21.3.

Frühling lässt sein blaues Band und ich möchte mich darin einwickeln. Mit Rosen bedacht, auf einer Wiese. Und liegen und warten auf Regen aus Kirschblüten und Magnolien, die Lider zugedeckt, dann aufgeweckt.

Ich bin frühlingsverbunden. Will Sämereien leerkaufen, aber warte noch auf das, was ich bereits gesät habe, und muss ein Bett bereiten für alles, was wird, ehe ich mehr Körner auf Erde streusel. Alle Babys auch versorgen können. Wie euphorisch der Samen-Andreas ist, wie ich – nicht heute alle Sämereien leerkaufen, na gut, aber morgen vielleicht, oder übermorgen. Eine selige Unvernunft.

Pathetischer Pups, der Text, ich bin in einem Müdigkeitstaumel, ein Nachmittag nach nicht geschlafen. Ein Vormittag an der Sonne und ich habe so viel erledigt, ich bin es auch. Bin schneller gelaufen, als ich konnte, das erste Mal Seitenstechen, war Spazieren und Essen, habe ein Buch fertig gelesen und ein Neues begonnen, Yogaschreibenrumänisch erledigt, auf wackligen Beinen Unkraut gezogen, mit Sonnenhut, und den Weg alleine nach Hause geschafft, ohne im Bus einzuschlafen. Das Licht ein Schmatzer auf die Wange, es verabschiedet sich bis morgen. Kein Grund für #fomo, my dear. Morgen früh, lalala, wirst du wieder geweckt. Oder heute Abend. Kaffee wartet schon.

20.3.

Ich bin wach. Alleine im Wohnzimmer, alle Einschlafbegleitungen längst abgeschlossen und sogar fast wach genug, um irgendetwas anzufangen. Eine Überraschung, die ich sicher unklug bis in die Morgenstunden herauszögern werde.

Das große Kind möchte abends im Bett, im Halbdunkel, dass ich etwas von früher erzähle. Leicht von der Hand gehen technologische Veränderungen, Internet, Speichermedien für Musik und Filme, Televisions- und Telekommunikationsgeräte. Wir blättern im Nachttischlampenlicht alte Fotoalben durch, ich zeige vor allem auf Telefonkabel.

Heute, später, Themenwechsel. Ich soll mehr erzählen, anderes, also: dass Gewalt gegen Kinder früher erlaubt war, und an vielen Orten immer noch ist. Das Kind verschränkt im Liegen erbost die Arme. Ich will nicht, dass das das Letzte ist, was es in den Schlaf hineinträgt, überlege, ob mir noch etwas einfällt, was früher besser war oder schöner war. Nur: mir fällt nichts ein.

Wie froh ich über die Gegenwart bin. Trotz allem. Wegen allem anderen.

19.3.

wie dreht es sich –

übersprungshandlungen, ausflüchte, viel verschwendete zeit ist es, wie ich auf seiten für gebrauchtkleidung nach ballkleidern forsche. für mich, für eine schifffahrt mit formalen abenden, für einen dresscode. wie ich suche nach dem besten für den wenigsten preis in der richtigen größe, aber ich weiß ja nicht nicht mal, wie das in 14 monaten lauten wird, unabhängig davon, wie wenig aussagekräftig die angabe von marke zu marke eh ist. ich vergleiche und könnte in der zeit was anderes tun, ein gutes buch lesen, meinetwegen (ein wirklich gutes buch drei arme weit entfernt, noch nicht ausgelesen). ich halte ausschau nach allem, was blau ist, für das meer, eingeschränkte auswahl, etwas weniger zu vergleichen, immerhin, und ein thema.

– es dreht sich wie –

eigentlich lernen müssen fürs abitur, vor allem fürs matheabitur, man kann für mathe nicht lernen, sagen sie alle, aber nur weil ich mit lernen üben meine, und nicht auswendiglernen, haben sie trotzdem nicht recht. wie ich meine, spätabends noch lernen zu sollen, aber es geht natürlich nicht, irgendwann ist feierabend, deshalb klicke ich mich schlechtestem gewissen und viel genuss von seite zu seite auf der suche nach dem perfekten abiballkleid. es soll over the top sein, aber genau richtig, den rahmen sprengen, aber mir passen und am ende wird es ein brautkleid, gebraucht für 90$ – champagnerfarbene spitze, wildseide, der königinnenschnitt meiner träume. plan b war ein kleid von etsy, für viermal so viel geld, spezialangefertigt und über das gesamte kleid gemalt: edward munchs schrei. wär thematisch passender gewesen, wenn ich so zurückdenke.

– wie es sich dreht

woanders sein wollen, wenn man nicht gerne in sich selbst ist; auf dem wasser, in einem kleid mit glitzersteinen, hauptsache es bewegt sich. mit wind. hauptsache es dreht sich. ich kann auf den passenden schuhen kaum laufen, aber das macht nichts. ich muss nicht tanzen, um einem thema zu folgen.

18.3.

Jetzt wieder neu ist jeden Monat über Gefühle staunen, die nur daher kommen, dass eine Menstruation nah ist. Schwere schlimme Kummergefühle, es fließen Tränen ehe Blut fließ und danach ist es wieder semiokay. Selbst wenn ich rechtzeitig erkenne, woher es kommt, ich komme nicht dagegen an, es fühlt mich und ich muss durch und staune, wie wenig eigentlich über unser Leben oder unseren Erfolg in unserer eigenen Hand liegt. Herkunft, Ressourcen, Bildungshintergrund, finanzielles Kissen, eh klar. Oder eben Hormone. Wir kann man irgendetwas schaffen, wenn man sich so FÜHLT.

Wie es auch nicht in meiner Hand liegt: Wenn ich gerne mehr da wäre, aber an die richtig schlimmen Dinge komme ich nicht heran, und alles, was dem ähnelt, alles, was zum Beispiel mit Tod zu tun hat, wenn Menschen sterben, ich komme da nicht ran. Verpackt in Pakete, eingeräumt in ein Regal, ein Unheil hinter Glastüren. So viel Unheil, so viel Schrank für so viel Unheil und es ist immer Platz für mehr Schrank und mehr Unheil. Ich weiß, wie das ist, wenn ein Mensch stirbt, dann fehlt, und weiß eigentlich gar nichts. Ich weiß davon, wie es sich anfühlen kann, ich will das nicht anfassen. Pipifax, aber: als Kind beim König der Löwen so weinen müssen, als Mufasa stirbt und immer noch weinen, als Timon und Pumbaa längst die Stimmung drehen und Larven essen und pupsen. Immerhoch heulen, bitterlich, über den Sessel gelehnt, bis in den Abspann hinein. Nicht fiktiv ein Elternteil verlieren und das einzige, was tröstet, ist die Vorstellung, sich nach dem eigenen Tod wiederzusehen, für Umarmungen, aber was wäre denn die Konsequenz aus diesem Trost. Ich muss das im Regal lassen. Oder: wie ich letztes Semester ein Seminar abbrach, weil ich einen Text über Depressionen nicht Wort für Wort analysieren wollte, aus Angst, er schleiche sich rein, und was dann. Ich weiß, was ich fühlen kann, wenn ich mich darauf einlasse, ich weiß es lieber, als es zu fühlen. Aber nur, weil ich feige bin.

17.3.

Es ist so banal. Die Tricks, die Atmen und Stille im Ärmel haben, was das beides wieder gut machen kann. An Schmerz, sensorischer Überforderung, und so weiter.

Am Wochenende keine Zeit für nix haben, oder keine Zeit für alles, was man alleine mit sich machen kann, sondern nur Lohnarbeit, Kinder, Nahrungsaufnahme und dazwischen ein bisschen scrollen, selbst auf dem Klo immer in Begleitung, Sie kennen das. Also eben, weil ich noch wach genug war, oder noch nicht zu zerstört, drei Yogavideos hintereinander abgehakt. Jetzt ist mein Atem wie Butter, oder: wie eine blaue Schleife. Ein Bild hinter Lidern gemalt bei etwas, das man Meditation nennen kann. Eine ultramarinblaue Schleife, beim Einatmen aus Seide, beim Ausatmen aus Samt. Am Ende ist es nur Rumsitzen und atmen, aber wie nice ist denn bitte Rumsitzen und atmen.

Was ich heute nämlich gemacht habe, als ich dachte, das nächste laute Wehklagen Spielzeugwerfen Türenknallen zündet eine Bombe. Für eine Viertelstunde in mein Zimmer gegangen – eine Werkstatt turned Teeny-Zimmer turned Gästezimmer turned Rumpelkammer turned Arbeitsplatz turned Rumpelkammer again. Ein immerhin leerer Schreibtisch, ein Spiegel auf den Licht fällt, ein knospender Baum vorm Femster und gegen den Krach aus dem Stockwerk darunter anatmen.

Die Schleife, ein Loop aus heben und senken. Je ruhiger ich werde, umso mehr verwäscht ihr Blau, wird Wasser. Und ich jetzt so soft, ich weiß nicht, ob ich Samt oder Seide bin.

16.3.

Aus dem Halbliegen –

die Nase Richtung Windeleimer. Im Rücken, zwischen den Schulterblättern, klemmt ein Kleinkinderatem. Ich verscrolle mich heillos. Einen Atem voll nehmen, semibetäubt die Augen schließen. Ich habe eine Idee. Ich habe etwas ausgeschrieben und hinter dem Übersprungsgedanken, ob ich nicht neu Jura anfangen soll (Gesetze, nicht Dinos) lauerte das, was ich wirklich will. Ich weiß noch nicht ob es geht, aber ich weiß, dass es das Richtige wäre. Ein Kribbeln unter den Rippen. Die Möglichkeit auf meiner Zunge testen, eine unausgesprochene Brause, sie von Wange zu Wange schieben. Dann fragen.

15.3.

Zeit, alle Tabs aufzuräumen. Alle als Screenshot gespeichtern Bücherwünsche in die digitale Wunschliste zu aktualisieren. Einen Warenkorb zu füttern, als Online-Windowshopping, und dann nichts zu kaufen, weil ich überlegt geizig bin und spontan irrational spendabel. Macht mir ein Angebot und gebt mir keine Zeit, ich sage ja.

Zeit, die Beete fertig umzugraben, oder, naja, UMgraben ja nicht, aber aufzulockern und dann die ersten Reihen Möhren und Knoblauf rein. Zeit, Rosen zu schneiden, aber es regnet. Zeit, wieder laufen zu gehen, das erste Mal für 20 Minuten am Stück, aber es regnet, regnet täglich, ich will gar nicht das Haus verlassen.

Zeit zu gießen, die kleinen Keimlinge. Wie sie alle ihre unterschiedlichen Bedürfnisse haben, und ich habe keinen Überblick, kann das nicht managen, alle bekommen das gleiche und ist das schon Kommunismus. Noch ist keins aus der Erde geschlüpft, Schrödingers Saatgut, ich weiß nicht, ob da wirklich was wächst, ehe ich es nicht sehe, ich weiß nicht, ob das, was ich sähe, was wird.

Zeit für Kaffee. Sie ist begrenzt, weil ich aus Fehlern lerne, mich nicht mehr abends mit Koffein zuballere und mich dann wundere, warum ich nicht einschlafe. Wie froh ich aber bin, wenn das Fenster noch offen steht, der Blick aus dem Fenster ins Helle, wie schön der Gedanke, dass es noch möglich sein kann, eine warme Tasse in der Hand zu haben. Die Chance, sich tagsüber ein bisschen wacher zu machen, und der Duft. Die Realität ist, dass ich den Kaffee irgendwo stehen lasse, drei mal in der Mikrowelle aufwärme, wo ich ihn auch wieder vergesse. Aber das Versprechen. Ich freue mich jeden Tag darauf.

14.3.

Statusupdate: Nicht müde, jedenfalls nicht sehr.

Mein Partner so müde, er wollte nach der Einschlafbegleitung selbst ins Bett. Ich wollte ein Statusupdate. Über Kinder reden, weil sonst für nichts Zeit ist, außer vielleicht —

Das Vorlesungsverzeichnis für das Sommersemester im Hauptfach durchgeklickt. Erst wollte ich schreiben überblättert, aber das passt ja nicht. Und auch geklickt ist mit dem ipad nicht präzise. Jedenfalls, die interessantesten Seminare haben vollausgeschöpfte Wartelisten oder finden statt von 16 bis 18 Uhr. Die kitafreundlichste Zeit. An einem Wochentag parallel zu den  Schwimmkursen der Kinder. Bekäme ich denn einen Platz. Falls erneut wer fragt, wie lange ich noch studiere.

Um in die offene Wunde zu gehen: wenig bereue ich so sehr, wie nicht in Hildesheim fertig studiert zu haben. Ich wusste nicht, was ich tue, so organisatorisch, aber ich tat es gerne. Hatte keine Ahnung, wie ein Studium funktioniert. Das weiß ich jetzt, so ungefähr, aber andernorts. Ich weiß nur nicht, ob man das noch zunähen kann. Den offenen Traum.

 

 

13.3.

Müdigkeit bla blub nichts neues ich wiederhole mich. Und —

Salz. Wie in Salz eingelegt die Oberarme, die Knie, die Haut, die ganze Haut. Oder Augen. Wie ich mir neulich gewünscht habe, ich könnte den Kopf in Kaffee halten, die Augen damit auswaschen, aber in Wirklichkeit sind sie paniert in Salz. Jodsalz, kugelige Körnchen, immerhin.

Das Baby hat sich heute die Hände gewaschen, dafür um Seife gebeten, sie zwischen den Händen zu Schaum gerieben und dann in den Haaren verteilt, wie unter der Dusche. Später, als ich im Wohnzimmer davon erzählen ging, biss es in einen festen Block aus Salz-und-Pfefferpeeling.

Auf die Unterarme Salz eingerieben und das Dekolleté, wie Flügel und Brust eines Huhns. Ins Herz massiert, so eine krosse Aussicht mit dem Mund, vielleicht. Ein Ufer, ein Wunsch. Wenn es auch eine Decke sein könnte statt eines Minerals.

12.3.

Wie ich immer schreiben will, wie müde ich bin, wenn ich hier etwas schreibe, und es ist nicht nur redundant, es ist auch albern. Hier zu schreiben ist meistens das letzte, was ich an einem Tag mache, wenn er die kalendarische Grenze zum nächsten Tag eigentlich schon überschritten hat. Natürlich bin ich müde um 1.22 Uhr.

Der Mann, Typ Bradley Cooper, der mit einigen Mädchen in seiner Obhut in der Eissporthalle auf dem Weg zwischen kleiner Halle und Außenring die Durchfahrt blockiert, wir haben Blickkontakt, aber er fährt nicht zur Seite. „Wir würden gerne vorbei“, sage ich, das große Kind im Schlepptau. Er sagt: „Ich war damit beschäftigt, die Sticker zu lesen“, nickt in Richtung meiner Jacke. Darauf ein kleiner schwarzer Black Lives Matter-Button und ein größerer weißer, mit Riot Mom-Aufschrift. Er guckt offen, aber neutral, ich habe keine Ahnung, was er denkt, oder daraus geschlossen hat. Es kann mir auch egal sein. Der Weg ist frei, wir fahren um die Ecke und stackeln zur Toilette. Später haben wir glattes frisches Eis für uns, der Scheinwerfer eine Sonne darauf, und wir lesen Spuren von Bremsmaneuvern und Pirouetten.

1.34 Uhr. Das große Kind tapst um die Ecke ins Wohnzimmer. Mit krächzender Schlafstimme fragt es, ob ich wieder ins Kinderzimmer komme. I’m on my way.