9.1.

Die Sprachlern-App, die ich benutze, funktioniert wie ein Computerspiel, ich arbeite mich von Level zu Level, bekomme Belohnungen für jeden Tag, den ich am Stück übe. Ich habe meine Einstellungen auf das schwerste Level hochkorrigiert, das sind 5 kleine Lektionen am Tag. Und heute, gerade eben, eine Minute nach Mitternacht, habe ich die 5. Lektion abgeschlossen. Genau eine Minute zu spät. Jetzt bin ich wieder bei Null. Eigentlich wollte ich nicht mehr nach Mitternacht Rumänisch üben. Sondern schlafen. Dann stattdessen tags das so dazwischen schieben. Hat nicht geklappt.

Stattdessen habe ich Schränke abgeschraubt, verschoben, Schränke aufgebaut, rumgeschoben. Es sind Supersaubermach-Themenwochen! Marie Kondo und Consumed auf Netflix, Aufräumchallenges auf Instagram, unter anderem. Das ist ein bisschen Jahreswechsel und sicher ein bisschen Zufall. Aber die Serien sind eine schöne Gelegenheit für viele Beobachtungen zu Geschlecht und unsichtbarer Arbeit. Wie alles rund um Aufräumen Geschlechterhältnisse und Geschlechternormen nur verfestigt. Ich mein, eh klar, Aufräumen als Akt an sich, Ordnung herstellen, ist nichts Subversives. Aber wow, die einzelnen Folgen sind ganz schön in the face. Der Mann, der bei Tidying Up with Marie Kondo von morgens bis abends für seine Lohnarbeit aus dem Haus ist, während seine Frau zwei kleine Kinder versorgt, eins davon stillt, einen Nebenjob hat und mit Aufräumen nicht hinterherkommt. Und dann kommt ihr Mann heim und macht Stress, weil es unordentlich ist. Während er auf seiner Arbeit sicher ohne Gesellschaft auf die Toilette konnte und das Geschirr seines Mittagessens nicht selbst spülen musste, wetten? Ich war nicht die einzige, die sich gefragt hat, wann er endlich magic gecleant werde, weil er definitiv keinen Joy sparkt.

Aber abgesehen von Arschloch-Ehemännern, immer schwingt mit, dass es die Verantwortung von Frauen ist, das Haus ordentlich zu halten. Wenn sie das allein nicht schaffen, schämen sie sich. Bei Aufgaben, die man allein gar nicht schaffen kann.  Während Männer, die im Haushalt wenig beitragen, ebenso wenig hinterfragt werden, wie sie beitragen. Der spiegelverkehrte Fall (bei Consumed), dass eine Frau wenig bis nichts im Haushalt macht, während ihr Mann fast alles macht. Und dann wird sie in die Küche geführt und gefragt, warum. Und nochmal gefragt und nochmal. Die Geschlechterverhältnisse, nicht nur in den Familien, auch im Film-Framing.

Vor Jahren habe ich für ein Uni-Seminar zum Thema Arbeit eine Fallstudie gelesen, in der ein Paar bezüglich der Arbeit, die es im und ums Haus herum machen, genau beobachtet wurde, die Stundenzahl ihrer Aktivitäten gezählt und verglichen. Das Interessanteste daran war, wie sehr diese Messung dem in Interviews geäußerten Selbstbild widersprach. So dass ich mir manchmal wünsche, auch mal beobachtet zu werden, ohne Judgement, nur so, dass ich meine Eigenwahrnehmung in klaren Messwerten spiegeln kann. Wie gerecht oder ungerecht ich die Verteilung der Hausarbeit finde, hat mehr mit der Tageszeit zu tun als mit tatsächlichen Arbeitszeiten, vermute ich.

Und dann ist da Arbeit in der Serie, im Leben der Protagonist_innen, die man nicht sieht, aber ich bin sicher, dass es sie gegeben hat. Irgendjemand muss sich um die Kleinkinder gekümmert haben, während deren Eltern ihren Kram aussortierten. Das schwule Paar, bei dem beide so Schwierigkeiten mit ihrem Kleiderschrank und ihrem Papierkram hatten, aber sonst eine super saubere Wohnung – putzen lässt sich leichter outsourcen als Schrankinhalte zu organisieren, I assume they did that. Darüber, und auch über Kinderbetreuung wird nicht gesprochen, wer macht eigentlich diese Arbeit.

Naja. Mag klingen wie faltige, ausgeleierte Debatten, ist aber noch lang nicht gelutscht, der Drops. We need to talk about this. Offen sein über das, was wir machen und was wir schaffen und warum es bei uns so aussieht, wie aussieht. Also wirklich. Warum es sauber ist, warum es ordentlich ist, oder halt nicht. Who made the magic happen.

 

2 Kommentare zu „9.1.

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