10.4.

An einem Seminar teilgenommen zum Umgang mit Gewalt in der Öffentlichkeit, dabei Migräne hinter mir hergeschliffen. Mein Wunsch: mehr Sicherheit haben im Umgang mit Übergriffigkeit, intervenieren bei rassistischen Pöbeleien und so weiter. Am Ende ist die Migräne festgeschraubter, aber leise genug. Wir haben mehr darüber gelernt, wie man selbst nicht in Gewalt kommt, oder andere dabei herauszieht. Übten das in Rollenspielen, und ich merke, wie die Grundsätze, die ich schon kenne: nicht mit Täter_innen interagieren, das Opfer direkt ansprechen; wie schwer die allein in der Realität des Spiels umzusetzen sind. Aber auch die Versicherung, dass es keinen perfekten Weg gibt, dass ich wahrscheinlich bei allem, was ich in so einer Situtation tue, ein schlechtes Gewissen haben werde. Im Zweifel immer das Richtige tun, deswegen.

9.4.

Gegen ein Klischee und seine Wahrheit –

ich habe Beef mit pms. Erinnere mich, wie der Mann, mit dem ich zusammenlebe, zu Beginn unseres Zusammenseins sowas sagte, empört, wie dass es pms nicht gebe, es klang sehr danach, als hätte ihm ein former girlfriend beigebracht, dass es sich dabei um ein sexistisches Vorurteil handele, so wie „Was regst du dich so auf, hast du etwa deine Tage?“.

Aber das, womit ich mich herumschlage ist real, kein Schattenboxen. Es war ein schlimmer Struggle als Teen, es war jetzt lange nichts wegen Schwangerschaft und Rundumdieuhrstillen. Mein Verdacht auch, dass es ärger wird, je weniger ich stille, aber das ist noch keine legitime Empirie.

Letzten Monat war ich am Weltfrauentag so aufgerieben und wund, saß auf dem Klo und hörte nicht auf zu weinen, weil ich Sachen persönlich genommen habe, die sonst mit Leichtigkeit abperlen oder einem ausgedachten Argument nicht standhalten. Bis ich drauf kam, dass ich mich vier Tage vor der erechneten Menstruation befand. Diesen Monat dachte ich, hyperaware immerhin, dass es ja erst Anfang April ist, die aktuelle Misstimmung eine andere Ursache haben muss. Pustekuchen, in drei bis vier Tagen ist es mutmaßlich wieder Zeit, die Menstruationstasse aus dem Schrank zu holen. Partey, I guess.

Oft genug war es so, dass sich mit dem Einsetzen der Blutung eine große Erleichterung in meinen Körper setzte, breitbeinig und erschöpft. Doch keine depressive Episode! Doch kein Grund akutmäßig wen anzurufen, Termine auszumachen, nur mein Zyklus, na besten Dank. Ich bin ja auch dankbar, wirklich, dass das nur temporär ist.

Außerdem: andere haben Bauchkrämpfe, ich hab nur Gehirnkämpfe. Aber superfit und produktiv bin auch ich nicht, wenn ich blute. Mit pms und Menstruation sind das gut 10 verlorene Tage im Monat. Das nervt. Ich würde gerne darüber hinweggehen, so tun als wär nichts, und ja, will auch nicht representen, wegen meinen Reproduktionsfunktionen weniger fähig zu irgendwas zu sein, um nicht Vorurteilen Vorschub leisten, aber good grief, es ist was es ist, nämlich hier, bei diesem Individuum, eine körperliche Realität. Und ich befinde mich ja noch nicht mal in einem Lohnarbeitsverhältnis (aka Karriere, lol), für das ich Unverwundbarkeit performen müsste. Es nervt, weil mir Sachen schwerfallen, die ich machen will. Zum Beispiel nicht bei jeder tiny insecurity in Tränen auszubrechen. Meine Mindestforderung, vielleicht.

 

8.4.

Die Kita will ab jetzt schriftliche Stellungnahmen, wenn man die Kinder verspätet abgibt. Ich will die Kinder öfter hinbringen, um mehr vom Tag zu haben, aber gehe nachts (abends kann man das nicht nennen) zu spät ins Bett, um morgens wach genug zu sein, die Kinder pünktlich irgendwo abliefern zu können.

Die Kita will, dass Kinder 24 Stunden fieberfrei sein sollen, ehe sie wiederkommen, ich kann damit leben. Wir verbasteln den Tag, dann fahre ich Gebrauchtsandalen fürs Kind kaufen in einem Hochhaus mit Portier und digitaler Klingelanlage zum Scrollen. Ich scrolle an der falschen Stelle, bei den Namen statt beim Pfeil und klingele automatisch. Drücke auf „Abbrechen“, werde vom Bildschirm gefragt, ob ich den Vorgang abbrechen will, breche damit immer wieder das Abbrechen ab, drücke drück drücke und jemand geht an den Hörer, während ich fluche. Später Frühlingsluft auf der Linie zwischen Europaviertel und Gallus, ein Eckhäuschen wie in einem Dorf oder Vorort, mit schmalem Garten, bissi runtergerockt alles, direkt daneben ein neues weißes Hochhaus, aus dem ein Porsche fährt, als ich es passiere.

 

7.4.

„Ein guter Text findet immer einen Weg.“

Hat Thomas von Steinaecker vor ein paar Jahren mal auch in meine Richtung gesagt.   Fand ich einleuchtend, find ich immer noch ermutigend. Allerdings auch:

Wie viele nichtgute Texte ihren Weg finden, schlechte Bücher werden oder Filme oder Speaking Gigs oder was auch immer. Oder, wieviele mittelgute Texte ihren Weg finden. Nichts dagegen, aber naja. Mut zu mediocracy, es kann ein Motto sein. Carry yourself with the confidence of a mediocre white man. Bleibt oft genug ein Scheitern.

Was ich mich heute frage: Sind Texte, die als gute Texte ihren Weg gefunden haben, objektiv gute Texte. Oder werden sie als gute Texte geframet, weil sie ein Netzwerk haben mit genau dem richtigen kulturellen Kapital, um einen mittelmäßigen Text glaubhaft als gut zu labeln.

Wenn man kein Netzwerk hat, oder nicht das passende, wie kann man trotzdem einen guten Text auf den Weg schicken? Oder: wieviel an einem guten Text ist Habitus, ist richtig gesetzte Codes, die die ansprechen, die sich ein Werturteil erlauben können, das was wert ist. Siehe das Geschlechterverhältnis auf Literaturpreislisten. Bland annat. 

Oder: eh klar, dass es somewhat persönlich und individuell ist, welche Texte man gut findet oder nicht, Geschmacksunterschieden eben. Wie die aus Sozialisation und Klassenverhältnissen entstehen und bei weitem nicht so persönlich und individuell sind eben auch. Woran ich gerade denke, ist, inwieweit ein Text als gut markiert ist anhand seines Publikums. Wenn ein bestimmter Typus von Individuen einen Text gut findet, ob er dann „gut“ ist oder nicht.

Der gute Text als Machtfrage. Der gut vernetzte Text findet immer einen Weg. Oder: Der gut gefundene Text findet immer einen Weg. Kommt halt drauf an, wer ihn findet.

6.4.

feeling slightly slighted.

Erinnerungsminiaturen gedroppt wie bunter Zucker, ich weiß nicht so richtig, was ich damit anfangen soll, mini-instanzen, wann ich was hätte besser machen können, aber auch, anders infuriating, was andere mir gegenüber verkackt haben. Zum Beispiel Ansprüche, wie ich mich einen Monat nach Geburt meines toten Kindes auf einem Literaturwettbewerb zu verhalten habe, amidst panic attacks, und ich das nicht greifen und schon gar nicht zurückwerfen konnte, weil ich dachte, ich müsse dankbar sein, dass ich überhaupt mitkommen durfte. Als damaged goods, sozusagen, und jeden Damage verbergen, aber dann hatte der erste Text nebenbei ein Kindergrab, soweit ich mich erinnere, und ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Alles andere mitgemacht, aber trotzdem nicht genug geleistet, gerügt worden am Ende. Perlte an mir ab, oder eben nicht.

In dem Zusammenhang, auch schön: der Jugendfreund, or so I thought, der, weil ich gesagt habe, dass ich mich bei ihm melde, enttäuscht von mir war, weil ich nach ebenjener Geburt das nicht gemacht habe. Ich wusste ja, dass die Prognose superschlecht war, aber mit einer Totgeburt hatte ich nicht direkt gerechnet, and let me tell you, I was not in a good place. Darf ich das noch mal sagen: ER war ent–täuscht.  Darf ich ergänzen: fuck–you.

Not the note I wanted to end on.

Vielleicht noch: ich will nochmal versuchen, einen Führerschein zu machen, im Mai 2016 hatte ich die letzte Fahrstunde. Mal ein bisschen Abwechslung in die Gründe für Nervosität bringen.

 

5.4.

Überlege, den Generationenvertrag aufzukündigen. Genauer gesagt überlege ich, ob ich beantragen soll, bei meinem Minijob von der Rentenversicherungspflicht befreit zu werden, um im Monat 17€ mehr zu haben. Es ist ein Glückspiel, ich könnte das auch lassen, weil mich das Merkblatt davor warnt, dass ich so einen früheren Rentenbeginn verspiele, das erzielte Arbeitsentgeld bei der Berücksichtigung der Rente nur anteilig berücksichtigt werde. Aber dann frage ich mich, ob ich in dreißig Jahren von so etwas wie Rente noch Gebrauch machen kann. Krieg, Klimawandel, andere Krisen. Ob sich das lohnt. Ich möchte, dass mir Peter Zwegat ein Flipchart malt, auch wenn das nicht sein Spezialgebiet ist.

Anderes Tralala: Aus einigen Routinen gefallen, leise in andere hinein. Zwei Tage nicht Rumänisch geübt, weil ich es vergaß und dann keine Lust hatte. Ein Lethargie, die ich auf den Wetterumschwung schieben kann. Heizung hochgedreht, wieder Wintermantel. Immerhin vier Tage lang gebastelt, mein Schreibtisch ist ein sehr vergnüglicher Ort. Ob das hält, zeigt das Wochenende, es ist meine Hürde, hier bleibt jede Woche alles liegen, wofür ich allein in der Wohnung sein müsste.

Finger zwischen die heißen Metallrippen, ein Rauschen, wie wenn man Badewanne vollaufen lässt, aber aus einem anderen Zimmer zuhört. Eine Badewanne, ich könnte auch. Ich könnte.

 

4.4.

Mein Alltagstraum ist es, morgens früh wach zu sein, wenn der Tag ausgebreitet rumliegt, noch nicht abgefrühstückt, auch wenn ich eh meist frühstücke, wenn die Mittagessenszeit schon rum ist. Dann morgens schon angezogen und aus dem Haus sein, vor allem jetzt, wenn es nach Regen riecht und Nektar. Ein Leuchten vor sich hertragen, und danach wieder heim, schreiben.

In theory.

Die Wahrheit ist, dass ich nicht weiß, ob ich es mir empfehlen kann. Das Frühwachsein, ja klar, aber aus dem Haus, Straßen lang, Menschen treffen, it‘s a gamble. Wie schön es sein kann, den Postboten zu treffen, der nett ist, sich in sein Gutenmorgenlächeln verlieben. Wir sehen uns das erste Mal in zivil, oder wie soll ich es nennen, wenn ich einen Wintermantel anhabe, und nicht nur eilig einen Rock zu Schlaf-T-Shirt und Unterhose aus dem Wäschekorb gefischt, während er schon die Treppen hochläuft, und dann barfuß und zerzaust im Türrahmen stehe, dankbar, dass er mich aus dem Bett geklingelt hat. Es ist kein anzügliches Lächeln, heute, ever, nur nett. Da war der alte Postbote, bei dem ich nie sicher war, ob er grumpy oder creepy ist, wahrscheinlich beides. Da war der Paketbote, den wir alle sehr vermissen, null affectionate, aber ein Ehrenmann; hoffentlich jetzt mit einem besseren Job.

Also morgens raus, von einer Begegnung mit gehobenen Mundwinkeln und wachen Augen getragen, und dann treffe ich eine Nachbarin, die kein Interesse an Smalltalk hat, ich laufe auf, breche ab, es ist in Ordnung, aber ich trage das den ganzen Vormittag mit mir herum, wie ich hätte lesen sollen, dass sie sich von mir weggedreht hat, nachdem wir beide uns begrüßten, dass ich sie nicht noch hätte fragen sollen, wie es ihr geht. Awkwarde Momente sammeln, mein nächstes Austellungsstück, wie ich ein Päckchen abholen will, und im falschen Paketshop stehe. Ich schleppe das rum und hätte es lieber verschlafen. Trage es heim, stattdessen, mische es mit Sesam in die Yoghurtschüssel; mein viel zu frühes Frühstück.

3.4.

Wie ich abends sonst zu müde bin für Yoga, es vor dem Mittagessen schaffe, oder eben nicht, aber heute habe ich ein Nickerchen gemacht, einen richtigen Sofaschlaf von 18 bis 21 Uhr, und war gerade wach genug. Habe mich wenig ambitioniert bewegt, ein bisschen geatmet, ein paar Muskeln angespannt, und jetzt, im Bett, dieses Gefühl! Als sei mein Körper ein eigenes, ein doppeltes Kissen für sich selbst.

Den Knoten gelöst, was ich im Sommer machen will und wann mit wem, ich bin fast erholt vom dran Denken allein. Ein Teil davon ohne (eigene) Kinder, fast ein Writing Retreat in meiner Fantasie. (Hoffentlich nicht für Hausarbeiten.)

On the other hand, aufs Herz: nicht geschafft, was ich gestern Nacht noch vorhatte, einfach direkt die Augen zu, ich wollte ja früh raus. Viel Mühe gegeben, um schnieke Kinder in der Kita abzugeben und dann wurde der_die Kitafotograf_in krank. Bis er_sie wiederkommt ist immerhin eine gute Deadline, die Kinderkleiderschränke zu aktualisieren.

2.4.

torn between }

Der Tag, der nicht genug Stunden hat, aber eigentlich hat er mehr als genug, es ist der Teil des Tages, wo man wach ohne Kind sein kann und warum muss man schlafen wollen, ist es wirklich nötig, ich will doch noch –

Seminaranmeldungen machen was schreiben eine Collage basteln in einem Buch lesen Serie gucken und stricken Mails schreiben die Spülmaschine na gut ich will nicht aber sie

und so weiter, aber ich sollte nicht zu spät ins Bett gehen, nur weil die Amseln vorm Haus um halb zwei Uhr abgehen, als könnten sie morgen ausschlafen, ich nicht, ich will die Kinder in die Kita bringen, ich will sie kleiden für den_die Kitafotograf_in. Abends festgestellt, ganz klassisch, das große Kind hat nichts anzuziehen. Das kleine Kind schon, aber nichts, was zur Kleidung des großen Kindes passt, die ich via Ausschlussverfahren als mittelmäßig akzeptabel ausgesucht habe. Bin ja nicht so, sonst, aber sollte vielleicht mehr. Das große Kind trägt oft was schmutzig oder kaputt ist, was nicht seinen eigenen ästetischen Ansprüchen entspricht, eigentlich (bunt, wie rot, lila, gelb, grün, nicht blau, gerne Erdbeeren, gerne Eichhörnchen). Es trägt auf, was wir geschenkt bekamen, was die Oma neu verschenkte (schwarz, blau, matschfarben, Monster, Baustellenfahrzeuge). Es ist mir eigentlich egal, hauptsache angezogen, aber dann ist es mir wieder nicht egal, siehe Kitafotograf_in. Statt

Seminaranmeldungen Collage Buch Serie Wolle Mails Spülmachine

werde ich heute, jetzt, gleich fünf schöne Kinderkleidungsstücke auf Gebrauchtseiten kaufen, mein letztes To Do-Listenitem für im Halbliegen. Auch das Arbeit, mühselig verscrollte Zeit und das Schwierigste ist, mich zu entscheiden. Hilft nicht für morgen, aber es hilft. Do your magic, public accountability.

1.4.

Still doing this, gegen alle Müdigkeiten. Diese Variante ist neu, die Zeitumstellung hat mich ausgeknockt. Immerhin, die Kinder kommen klar. Ich habe gute Dinge vor und bringe die Kinder diesmal selbst in die Kita, damit ich danach schon wach bin für den Tag, aber am Abend hängt mir das nach, die Nacht ging bis vier.

Apropos hängen: heute kopfüber die frischgewaschenen Haare gebürstet, vor dem großen Schlafzimmerschrankspiegel. Und dann das: die Haut unter meinen Augen hängt herunter. Schwere leere Lappen, das war mir neu. Körper, oder: man lernt nie aus. Wie ich erst schrieb: Körper, moder. Das kommt auch noch.

Was da ist: mein neuer schöner Schreibtisch und ich fühle mich, als hätte ich zu Weihnachten ein neues Videospiel bekommen und will spielen, den ganzen Abend nur spielen, aber dann muss ich ins Bett, und kann ich’s nicht ins Bett mitnehmen? Ich will nicht ins Bett, ich will die Nacht an meinem schönen neuen Schreibtisch verbringen, kann ich ihn nicht mit in mein Bett nehmen? Aber weil ich auf Morgensonne in meiner Dachkammer hoffe, sollte ich schlafen, wirklich, ohne ein langes helles Möbel im Arm. Ohne noch mal hochzuschleichen.

Zu gestern, für Morgen habe ich eine Idee, die funktionieren kann. Mein Plan für #the100daysproject ist, jeden Tag ein kleines Bild zu machen, zu einem Satz, den ich gelesen habe, den ich finden muss. Ohrwurm, Unilektüre, Kindermund oder was auch immer. Aufmerksam sein für Sätze. Auch wenn mich das Doppel-f noch stört: #100daysoffindingwords it is.