29.3.

Wie ich an der U-Bahnhaltestelle wartete und ein Mann, in einiger Distanz, rumpoltert, schimpft und ich drehe mich um, er sagt das alles nicht zu sich, sondern zu einer anderen Frau, und er sieht nicht gut aus, ist mutmaßlich alkoholisiert. Das, was er sagt, über „Penner“, „ungewaschen“, aber rassistisch to its core, es kommt mir wie Projektion, als sage er über andere, was andere über ihn gesagt haben könnten. Er klappert alle erfindlichen Vorurteile ab, bezieht sich auf andere Menschen am Bahnsteig, etwas weiter weg als ich, aber er ist laut genug, dass alle ihn hören können. Im Bauch ein Knäuel, und ich versuche es zu entzerren, wäge meine Möglichkeiten ab. Was ist effektiv, was ist gefährlich. Zu ihm gehen, sagen: „Hören Sie auf, so einen rassistischen Müll zu erzählen, seien Sie still“? Ich erinnere mich, dass man Leute, die belästigen, nicht direkt konfrontieren soll, ich bin kleiner als er, finde ihn unberechenbar, also was stattdessen? Die Frau, die neben ihm steht, zu der er das alles über andere Menschen sagt, sie steht nah bei ihm, ich meine sie lächelt, aber sie sagt nichts, nicht hörbar jedenfalls. Ich beginne, stellvertretend auf sie wütend zu werden, warum sagt sie nichts, warum geht sie nicht weg, merkt sie nicht, dass sie ihn als Gesprächspartnerin, oder mindestens als Gesprächsfläche legitimiert? Als sie mit mir in die U-Bahn steigt, merke ich, dass sie und er nicht zusammengehören, sie nimmt nicht die nächste Tür, sie geht einen Wagen weiter. Als sie sich mir gegenübersitzt, hat sie feuchte rote Augen. Und ich denke an die vielen Situationen, in denen Männer mir unangenehme Gespräche aufgedrängt haben und ich versucht habe, sie wegzulächeln. Situationen, in denen betrunkene Männer sich übergriffig verhielten, und ich versucht habe, mit Mitleid immerhin innerlich Distanz zu halten. Situationen, in denen ich mich bedroht gefühlt habe, und versucht habe, einfach zu warten, bis sie vorbeigehen. Nicht wirklich eine Strategie, eher ein State of mind, Schmerz aushalten, in der Hoffnung, dass er vor selbst weggeht, wenn man das bei Zahnweh schafft, geht das auch in anderen Bereichen. Ich habe selbst ja nichts anderes gemacht, gewartet bis die Bahn kommt, gehofft, dass er aufhört. Ich frage die Frau, ob alles in Ordnung ist, ob sie weint. Sie sagt, die roten Augen, ach, das sei nur, weil sie so früh aufstehen muss. Ich verstehe es so, dass sie nicht darüber reden will, und das ist okay für mich. Was ich über sie denke und vermute, es könnte auch nur Projektion sein. Als versuche ich mich selbst zu sehen. Was ich sehe ist, dass es jetzt wirklich Zeit ist, einen Kurs zu machen, um zu üben souveräner mit solchen Situationen umzugehen. Es wird nicht die letzte sein.

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