Es ist Sonntag, Fastnachtssonntag, und ich mache teilnehmende Beobachtung. Im Fastnachtsumzug. Vor allem beobachte ich mich selbst. Wir sind hier wegen der Kinder, vielleicht auch, weil man das so macht, aber die Sache ist ja, dass ich das nie so gemacht habe. Von Kinderfasching in Schule und Co mal abgesehen. Auf einem Umzug war ich das erste mal mit 19 Jahren, zufällig, auf dem Weg nach Hause mit einer Freundin daran vorbeigelaufen; ich hatte eine leer gegessene aber noch ungespülte Aufflaufform mit Käseresten in meinem Arm, da fielen dann die Bonbons rein. Mein Partner ist das Aschmittwochskind eines alteingesessenen Karnevalisten, neben mir im Billy-Regal liegt seine Querpfeife, aus seiner Zeit im Spielmannszug. Das große Kind ist auf Kosten des Großvaters von Geburt an Mitglied in einem Karnevalsverein und erhält jährlich eine Geburtstagskarte, unbekannterweise.

Das große Kind trägt dieses Jahr selbst ausgesucht eine Verkleidung. Das kleine Kind trägt ein Kostüm vom großen Kind auf, aus der Zeit als das noch nicht wusste, dass es sich nicht so gern verkleidet. Ausgerechnet mein Partner trägt als einziger von uns keine Verkleidung. Ich hatte das auch nicht vor, aber dann fällt mir am Abend vorher ein, dass ich ausreichend Utensilien habe, um mich zur Suffragette zu machen. Vor allem das Pappschild mit der Aufschrift Votes for Women, das ich gemacht habe, als wir kurz vorm Abi in der Schule einen Held_innen-Mottotag hatten. Nur die Handschuhe vergesse ich zuhause.

Ehe ich mich ankleide, zweifle ich, ob das so passend ist. Mache ich mich mit meinem Kostüm nicht lächerlich, Votes for Women, aber ironisch, zwinker zwinker? Es ist, was ich habe, es ist, was ich sein will, aber ich taste mich mit meinem Körper an die Erkenntnis heran, wie sehr die Grundlage von Erwachsenenkostümen nicht Wertschätzung ist, oder sich in etwas Hineindenken, was man gerne wäre, sondern vor allem ironische Distanzierung, Belustigung.

An Fastnacht teilnehmen, ohne sich mit Rassismus gemein zu haben, geht glaub ich nicht. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Trotzdem bin ich hier. Wir sind da, bevor der erste Wagen kommt, wir gehen, als wir die Pappmachée-Ente für das Ende sehen, hinter ihr die Stadtreinigung und der Wind wirbelt weg, was die Straßenfeger mit dem Besen Richtung Kehrmaschine schubsen. Der Tag geht gut, auf seine Weisen. Das große Kind sammelt Bonbons, das war wohl das Ziel der Veranstaltung. Als der Beutel im Kinderwagen voll ist, werfen wir es alle lose unters Kinderwagenverdeck, es sammelt weiter, wer soll das alles essen. Es ist das Gegenteil von Zero Waste, von #fridayforfuture, es ist #sundayforsweepings, #sundayforscraps, #sundayforstress. Mich beunruhigt der Lärm, die Publikumsbewegung, können nicht alle an ihren Plätzen bleiben, muss man denn so schieben. Stehe da wie eine steife Dame, das ist nicht nur method acting. Irgendwann bekomme ich einen Apfelwein gereicht, nippe ihn weg und entspanne mich. Die Menschen, die das größte Vergnügen zu haben scheinen, wirken auch sehr betrunken, es ist eine Strategie, die ich nicht verinnerlicht habe, aber ja, makes sense.

Zu Beginn des Zuges, als ich am Straßenrand noch vorne stehe, läuft eine Gruppe als „Mexikaner“ verkleidete Männer hinter ihrem Fastnachtswagen her. Ich hebe die Augenbrauen, verdrehe vielleicht die Augen. Einer von ihnen sieht mich, bleibt stehen, zeigt auf mein Schild, lächelt und macht beide Daumen hoch. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, aber ich wünsche es mir immer wieder.

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