen möchte, um mich mit was Aufgabenfernem zu entspannen. Tschüssi!
Text 1 angefangen. Als ich fuchtelnd zwischen Küche und Wohnzimmer hin- und her lief, wusste ich, was ich sagen will, hatte ich eine Idee, wie ich das sagen kann, ohne was kaputtzumachen. Dann klickte ich unkonzentriert zwischen Tabs hin- und her und das war das.
Text 2 angefangen. Für morgen, da fehlen noch Bilder bei Tageslicht, das wird schön, wenn alles gut geht.
Text 3 angefangen. Darin steht bis jetzt nur, dass ich zwei Texte anfing und nicht beendete.
Ein Monat. 9 Veranstaltungen, plus Tutorien. Acht Dozentinnen, fünf Dozenten. Vier Tage. 16 Stunden die Woche, manchmal 22 Stunden.
Einführung in die Frauen- und Geschlechterforschung, Einführung in amerikanische Geschichte und Gesellschaft, Klassikerinnen feministischer Theorie, Propädeutikum in der Soziologie, Migration/Transnationalität/Essen, Einführung in die amerikanische Literaturwissenschaft, Integrated Language Skills.
Das sei schon viel sagen sogar Menschen, die niemanden füttern und wickeln und liebhaben müssen. (Wenn in Geschlechterforschung Carework als „Liebe als Arbeit – Arbeit aus Liebe“ besprochen wird und der Vorschritt fehlt, dass man sich lieben können erst mal erarbeiten muss.) Ich habe das Gefühl, es reiche nicht aus, ich müsse alles ausschöpfen, ich sollte lieber früh viel machen, um später mehr Zeit zu haben & what about extra curricular activities? Dabei schaffe ich das noch nicht mal mit den Hausaufgaben, erledige sie in den Nächten vor der jeweiligen Veranstaltung. Die Wochenenden nur verschlafen können. Jede Woche ein Leseaufwand von ungefähr 150 Seiten. Ich muss nicht so viel auf einmal belegen, aber die Sachen, die ich nicht im ersten Semester machen muss, die mag ich zu gern, um sie jetzt wieder fallen zu lassen. Sitze in den Seminaren und denke „Na, das wär doch gelacht“, sitze um 2 Uhr früh vor dem Reader und singe „ichkanndasnichtichkanndasnichtichkanndasnicht“ vor mich hin und darauffolgend ins Kissen hinein.
Dann legt uns die Literaturwissenschaftsdozentin aufs Kreuz, verkauft uns ein Inhaltsverzeichnis von E. E. Cummings gesammelten Gedichten als unvollständiges Sonett, das sich nicht mal reimt, und ich klatsche vor Amüsemang. Zwischendurch andere Kleinigkeiten, die es leicht machen, und heiter.
Fürs Rumstehen vor den Veranstaltungen habe ich „mindless knitting“ in der Tasche, kann was mit den Händen machen, wenn mein Handyakku keine Lust mehr hat oder ich schüchtern bin. Und nächste Woche spielen wir Uni-Eingewöhnung mit Baby. \o/
(Wie viel, schwierig und schön es ist. Und ich muss jetzt noch was für morgen lesen. /o\)
This day is made of dust. Mein Mp3-Player shuffelt auf Harvest Moon von Runrig und ich habe Autofahrten im Kopf und den Geruch von Metallspähnen und Werkstattschweiß. Die Tote der beiden Mütter vermissen und wissen, wie nicht vermittelbar ist, wer sie war und was sie ausmachte. Eins der ersten Dinge, die ich dachte, nachdem sie starb: meine zukünftigen Kinder werden sie nicht als Großmutter haben, sie wird die nicht kennenlernen. What a fucking loss. Aber vielleicht chillen sie und das erste Kind miteinander rum. Whatever.
Das zweite Kind und ich verbringen einen halben Tag alleine miteinander, und das einzige, was ich in der Zeit geschafft hab, ist dieser lousy Blogtext, getippt mit einer Hand. Hausaufgaben? Mittag- oder Abendessen? Schlafen? Mal kacken gehen? LOLNOPE. Überfordert genug, dass ich nicht weiß, worüber ich als erstes weinen soll. Gut, dass ich wenigstens das ans Baby outsourcen kann.
Da steh ich vor dem Kleiderschrank und überlege, was ich anziehen soll. Es ist November, meistens ist es nass und kalt. Rolf Zukowski singt „Was zieh ich an, was zieh ich an, damit man mich besser sehen kann?“, aber ich will mich nur warm anziehen, nicht neonbunt. Was kann ich tun? Glühbirne über dem Kopf – die novemberkalte Hosenwelt betritt man am besten mit einer Hose!
Dann ziehe ich Hose nach Hose aus dem Schrank, sie liegen unten im Regal und ich greife nach Hosen, von denen ich vermute, dass sie passen: mir und zu der Strickjacke, die neben dem Bett auf dem Boden liegt. Hose eins – kann ich nicht zuknöpfen. Sie ging mal über die Hüfte und wurde am Bauchnabel zugeknöpft, jetzt kann ich sie grad bis zur Hüfte ziehen. Hose zwei: kommt kaum über die Oberschenkel. Lieblingshose aus der Herrenabteilung. Ich erinnere mich, wie die mir locker an den Hüften hing, als ich mir zu dick vorkam. Selbstwahrnehmung als Jugendliche: kaputt. So lässig sie sich mal an mir angefühlt hat, blinzle ich über den Gedanken, abzunehmen, damit das wieder gelingt, und ob ich mir mehr Mühe mit dem Stillen geben soll, um das hinzubekommen. NONONONONO! Meine Selbstwahrnehmung als Erwachsene: immer noch kein Happy Place, aber immerhin kommt schnell Widerspruch, dass ich lieber mehr Gewicht haben will, statt weniger zu werden in der Welt.
Meine bunten Lieblingshosen gleich zur Seite gelegt, die anzuprobieren wäre Slapstick. Zum Schluss doch noch eine Hose gefunden, schwarzer Cord, geht grad so zu. Schöne Hose. Über die mein Bauch so hängt, dass ich die Strickjacke auf dem Boden liegen lasse und lieber einen Pulli anziehe. Was nicht schlimm ist, mehr Gemütlichkeit mit Pulli. Was hmpff ist, weil ich mich an meinen neuen Körper noch nicht gewöhnt habe, neu mit ihm umgehen muss, nackt wie angezogen, oder mit mir, wie ich ihn sehe.
Wenn ich in den letzten Monaten mal eine Hose getragen habe, dann Schwangerschaftsjeans. Obviously. Als ich sie kaufte und das erste Mal hinein glitt, war das eine Offenbarung. Ich wollte allen Menschen predigen, dass sie unbedingt Umstandshosen tragen sollen. So unbegreiflich bequem, und den Stoffteil über den Bauch zu ziehen ist, wie sich mit der eigenen Hose schmusig zuzudecken. (Leute, echt jetzt: probiert Umstandshosen aus. So cozy!) Ansonsten Kleider. Immer Kleider. Ohne drüber nachzudenken Kleider.
Mit dem Versuch, das eigene Kind so geschlechtsoffen erziehen, wie das in einer binär sortierten Welt möglich ist, denke ich auch über mich selbst nach. Wenn das Kind größer wird und an seiner Umgebung Geschlecht lernt, was wird es sehen? Was sieht es jetzt? Dass die Mama lange Haare hat und der Papa einen Bart. Dass der Papa die Hausarbeit macht und die Mama Spinnen ins Freie trägt. Dass die Mama Kleider trägt und der Papa Hosen.
Mir fiel heute vor dem Schrank an meinen Hosen-Fails auf, dass ich tatsächlich jeden Tag Kleid trage. Kleider erleichtern morgens die Entscheidungsfindung; das einzige was dazu kombiniert werden muss, ist eine Strumpfhose. Es sei denn, dass es selbst für warme Strumpfhosen zu kalt ist oder nur die Strumpfhosen gewaschen im Schrank liegen, die ein großes Loch an den Zehen haben. Ich mag, wie meine Kleider aussehen. Meine Kleider sind gemütlich. Kleider kann ich im Internet bestellen und sie passen, ohne dass ich sie anprobieren muss. Kleider lasssen sich bei Symphysenschmerzen leichter anziehen als Hosen. (Was nicht das Problem löst, wie man in die Unterhose kommt, wenn man nicht mehr auf einem Bein stehen kann, but thank god, that’s over.) Die Kleider liegen im Schrank auf Brusthöhe, also Greifhöhe. Ich mache mir mein Kleidtragen leicht.
Gut behost auf dem Weg zur Uni überlegte ich weiter: Wie performe ich Feminität? Dass ich Kleider trage ist nicht nur an Geschmack, Sozialisation und Individuation geknüpft. Es hat hier auch mit meinem Körper zu tun. Die Kleider, die ich habe, passen sich meinem Körper besser an, als die Hosen, die ich habe. Bei Hosen bin ich krasser mit meinem Bauch konfrontiert und das ist nicht superangenehm, auch wenn es mir mittlerweile hundertviel egaler ist. Aber oh, irgendwie hat es gefehlt. Hände in die Hosentaschen stecken zu können. Mal wieder Socken tragen. Saum durch Laub zu schleifen. Hosen + Herbst = <3. Oder überhaupt: Kleidung + Herbst = <3
Was alles kein Plädoyer für oder gegen Hose oder Keid ist. Eher eine ausführliches Nachdenken über: Huch, ich trag ja nur Kleider. Warumndes? Ohai Körper. Lass ma mehr bequeme Hosen kaufen! /o/
Und statt bloß kurz zu droppen, was mir heute Mittag durch den Kopf ging, dreht sich der Kopf weiter herum. Kleider als Sammelbegriff, der auch Hosen einschließt. What About Teh Skirtz? Wie ich meiner immer-Hose-tragenden Omi in der Grundschule ein Bild malte, das sie im Rock zeigt, ich ihr sogar erklärte, dass ich sie mir im Rock wünschte, meinen Opa aber nicht. Und zuuufällig machte sich am gleichen Nachmittag auch Bäumchen zum Frausein, Feminität performen, Kleider tragen Gedanken. (Und will den November auch täglich bloggen. Highfive!)
(Und nach diesem novemberkalten Hosenweltregentag weiß ich wieder: an Hosen saugt sich Nässe besser das Bein hoch als an Kleidern. Na toll!)
Manchmal habe ich das Gefühl den Eindruck, dass ich jeden Text zu einem größeren Thema nur so strukturieren kann: „Als ich ein Kind war, war das soundso. Jetzt ist es ungefähr so.“ Dann lass ich es bleiben, so einen Text zu schreiben, weil mir das albern vorkommt. (Oder ersetze Gefühl mit Eindruck, weil Gefühle nicht seriös genug wirken.)
Egal: Als ich ein Kind war, stand ich total auf Aktivitäten und Repräsentationsdingsis, die mit Bildungsbürgertum verknüpft sind. Ich wollte Ballett tanzen, Pferde reiten, Geige spielen. In einem Altbau wohnen. Einen vollen Nachmittagsstundenplan haben und zum Wunderkind gepusht werden. Am Liebsten als Geigenwunderkind. Und auf dem Laminatboden rutschte ich zu klassischer Musik auf den Socken rum, wenn ich alleine zuhaus war und spielte, ich sei weltberühmte Eiskunstläuferin, sehr gebildet und eine Mentorin für Vivaldi, meine jüngere imaginäre Eiskunftlaufkollegin. Habe eine Geige aus Pappe gebastelt und hoffte in Richtung Grundschulklassenlehrerin, die selbst Geige spielte, dass sie mir die Tür dahin aufmachen oder meine Hand auf die Klinke legen könnte.
Mit der Klasse haben wir mal einen Ausflug zu einem Geigenbauer gemacht, ich hatte ihn mir vorher vorgestellt wie meinen Onkel Hugo, der Bauer ist; mit Latzhose, dreckigen Stiefeln und so einem Bauernhut aus Cord, in einem Zimmer voller Geigen. Dann brachte meine Lehrerin ihre Geige mit in die Schule. Wer wollte, durfte mal probieren. Ich war die erste und unfassbar aufgeregt. Wollte einen guten Eindruck machen, habe gefragt, wie man ein a spielt oder ein c, die Noten kannte ich vom Blockflötenunterricht, den sie gab. Hatte die Hoffnung, dass sie mir alles in den Pausen beibringen könne. (Wie ich auch eine Klassenkameradin, die Reitunterricht bekam, darum bat, mir ihr Wissen weiterzugeben, sie zeigte es mir auf Fahrrädern und Klettergerüsten.) Diese Geige in der Hand zu haben und zu halten und nicht richtig halten zu können, weil das echt schwierig ist und unbequem, wenn man das noch nicht kann, und den Bogen dazu, und streichen zu probieren und es kommt ein Ton raus, zu merken, wie weit das von professioneller schöner Bogenhaltung weg ist, und wie das kratzt, aber das so zu wollen und greifbar zu haben und – oh my fucking god, war das intense. Die Kinder nach mir waren mutiger, probierten einfach rum; ich erinnere mich vor allem an Osman, der sehr witzig fand wie er spielte und wir alle auch und ich war neidisch, weil er sicherer war, es bei ihm fast wie ein Lied klang, er mehr aus seiner Gelegenheit machte. Kurz darauf erklärte meine Lehrerin meinen Eltern, dass das mit dem Geigespielen für mich keine so gute Idee sei, ich hätte nicht das entsprechende Gehör. Was meiner Cis-Mutter recht war, sie wollte, dass ich spiele (also Spiele spiele), dass ich nicht so viel lernen muss, wollte mich Kind sein lassen und mich gerade nicht zu Leistung zwingen.
Im Nachhinein: Good parents! Ich wär eh zu faul gewesen, hätte mich wahrscheinlich gewehrt. Aber mein Begehren in Richtung Bildungsbürgertum hörte auch auf dem Gymnasium nicht auf; ich probierte aus, mich mit als schwierig deklarierten Büchern und dem Gebrauch von Fermdwörtern zu profilieren. (Wie stolz ich auf „dekontaminieren“ war, silly kiddo.) Ich bekam endlich Geigenuntericht (nach einem Abstecher über das Cello, weil das ja nicht so schlimm klinge), der sogar in einem Altbau stattfand. Im Schüler_innenvertretungsraum lag eine Umfrage des Spiegel rum, zum Einschicken, für wasauchimmer, da sollte man angeben, wieviele Bücher im Haushalt vorhanden seien. Zuhause zählte ich; das höchstmöglich ankreuzbare Feld zu erfüllen ging gut, ich zählte jedes lustige Taschenbuch und jedes Feuerwehrfachbuch meiner Trans-Mutter. Sammelte eigene Bücher und ordnete sie in so Kategorien wie Hardcover. Haha.
Spannend wurde es, als meine Schule aufgelöst wurde, es hieß, wir seien „Schüler aus bildungsfernen Schichten“. Dass diese Beschreibung einen rassistischen Hintergrund hatte, konnte ich damals nicht einordnen. Unter Freund_innen kokettierten wir mit diesem Label. Mein Wunsch, intellektuell rumzuhampeln hatte ab da auch irgendwas mit Rebellion zu tun, mit „nein, ich bin nicht so“, nicht mehr nur als personal quirk, aber das ist schwer zu greifen. In der Oberstufe gings dann aufs benachbarte humanistische Gymnasium. Was eine Riesengeschichte für sich ist. Jedenfalls: Dort lernte ich, wie sich Habitus anfühlt. Dass ich erst diesen Monat(!) gelernt habe, dass das einen Namen hat, hat auch damit zu tun. (Erst wollte ich statt „das“ „dieses Gehabe“ schreiben, aber dann dachte ich, das sei zu despektierlich und dann habe ich noch mal nachgeguckt, was Habitus heißt und tadaaa: Habitus kommt von gehaben.) Das Gefühl, in die Welt, in der man solche Begriffe benutzt, nicht reinzugehören.
Krasses Ding, wie ich mich abmühte, Anerkennung zu bekommen, mit Orchester, Debattiergruppe und Debattierwettbewerben, Schüler_innenvertretung, Fremdsprachenwettbewerb, Geschichtswettbewerb, selbstorganisierten Auslandspraktika, Organisation von karitativer Musik, Studienreise, aber dieses selbstverständliche Anerkennungsding, das Kinder von Eltern, die große Tiere oder in die Zukunft ihrer Kinder investiert waren, bekamen, das war nicht drin. Nicht so. Dann hab ich an einer Schreibschule studiert, wo das Verhältnis von intellektuell-elfenbeinig, distanziert-unstreberig und kreativ-verspielt eh speziell war. Was ich dahin mitnahm, womit ich daraus zurück kam: Intellectuality is lost on me. Ich gehör da nicht rein. Ich kann das nicht. Lieber was anderes machen.
Und jetzt das: ich sitze vor meinem Reader für die Einführung von Frauen- und Geschlechterforschung. Im zu lesenden Text zur doppelten Vergesellschaftung von Frauen wird aufgeführt, wie Weber, Simmel, Marx, Tönnies, Plessner, Adorno und Gildemeister mit dem Begriff gearbeitet haben. Ich stecke irgendwo zwischen OHMEINGOTTICHPEILENIX über JAKLAR!! zu LOLNOPEDASGEHTANDERS. Ich wundere mich über all die erfundenen Worte (Paziszenten! Homologie! Relationalitäten!), komme mir mal dumm vor und mal komisch schlau, weil ich einen Nebensatz finde, der so formuliert ist, wie ein Nebensatz in meinem Handarbeitstext für kleinerdrei, und da dachte ich, ich hätte ihn mir ausgedacht. Ich lese dem Baby aus dem Text vor, weil es getragen werden will, erkläre dem Baby, wie ich was verstanden habe, und fühle mich so gut dabei. Wie früher. Ein kleines Gefühl von so-möchte-ich-gerne-sein. Mein Wunschselbstbild mit 15: 25 Jahre alte Studentin mit Brille und Pferdeschwanz. Ich jetzt: 26 Jahre alte Studentin mit Brille und – Surprise – Pferdeschwanz. Ich weiß, dass mein Begehren mit Hierarchien zu tun hat, dass es lang an den Wunsch geknüpft war, nah an alte weiße Männern ranzukommen, um den Respekt zu erfahren, den sie erfahren und dass das weder funktioniert, noch wirklich begehrenswert ist, aber schlauer sein wollen, Wissen auch vermitteln zu können, Sachen infrage zu stellen und zwar fundiert und kluge Worte zu benutzen, ehrgeizig zu sein und mir Mühe zu geben, das will ich (wieder). Selbstbild als Hufflepuff, die sich nach Ravenclaw wünscht.
(Täglich bloggen ist tricky, wenn mehr Text als Bild in das Posting soll, wenn der Text öffentlich sein soll, einfach so. Eine Kette aus Ich habe nichts zu sagen -> ich habe nichts Schönes zu sagen -> ich habe nichts Kluges zu sagen -> ich kann das Kluge nicht schön sagen -> jemand wird es weder klug noch schön finden und gegen mich verwenden. Und es dauert STUNDEN. Ich muss mal mein „orr, fuck it“ üben.)
Nach der Lucas Geburt durfte ich mir etwas von Ella wünschen und wünschte mir Suppenrezepte. Ich dachte da an einfach ausgedrucktes A4-Papier, nichts großes, nur die Rezepte. Seit wir uns das erste Mal im Meatspace begegneten, will ich eine Petition dafür einreichen, dass sie ein Kochbuch veröffentlicht. Dedektivin, die ich bin, konnte ich noch vor der Auflösung kombinieren, dass es sich bei ihrem Geheimprojekt um ein Buch handelt. Ein Kochbuch, hoffte ich. Es wurde ein schönes Nähbuch, aber ich hoffe weiter. Verlage dieser Welt, Kochbuch von Ella, na, na, naaa?
Jetzt kam dieses Baby zur Welt und ich wünschte sie mir als gute Fee und Kochpatin für das Baby. Sie schickte ein selbstgemachtes, auffüllbares, unfassbar schönes Kochbuch mit Suppenrezepten. Das hat so viele anfassbare Details, hat aufgeklebte Fotos, Handschrift, durchsichtiges Papier, Nähte, Washi-Tape, ist bemalt und mehr. Ein Schatz, lose gebunden, um mit weiteren Rezepten aufgefüllt zu werden. Ich bin verliebt und halte es oft an meine Brust, wenn da nicht wer anders hängt.
Heute hatte ich die Hände frei und konnte endlich die Kürbissuppe nachkochen. Eine Kombo aus OMG und OMNOMNOM. Mit Apfelsaft als magischer Zutat. Ohne geröstetes Brot und ohne Weißwein, dafür mit gesalzenen Kürbiskernen. Hundertdank Ella, für das, für mehr, für überhaupt! <3
Jedes Jahr im November zwickt mich was. Es ist NaNoWriMo. 2008 habe ich das erste Mal versucht mitzumachen. Das ging nicht gut, ich bin mit einem Romanprojekt eingestiegen, dass schon zu weit fortgeschritten war, an das ich so einen literarischen Anpruch hatte, dass ich den daily Wordcount von 1667 Wörtern nicht erfüllen konnte. Ein Jahr später habe ich es ohne irgendeine Planung probiert. Einen Monat, nachdem ich angefangen hatte Kreatives Schreiben zu studieren. Das hat nicht geklappt, aber ich habe daran gelernt, dass ich meine Texte genau vorstrukturieren muss, dass ich nicht irgendwas ins Blaue schreiben kann, sondern vorher irgendwie wissen muss, was ich schreibe, wenn es länger werden und Sinn ergeben soll. Also mal überlegt, dass ich einfach meine ganze Story vorher planen muss, dann könnte ich sie am 1. November einfach runterschreiben. Nicht funktioniert, mir fiel erst am 31. Oktober auf, dass ich noch nichts geplant hatte. Ein anderes Mal habe ich meinen Anspruch so gesenkt, nahm mir nur vor, einfach irgendwas zu schreiben, auf 750words.com, Hauptsache 50.000 Worte im Monat November. Noch nicht mal das hat geklappt. Ich sucke hart darin, Zeug konsequent durchzuziehen. Jedes Mal, das ich mich für den NaNoWriMo angemeldet habe, habe ich aufgeben und verloren. Heck, ich habe mir sogar das Buch von Chris Baty gekauft, und es nicht geschafft. Auch dieses Jahr: ich bin nicht vorbereitet. Ich bin so schon überfordert von Uni und Baby. Ich habe keine Geschichte zu erzählen, suche momentan mühsam nach Stoff, übe erst wieder Notate zu machen. It’s been gone for too long.
Aber ach! Aber jetzt! Leelah kam über map und tante auf die Idee, im November 30 mal zu bloggen. Wasauchimmer. Wielangauchimmer. NaBloWriMo, der Naturally Awesome Blog Writing Month. I so need this! Habe seit Sommer sehr seriösliche Probleme zu schreiben und zu bloggen. Habe x aufgegebene Textstümpfe im Backend. Ich brauche hundert Jahre für eine Normseite und habe Zweifel, wie relevant oder interessant denn bitte ist, was ich zu irgendwas denke.
Fuck it! Es ist November! Und wenn das klappt, das Waszusagenhaben und es lesbar machen, dann wird das mehr und yeah. Wieder Klarkommen mit öffentlichem Onlineleben. Huiuiui. Honeys, I’m in!
Menschen, die sich in Frankfurt bewegen, die in ihren Social Media-Kreisen mit Menschen aus Frankfurt zu tun haben, werden vielleicht darüber (Content note: Beschreibungen von sexualisierter Gewalt) gestolpert sein. Gesucht wird ein Mann, der mehrmals versucht habe, verschiedene Frauen zu vergewaltigen, mit Phantombild.
Das erste Mal las ich davon, als mein Bruder es auf Facebook teilte, Überschrift: „Sexualstraftäter schlug sechs Mal in Frankfurt zu“. Das ist nicht das Zeug, das mein Bruder normalerweise teilt. Ich suchte nach einem Witz, einem 4fuckr-Bezug oder ähnlichem, aber da war nix. Einer seiner Freunde, der eher fingerüberkreuz mit sexistischen Witzen ist, kommentierte „kranke Scheiße…“ und ich wunderte mich.
Darüber, wer das teilte und wer es (die Tat, nicht das Teilen) verurteilte.
Darüber, dass ausgerechnet diese Vorfälle geteilt wurden, so aus allen ausgeübten sexualisierten Übergriffen und Belästigungen.
Darüber, dass die Übergriffe überhaupt zu einem Suchaufruf führten und dieser meinen Bruder erreichte.
Einen Tag später sah ich aus den Augenwinkeln das Phantombild des gesuchten Täters auf einem Werbebildschirm bei den S-Bahngleisen, erkannte eine Überschrift, irgendwas mit „100 eingegangene Hinweise“ und ich fragte mich „genau 100, echt?“ Und: „Oh, das ist also wirklich ein großes Ding?“
Ja, ich bin abgestumpft. Ich habe sexualisierte Gewalt so sehr als Alltagsrealität erkannt, dass mich Beispiele davon nicht mehr überraschen. Hätte ich für jeden Vorfall die angemessene Wut, ich käme vor Schreien zu nix mehr (meine schreiende Wut ging heute dafür in diese Richtung. Content note: transfeindliche Gewalt). Also übe ich Muster zu erkennen und denke nach.
Heute dann reichte eine Unidozentin einen Zettel rum, auf dem die Pressemitteilung der Polizei mit Bild gedruckt war, sie bekam das von Kolleg_innen per Mail. Ich kannte den Aufruf im Prinzip ja schon und reichte den Zettel weiter, ohne ihn zu lesen. Ich fand es so seltsam, dass dieser Fall sogar als Zettel im Seminar rumging. Sie riet uns noch, uns zu wehren, wie die angegriffenen Frauen, die den Täter vertreiben konnten, und bestimmte Gegenden nicht aufzusuchen, in denen das passierte, also z.B nicht am Main joggen zu gehen oder am Lokalbahnhof rumzuhängen. (Ich muss nicht erklären, weshalb das kein durchdachter oder hilfreicher Rat ist, oder?)
Ich will hier nicht unbedingt über die Taten selbst sprechen, sondern mich meiner Verwunderung über meine eigenen Rezeption der Sache annähern. Wohin sonst sollte ich es erzählen, wenn nicht ins Internet hinein. Vielleicht fällt euch auch was dazu ein.
Also: Wie und wieso schafft es diese Polizeipressemeldung in Zeitungen? Wieso werden andere Suchen eingestellt, weil der Täter nicht ermittelt werden konnte, trotz Foto oder Autokennzeichen? Weshalb sticht dieses Ding so raus? Warum ist ausgerechnet diese Nachricht of general interest?
Eine Möglichkeit ist, dass es ins Narrativ des unbekannten Übergreifers aus dem Gebüsch (sinnbildlich) passt, der das Opfer im Dunkeln überfällt, statt dass es sich wie bei den meisten Fällen von sexualisierter Gewalt um bekannte oder vertraute Personen handelt. Dazu passt auch, wie das Äußere des Täters beschrieben wurde; sich also auch ein rassistisches Narrativ bedienen lässt. Der Böse kann eindeutiger als böse und bedrohlich erzählt werden, es lässt sich leicht verbreiten, weil es eine bereits gehörte Erzählung ist, die wenig in Frage stellt.
Das Ganze kann auch zu einer „interessanten Meldung“ für Zeitungen geworden sein, weil die Taten in einem kurzem Zeitraum so häufig aufeinander folgten und das ja mutmaßlich von ein und derselben Person; also dass ein noch zu fassender Serientäte3 eine bessere „Geschichte“ hergibt als ein sogenanntes „Beziehungsdrama“. Und es kann überhaupt erst zur Meldung werden, weil die Überfallenen sich an die Polizei gewandt haben. Die das ernst nimmt und seriös verfolgt, apparently. Was mir krass vorkommt. Und im Prinzip ist es krass, dass mir das krass vorkommt.
Ich frage mich auch, was für Folgen die Dynamik hat, die das Phantombild in unseren Seminarraum getragen hat. Die Funktion ist, Zeug_innen und damit den Täter zu finden. Aber sie macht Angst, erinnert die als Frauen Wahrgenommenen an den Default-Mode des Auf-der-Hut-Seins, verfestigt all die „don’t get raped“-Affirmationen. Wie geht es, Verbrechen zu verfolgen, ohne Diskriminierungsmuster wachzurufen?
Im Zusammenhang damit, diesen Text zu schreiben, darüber nachzudenken, las ich die Pressemitteilung genauer – eine der Taten wurde hier begangen. Vor meiner Haustür, more or less. Eher more als less. Auf dem Weg, den ich jeden Tag zur Uni und zurück gehe. Wieder zurück zum Rat der Dozentin: Avoid these places. Ja wie? Ich gehe da lang, ich wohne da. Ich ging da vorhin lang, im Dunkeln. Dass das an der gleichen Stelle noch mal passiert, glaube ich nicht. Es könnte jederzeit, jederorts passieren. Das für möglich zu halten, ist schon eine Weile keine „kranke Scheiße…“ mehr sondern eher „a reality I live in“. Obwohl andere Gewaltmöglichkeiten viel wahrscheinlicher sind. Aber ich kann nicht nicht da lang gehen. Ich kann mich nicht nicht in der Welt bewegen. Und weiß nicht richtig, was ich mit dieser Meldung machen soll.
(Wenn ich noch mal drüber guck, liest sich das unter Umständen als Verteidigung/Inschutznahme des Täters. Which it is not, ich bin da mehr so Team Aufsmaul.)