*15* – Swag

Ich trage ein Nikolausmützchen als Haarspange auf dem Kopf und vergesse es wie Tampons, die in Werbung getragen werden. Kinder sehen mich an, Kommunalpolitiker_innen lachen mich aus und stolpern. Trüge ich ein Geweih, sie würden mich vielleicht nicht so oft auf Fastnacht hinweisen. Es ist die letzte Stadtverordnetenversammlung vor Weihnachten und ich langweile mich leicht. Debatte zu Open Data, ich sticke das Jugendwort des Jahres in Steppstich in Blumenstoff. Nachgeschlagen kann ich es auf den Plenarsaal anwenden: Ms. Roth hat es. (& how she works her pants!)
Ein Grüne-Soße-See, er schwappt mir vom Teller an der Brust auf’s Samtkleid. Serviettenrettversuch. Ich werde hinter die Kantinentheke gebeten; um einen Tee auszusuchen vermute ich, da steh ich schon am Waschbecken. Eine Frau macht einen Lappen am heißen Wasser nass, reibt mir die hellgrüne Creme vom Kleid, sie sagt „Baby“ und meint es nicht böse.
Vom Rathaus auf den Römerberg, wir stehen gut und bekommen zwei Pferde im Karusselerdgeschoss. Die Außenhand am Zügel, die Innenhände ineinander. Wir halten uns fest, sehen uns an und nicht in Reitrichtung. Zu unserer Runde ist das Lied ein amerikanischer Klassiker, als wir absteigen singt Stevie Wonder und ich vergesse das schöne Lied von davor. Rückweg zum Römer, Passanten lachen: „Ah, des sin ja die zwei Verliebte von vorhin!“
Mir geht es anders gut, heute brauch ich den monatlichen Segen der Stadtverordnetenvorstehenden nicht. Ich reiche ihn weiter, mit leichter Hand:

Ich schließe die Sitzung und wünsche Ihnen einen guten und sicheren Nachhauseweg.

*14* – Doppelgeburtstag

Hurra Klaus, hurra Dana. Erst auf Isomattenküchenboden in Muffingesellschaft husten, in nächster Küche zu weiterer Muffinparty husten, dazwischen auf einer Rückbank bei Pommes-frîtes-Chips husten. Wenn Lippenpiercingkugeln auf ungekehrtem Boden verlorengehen. Ich finde sie nicht in den Krümeln, ich entziehe mich gerne. Club Mate im überdosierten Erkältungsbad. Wir sind eine WG wie Familie. Lachen aus der Küche, ein paar andere in ihren Zimmern, Internet People in Gesellschaftsgesprächen. Die Kinder sind groß genug, sich alleine zu vergnügen, die Mama liegt in der Wanne und raucht Campher und Eykalyptus. Bei den Sims hab ich üblicherweise nicht die Karrierewege durchgezogen (nie genug Freunde Netzwerk, ha!) sondern geknutscht, Liebe und Babies gemacht, geguckt, dass regelmäßig geduscht gegessen computergespielt geschlafen wird. Später gab es Familie als Ambitionsoption. Man kann auch nur zur Musik aus dem Grundstücksüberblick grooven. Meine Ambitionen waren gering genug. Zur Nacht den Rücken mit Erkältungscreme eingerieben bekommen, das brennt wie kalter Hände Streicheln. Beste Besserung.

*12* – wie wünschen

Ich habe viel Glück. Das Christkind hatte alle Erfüllungen parat. Bis auf das Pferd vielleicht (nicht Pony sondern Riesenfriese), aber das ist für alle Beteiligten besser so, vor allem für das Pferd. Mit immateriellen Wünschen ist es schwieriger, die sind nicht so leicht abgehakt wie Turnschuhe und Bücher. Die üblichen Verfahren: Wimpernpusten, Schnuppensuchen, Kissenfedernblasen, Kerzenauswehen. Wünsche, die in Erfüllung gehen sollen, darf man nicht verraten. Dann weiß niemand, was man sich wünscht. Dann kann niemand bei der Erfüllung nachhelfen. Super Trick. Anders geht es nämlich so und gut:  Du wünscht dir was und erzählst es ohne Absicht. Weil du’s dir so wünscht, dass du es erzählen musst. Weil du davon begeistert bist, es ist ja etwas, das du dir wünscht. Das hört jemand und schenkt es dir. Einfach so. Ohne Fest, ohne Zettel.
Vor Tagen den Bruder damit gelangweilt, was für ein Handy ich mir anstelle meines Not-so-smartphones wünsche, ähnlich wie „Oah, ich hätt voll gern jetzt Erdbeeren!“ „Es ist Winter, duh.“ „Ja, is ja klar.“ Leidiges Thema, ein wenig Schwärmen und am Ende der innere Eindruck, in Unnötigkeiten zu needy und greedy draufgewesen zu sein; kleines schlechtes Gewissen.
Vor Tagen dies superschlaue Telefon von dem, den ich liebe, geschenkt bekommen. Ohne Ansage, ohne Zettel, ohne Fest. Einfach so. Wie beschenkt ich bin, ich kanns mit Armen nicht tragen. Aber ich kann Arme um die legen, die mir (das eigentliche) Geschenk sind. Weil zum Wünschen, wie schön, das Danken passt.

*9* *10* *11* – Produktionsbedingungen

We call this a cold. Reste sind wundgetrocknete Lippen und blasse Auswürfe. Im Anatomieatlas bekomme ich gezeigt, wo Schleim wohnt, ehe ich ihn hochhuste. Große Portionen und das Arbeitsgefühl von schmerzhafter Erleichterung wie richtig was geschafft haben. Das andere Buch sagt produktiver Husten, ich denke halbherzige Wortspiele. Wenn ich auf eine tiefe Weise ausatme, surrt es wie Spielzeugautos, die man zurückzieht, aber in der Luft ausrollen lässt. Es schmeckt wie Schnee an Weihnachten in meinem Rachen. Wir haben aufgehört, die Kalendergeschichten zu lesen. Ich habe aufgehört, Kalendersachen zu schreiben. Wir haben heute keine dritte Kerze angezündet. Wenn ich schlafen gehe, werden meine Lippen platzen, ehe ich aufwache. Wenn ich nicht schlafen gehe, werden andere Unglücke geschehen. Mir wird nicht weihnachtswarm.

*8* – Wunschzettel

Die Kinder aus dem Adventskalenderbuch meiner Familie schreiben am 8. Dezember ihre Wunschzettel. Annerose wünscht sich Himmelbett und Taufkleid für ihre Puppe, in rosa oder hellgrün, aber nicht in blau, denn die ist ja ein Mädchen. Ich lese das fast 50 Jahre alte Buch mittlerweile in dritter Generation. Wie bei einer Wahlliste der Grünen liest der, den ich liebe, die geraden Tage vor, ich die ungeraden.  Also Wunschliste. Das letzte Mal, dass ich welche aufgeschrieben habe, war der wichtigste Wunsch, dass die Großeltern zu der, die mal Papa hieß, so sagten, wie sie sich wünschte, zu heißen. Andrea. Später ging Wunschliste so: der Mutter einen Link zeigen, es als Wunsch benennen, fertig. Oder Jahreszeitunabhängig so. Aber wenn die Instanzen verschwimmen, an wen soll man sich richten? Das Christkind?

 

*6* und *7* – Doppeltürchen

*7*

Das Bett zum Fenster. Gegenüber Raben, die tanzen auf dem Flachdach. Schwimmen am Fenster hinter Schneespraystencils vorbei wie Fledermäuse. Dafür ist es eigentlich zu hell. Es ist zu trüb, den Tag im Draußen zu begehen. Unter einer Decke gefüllter Schokoladenrippen dem Fenster entgegenliegen und sich die Lungen wund husten, der Assonanz willen. Womit Geschepper abfedern? Das Glück von Kräutertee, der sich rot färbt und nach Früchten riecht. Wir haben die tägliche Geschichte vergessen, eingeschlafen aus Versehen, es ist richtig so.

*6*

Nikolausmützen hätten sie tragen sollen, die zwei, oder wenn sie ein Team wären, hätte einer auch Knecht Ruprecht sein können, und zusammen wären sie die älteste Version des Good Cop-Bad Cop-Spiels.
Ich bin zu Besuch auf einer Regionalkonferenz in der Nähe und schau mir an, wie Michael Paris und Peter Feldmann sich schlagen. Für den Fall, dass sie sich hauen, trage ich passende Oberbekleidung. Sie hauen sich nicht, sie gehen so wenig aufeinander ein, wie die einzelnen Punkte ihrer Reden nicht miteinander verknüpft sind. I’m here for the show, aber in Sachen Style hätten sie im English Debating wenige Punkte bekommen. Das sind nicht die Regeln, nach denen sie spielen, aber als Debattierwettstreit wärs eloquenter. (Formexkurs: Ist nicht das ganze Leben eigentlich Debattierwettbewerb?)

Notizen:
Der Begriff Kita2000 und ich denke an Binfordprodukte.
Der Klassiker, „Kinder und Menschen“ in einem Satz zu sagen.
SPD als „Partei der Arbeit“. Partei der Arbeiter_innen würde ja allein nicht mehr zutreffen, aber Partei der Arbeit könnte auch eine prokapitalistische Partei heißen. Was passt:
„Ich bin bei de Leut. Auch bei de Leut in der Finanzwelt, der Kunst- und Kulturszene.“
Vorne sind noch drei Stühle frei. Eine ruft: „Wenn keiner kommt, leg ich hier die Füße hoch.“ Der Trick wirkt.
Plätscherklatschen, wo alle nicht so recht wissen, obs passt. (Die Redner haben die Pausendramaturgie nicht in der Hand.)
Der eine sagt, höhere Bildung sei bei Mädchen rückläufig. Dazu wüsste ich gerne mehr.
Über Menschen in Hochhaussiedlungen: „Ich kann mit ihnen sprechen, sie verstehen mich.“ Sollte es nicht umgekehrt sein?
Mein Lieblingsding: einer gerät ins planungspolitische Phantasieren, hat eine dünne Vision von Plätzen, wo alte Männer jungen Frauen hinterherschauen können und alte Frauen über die Kleidung dieser jungen Frauen meckern können. Das als Raum, in dem „Heimatgefühl möglich“ sei. Ich staune. Ich kotze. Wenn Sexismus und Lookism Grundpfeiler deiner Vorstellung von gemeinschaftlichem Zusammenleben sind: disqualified.
Oder als Antwort auf eine Frage zum Thema Diskriminierung: Dass Leute, die aus Herkunftsgründen zwei Ländern verbunden sind, kein Problem seien, er sie nicht als Problem sehe, sie könnten in ihre Heimatländer fahren und da mit Firmen Kooperationen für Frankfurt machen. Hier gehen wir.

In der großen Filztasche, die mein Schuh war, liegt Bebels „Die Frau und der Sozialismus“. Dahinein mehr Hoffnung auf Analyse und Haltung setzen, als in zwei OB-Kandidaten der Gegenwart.

*5* – Knospen

Kirschzweige haben ja Knospen. Irgendwie hab ich in all den Jahren Wunsch nicht darüber nachgedacht, wo aus dem Holz am Heiligen Abend denn die Blüten raus sollen, ist ja noch nicht Frühling, vielleicht passiert das alles erst, wenn man sie ins Wasser stellt, so als hätten Bäume keine Energieversorgung von ganz von selbst. Jetzt stehen sie im Glas und ich sehe, da sind schon Knospen dran und bereit und brauchen wahrscheinlich nur Wärme extra, um früher zu kommen. Wenn sie dahin kommen. Wenn sie nicht abbröseln. Wenn man so mit Zweigen rumstupst, fallen nämlich die braunböppeligen Knospen wie Käferchen zu Boden. Da, wo die Knospen sich bilden, sind die Zweigstellen (haha) ganz schrumpelig. Und ich denke einen gemeinen Vergleich, weite Zusammenhänge, Jahreszeitenkontext und so weiter. Die frischen Ästchen sind schrumpelig wie ein ganz frisches Kind. Sachen, die neu sind in der Welt sind vielleicht überhaupt erst einmal angeknautscht. Es passt ja mit den Kirschen und dem Blühen und der Weinacht als Neugeburtsfeierei. Ros entsprungen, Kind geboren, diese Dinge. Allerdings fallen die Knospen ja leicht ab. Nichts zwingt sie ins Blühen. Was ich mich fragte, als ich darüber nachdachte, wie oft es zufällig nicht gelingt mit dem neuen Leben: was für ein fieser Trigger ist die Weihnachtszeit eigentlich für alle, denen ungewollt eine Fehlgeburt passiert , die sich was wünschen und es nicht selber machen können, die es bekommen haben, aber nicht behalten können? Wie kommt es, dass mir das noch nicht begegnet ist? Wo gehen diese Traurigkeiten jedes Jahr hin?

 

*4* – Zweigschmuck

Nachmittagskuchenbesuch bei der rumänischen Stiefoma. Sie bespricht Scheidungsdetails mit meiner Mutter, gemeinsam recherchieren sie, welche Partei für was einen Anwalt braucht oder auch nicht. Mit dem Sohn der offiziell Baldnichtmehrstiefoma, seiner Frau und ihrem kleinen Kind bauen wir Lego, mein altes Spielzeug und ich will es irgendwann wieder haben. Mein Rumänisch reicht, um zu verstehen, wann das Kind „Schau hier!“ sagt (so oft, ich sag es auch mal) oder die Mutter fragt, ob es aufs Klo muss und ob es in seinem Nein sicher ist. Alles, was ich verstehe, könnte mir nicht selbst einfallen, das ist mein Sprachstand. Das Kind kriegt Sachen auf Englisch erzählt und übersetzt, es sagt Worte nach, die die Spezialautos-Handy-App ihm vorsagt. Von Mutter und Oma dazu angehalten gibt es mir ein High Five, das find ich cool, nonverbale Kommunikation, weil mehr nicht geht. Auf dem Heimweg zeigt uns die Oma den Weg mit dem Auto dahin, wo sie im Sommer mit ihrem Freund Kirschen pflückte. Es ist dunkelkalt, aber regnet nicht mehr, der Weg vom Parkplatz zum Baum mit einer Taschenlampe. Wir brechen Äste ab, kaufen ginge ja nicht mal in der Kleinmarkthalle, mir fällt beim ersten Ast ein schmutziger Tropfen ins Auge. Die Großen holen die hohen Sachen runter, ich warte und sammle ein, was sie mir geben, einen kahlen Strauß auf die Hand. Das erste Jahr. Das erste Mal in meinem Leben, dass der Kirschbrauch, Teil eins, gelingt. Wahrmachen, was in alten Büchern steht. Mit Sträuchern im Arm durch Straßen und Bahnen wird mir ganz hochstaatlich, zugleich könnt ich alles und alle damit stupsen. Du bist im Begriff, Zeitschriftenständer anzustupsen. Zeitschriftenständer wird darüber informiert. Der, den ich liebe, packt seine Pfadfindeskills aus und macht den Ästen daheim das Trinken leichter. Die hinein in ein Glas, das nie weniger als eine Vase war. Warten. luzilla erklärt, wies geht:

http://twitter.com/#!/luzilla/status/143408649954525184

http://twitter.com/#!/luzilla/status/143408683651575808

http://twitter.com/#!/luzilla/status/143408721324814336

und

http://twitter.com/#!/luzilla/status/143437550588141568

*3* – Schnipsel, undramaturgisch

* Am Baum hängt ein Eichhörnchen mir nah und in Hüfthöhe, seine Ohrhaare flattern im Wind. Wir stellen uns den Baum als Rakete vor. * Der, den ich liebe, fragt in der Bäckereifiliale, was ich mir wünsche. Einen Cappuccino, sage ich. Und einen Kuss. Frag mich, was aus Letzterem wurde. Ich überzuckere den Cappuccino in der Ecke für Heißgetränkegimmicks und gebe acht, dass wir das Croissant, das er bestellte, nicht vergessen. Wir tragen es uns gegenseitig hinterher, ich halte es für seins, er legt es mir als meins an die Tastatur. Das Croissant als verhörter Kuss, froh geklärtes Missverständnis. * Der Pressespiegel meiner Gespräche * Dieses Schwäbisch ist ein nervöser Gesang und weist auf Anschlusszüge hin. Es ist fast ein Weinen auf fast hochdeutsch.* Wenn ich mit Geigenkoffer durch die Welt gehe, stelle ich mir vor, dass die Welt mich für eine Professionelle hält. * Ich habe meine Kamera vergessen, aber keine Lust auf Wehrlinotate. * Details, wenn ich beim Straßenmusizieren von den Noten weggucke: wie ein blinder Mann an den Geigenkasten kommt, einen Mann neben sich berührt und bittet, das Geld für ihn in den Kasten zu legen, erst zwei 5-€-Scheine aus dem Portemonnaie und noch Münzen nachgereicht. Er spendet es für krebskranke Kinder, ich weiß nicht, ob er das weiß. * Der Kulturwissenschaftsfachbereich personifiziert in weißbewandeten Dutt-Mädchen. (Mehr Vielfalt unter Lehrämtlerinnen.) * Lieber nicht im alten (Teddy-)Pelz beim Schwarzfahren erwischt werden. * Zwischen ‚Ich habe ein Recht auf mein Studium‘ und ‚Mein Studium ist mir nicht recht.‘ * Dass ich um Gehaltsungerechtigkeiten weiß, heißt nicht, dass ich beweisen muss, nicht in diese Ungerechtigkeiten zu fallen. * Etwas geschenkt bekommen, wonach man nie fragte. * Geh mit Liebe vor, geh vor mit Liebe, aber wohin? * Die Klingelschilder ‚Malherzig‘ und ‚Schmeckebier‘ untereinander. * Ich kann mir (in dir) sicher sein. Ich bin mir (mit dir) sicher. * (Die Systemkritik bröckelt.) *